ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Gerhart Hauptmann - "Einsame Menschen"

Er war zu seiner Zeit einer der erfolgreichsten Dramatiker Deutschlands. Nach seinem Stück über den Weberaufstand im Jahr 1984 galt Gerhart Hauptmann als "Dichter der Armen". Doch als die Nazis die Macht ergriffen, ließ ihn sein Gerechtigkeitssinn im Stich.

Stand: 23.05.2016

In der Schule tat er sich nicht sonderlich hervor, als Bildhauer und Zeichner zeigte er kein Talent und sein Philosophie- und Literaturstudium brach er ab. Aber Hauptmann war immer ein außergewöhnlicher Erzähler. Nachdem er 1885 Marie Thienemann geheiratet hatte, die Tochter eines reichen Kaufmanns, waren zumindest seine finanziellen Sorgen Vergangenheit. Er konnte sich uneingeschränkt dem Schreiben widmen.

"Einsame Menschen" trifft einen (männlichen) Nerv

Hauptmann mit seiner Frau Margarethe

1891, ein Jahr bevor "Die Weber" seine Position in der deutschen Literaturlandschaft zementierte, wurde sein Stück "Einsame Menschen" in Berlin uraufgeführt. Das Drama erzählt die Geschichte des jungen Gelehrten Johannes Vockerat, der an einer akademischen Arbeit sitzt, nicht weiterkommt und die Schuld dafür seiner Frau Käthe gibt. Sie sei ihm geistig unterlegen, könne die Tiefen seines Denkens nicht ergründen. Käthe glaubt das auch, schämt sich für ihr Unwissen. Und als schließlich eine junge russische Studentin in Vockerats Leben tritt, die ihn versteht und auf gleichem Niveau mit ihm kommunizieren kann, macht es dem Gelehrten nur die Ausweglosigkeit seiner Situation bewusst. Er ertränkt sich im See.

Von Ehelügen und politischen Gesinnungen

Die Parallelen zwischen Käthe und Hauptmanns eigener Frau waren offensichtlich. Hauptmann thematisierte die Unvereinbarkeit von Ehe und Selbstentfaltung, die viele seiner männlichen Zeitgenossen damals umtrieb. Er und Marie ließen sich nach acht Jahren Ehe scheiden. Hauptmann heiratete wieder.

1912 bekam er den Literaturnobelpreis, er schrieb unermüdlich. Sein "Naturalismus" verscherzte es ihm mit Kaiser Wilhelm II., obwohl Hauptmann sich nicht mit dem Sozialdemokraten identifizierte. 1930 fragte ihn Thomas Mann, ob er ein Manifest gegen die NSDAP unterzeichnen würde. Hauptmann lehnte ab, trat 1933 sogar in die Partei ein. In seinem Werk ist davon kaum etwas zu erkennen.

"Johannes. Fräulein Anna! (Er führt ihre Hand an seinen Mund und hält sie dort fest.)

Frl. Anna. Ich habe nie andern Schmuck getragen. Wenn man schwach wird, muß man an seine Geschichte denken. Und wenn Sie ihn ansehen - in Stunden der Schwäche - dann - denken Sie dabei auch - an die - die fern von Ihnen - einsam wie Sie - denselben heimlichen Kampf kämpft. - Leben Sie wohl!

Johannes. (außer sich.) Niemals, niemals sollen wir uns wiedersehen!

Frl. Anna. Wenn wir uns wiedersehen, haben wir uns verloren.

Johannes. Aber wenn ich es nur ertragen werde!

Frl. Anna. Was uns nicht niederwirft, das macht uns stärker. (Sie will gehen.)

Johannes. Anna! Schwester.

Frl. Anna (immer unter Thränen.) Bruder Johannes.

Johannes. Soll ein Bruder - seine Schwester nicht küssen dürfen - bevor sie sich trennen, auf ewig?

Frl. Anna. Hannes, nein.

Johannes. Ja, Anna! ja, ja! (Er umschlingt sie und beider Lippen finden sich in einem einzigen, langen, inbrünstigen Kusse, dann reißt Anna sich los und verschwindet. Ab über die Veranda.)"

(Gerhart Hauptmann: Einsame Menschen)


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