ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur George Bernard Shaw - "Pygmalion"

Der Dubliner Autor George Bernard Shaw war ein Missionar der sozialen Aufklärung. Aber statt mit erhobenem Zeigefinger zu moralisieren, verpackte er seine Kritik in beißendem Humor und wurde zum erfolgreichsten Dramatiker seiner Zeit - und zum Literaturnobelpreisträger.

Stand: 12.07.2016

Shaw wäre nicht Shaw, wenn er den Literaturnobelpreis kommentarlos entgegengenommen hätte. Öffentliche Ehrungen seien ihm zuwider, sagte er und wollte die Auszeichnung schon ablehnen. Er entschied sich dann aber doch dafür, den Preis in Empfang zu nehmen, allerdings spendete er das Preisgeld einer englisch-schwedischen Literaturstiftung. Mit diesem politischen Statement erregte er damals enormes Aufsehen.

Shaw, der entschiedene Sozialist

Shaw engagierte sich stark für die sozialistische Fabian Society, die Ende des 19. Jahrhunderts in England gegründet wurde. Er verfasste Streitschriften, Aufsätze und Broschüren für diese Vereinigung, prangerte die Ausbeutung der Arbeiter an, die Diskriminierung der Frauen und das Gutsbesitzertum. Er setzte sich für bessere Schulen ein, für ein besseres Theater und besseren Musikgeschmack - schließlich begann er seine publizistische Karriere als Musik- und Theaterkritiker, bevor er selbst Stücke schrieb.

Wenn sich Intellekt zu Arroganz auswächst

Shaws enormer Intellekt und sein begnadeter Witz schärften seine Sprache zur Waffe. Wo er spottete, wuchs kein Gras mehr. Leider aber trieb seine Überlegenheit in manchen Fällen schauderhafte Blüten. 1931 überlegte er vor der Kamera, ob man bestimmte Parasiten der menschlichen Gesellschaft nicht vergasen solle. Schlimmer Ausrutscher, auch wenn er von den deutschen Vernichtungslagern damals noch nichts ahnen konnte. Trotzdem: Sein Gesamtwerk bleibt als unvergleichlich kluge und urkomische Analyse gesellschaftlicher Heuchelei eine Bereicherung der Weltliteratur.

"Pygmalion" - eine charmante Komödie

Eines seiner berühmtesten Stücke ist "Pygmalion". Shaw erzählt hier die Geschichte der naiven Blumenverkäuferin Liza Doolittle und ihrem Sprachlehrer Professor Higgins, der aus der ungebildeten und breit Dialekt sprechenden Liza eine wohlartikulierte und vorzeigbare Dame der Gesellschaft macht.

"FRAU HIGGINS im Konversationston. Glauben Sie, daß es regnen wird?

LIZA. Die schwache Depression im Westen unserer Inseln dürfte sich wahrscheinlich langsam in einer östlichen Richtung bewegen. Es finden sich keinerlei Anzeichen einer großen Veränderung in der Barometerlage.

FREDDY. Haha, ist das komisch!

LIZA. Was ist daran unrichtig, junger Mann? Ich wette, daß ich's richtig gesprochen habe.

FREDDY. Es ist zum Totlachen.

FRAU EYNSFORD. Ich hoffe aber ganz besonders, daß es nicht kalt werden wird. Die Influenza grassiert sehr stark. Sie macht in jedem Frühjahr regelmäßig die Runde in unserer ganzen Familie.

LIZA. Meine Tante starb an Influenza, so hieß es. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß man die alte Frau abgemurkst hat.

FRAU HIGGINS verdutzt. Abgemurkst?"

(George Bernard Shaw: Pygmalion. Übersetzt von Siegfried Trebitsch)


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