ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Vicki Baum - "Menschen im Hotel"

"Menschen im Hotel" - mit diesem Roman verbinden wohl die meisten den Namen der Österreicherin Vicki Baum. In den frühen Ausgaben trug er noch den Untertitel: "Ein Kolportageroman mit Hintergründen". Die Verfilmung mit Greta Garbo wurde mit dem Oscar ausgezeichnet.

Stand: 05.07.2016

Vicki Baum | Bild: Bayerischer Rundfunk

Geboren wurde die spätere Autorin 1888 in Wien als Hedwig Baum. Doch der hypochondrisch veranlagte Vater hatte sich einen Sohn gewünscht, der Viktor heißen sollte, so wurde aus Hedwig kurzerhand Vicki. Vickis Mutter bestand darauf, dass ihre Tochter beruflich auf eigenen Füßen stehen sollte und drängte die musikalisch hoch begabte Tochter in eine Karriere als Musikerin. Vicki wurde Harfenistin, sogar die erste Harfenistin der heutigen Wiener Symphoniker. Bruno Walter war ihr musikalischer Förderer.

Schmelztiegel Hotel

Vicki Baum verfolgt 1938 als Zuschauerin in einem Gerichtssaal in Los Angeles einen Mordprozess.

In erster Ehe war Vicki Baum mit dem Journalisten und Schriftsteller Max Prels verheiratet, doch die Ehe wurde nach vier Jahren wieder geschieden. Ihr zweiter Ehemann war der Dirigent Richard Lert, der als Richard Levy geboren wurde und Generalmusikdirektor in Hannover war. Mit ihm zusammen bekam sie zwei Söhne, Wolfgang und Peter. In Hannover begann auch Vickis literarische Karriere. Sie erfand ein literarisches Genre, das die Welt und die Menschen im Hotel zusammenführt: "Menschen im Hotel" (1929) und "Hotel Shanghai" (1937) lauteten ihre bekanntesten Romantitel.

"Menschen im Hotel"

In einem Berliner Luxushotel begegnen wir einer russischen Tänzerin, deren Attraktivität bereits geschwunden ist. Es gibt einen von Morphium abhängigen Arzt, einen Baron, der seinen Unterhalt mit waghalsigen Einbrüchen bestreitet, einen vor dem geschäftlichen Zusammenbruch stehenden Fabrikdirektor und dessen todkranken Buchhalter und eine Sekretärin, die ihr Herz eher leichtfertig verschenkt. Vicki Baum verknüpft in einem atemberaubenden Tempo das Schicksal der Personen. Der Roman wurde mit geteiltem Echo aufgenommen, aber finanziell für die Autorin ein großer Erfolg.

Jahre im Exil

Die österreichische Schriftstellerin Vicki Baum mit ihren beiden Söhnen Peter und Wolfgang

Der Ruhm drang bis nach Hollywood. Bei der ersten Verfilmung spielten Stars wie Greta Garbo und Joan Crawford mit. Der Erfolg verschaffte Vicki Baum eine Einladung in die USA, gerade noch rechtzeitig, bevor in Deutschland die Machtergreifung der Nationalsozialisten sie als Jüdin gefährdet hätte. Nach Europa kehrte sie erst fünf Jahre nach Kriegsende zurück. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1960 in Hollywood blieb ihre Schaffenskraft ungebrochen.

Leseprobe:

Als der Portier aus der Telefonzelle 7 herauskam, war er ein wenig weiß um die Nase herum; er suchte seine Mütze, die er im Telefonzimmer auf die Heizung gelegt hatte. "Was war's denn?" fragte der Telefonist an seinem Schaltbrett, Hörer vor den Ohren und rote und grüne Stöpsel in den Fingern.

"Ja - sie haben die Frau plötzlich in die Klinik gebracht. Ich weiß gar nicht, was das heißen soll. Sie meint, es geht los. Aber es ist ja noch gar nicht soweit, Herrgott noch mal!" sagte der Portier.

Der Telefonist hörte nur halb hin, denn er musste eine Verbindung herstellen. "Na, nur mit die Ruhe, Herr Senf", sagte er dazwischen. "Schließlich haben Sie morgen früh Ihren Jungen -"

"Also schönen Dank auch, dass Sie mich hier ans Telefon geholt haben. Ich kann doch da vorne in der Loge nicht meine Privatgeschichten rumposaunen. Dienst ist Dienst."

"Eben. Und wenn's Kind da ist, ruf ich's Ihnen durch", sagte der Telefonist zerstreut und schaltete weiter. Der Portier nahm seine Mütze und ging auf den Zehenspitzen davon. Das tat er, ohne es zu wissen, weil seine Frau nun dalag und ein Kind bekommen sollte. Als er den Gang überquerte, an dem die Schreib- und Lesezimmer still mit halb abgedrehten Lampen lagen, schnaufte er tief aus sich heraus und fuhr sich durch die Haare. Er spürte erstaunt, dass seine Hand davon feucht wurde, aber er nahm sich nicht die Zeit, die Hände zu waschen. Schließlich konnte man nicht verlangen, dass der Hotelbetrieb aussetzte, weil der Portier Senf ein Kind bekam.

Vicki Baum: Menschen im Hotel


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