ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Georg Büchner - "Woyzeck"

Der Name Büchner und sein Werk stehen für den rebellierenden, den radikalen deutschen Dichter. Drei berühmte Theaterstücke verbinden sich mit seinem Namen: "Dantons Tod", "Leonce und Lena" und "Woyzeck". Keines dieser Dramen wurde zu seinen Lebzeiten aufgeführt.

Stand: 05.07.2012

Undatierte Zeichnung Georg Büchner | Bild: picture-alliance/dpa

Wie Karl Georg Büchner (1813 - 1837) mit 21 Jahren aussah, weiß man dank eines polizeilichen Steckbriefes: Der Student trug blondes Haar und einen blonden Bart, seine Gesichtsfarbe war frisch, die Stirn sehr gewölbt. Unter dem Stichwort: "Besondere Kennzeichen" hielt der Merkzettel noch fest: Kurzsichtigkeit.

Studienzeit in Straßburg

Schon in seiner Gymnasialzeit zeigt Büchner sich als unersättlicher Leser, der sich unter den griechischen und deutschen Klassikern, den deutschen Romantikern, den großen englischen Dramatikern sehr gut auskennt. Als Studienfach wählt Büchner aber die Medizin. Im November 1831 zieht er nach Straßburg. Zwei Jahre später wechselt er an die Universität in Gießen.

Der Revolutionär bricht durch

Der deutsche Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner

Büchner bewegt sich in geheimen, sozialrevolutionären Zirkeln nach französischem Vorbild wie der "Gesellschaft der Menschenrechte" - und er verfasst eine fulminante Flugschrift, den "Hessischen Landboten", in der er den Palästen den Krieg erklärt, damit in den Hütten der Friede einkehre. Auch beschäftigt sich Büchner intensiv mit der Französischen Revolution. Er verfasst dazu 1835 - offenbar in weniger als fünf Wochen - das Revolutionsdrama "Dantons Tod".

Den "Landboten" lässt sich das Großherzogtum Hessen nicht bieten, Büchner wird vorgeladen, erscheint nicht, wird zur Fahndung ausgeschrieben. In der Presse erscheint jener Steckbrief, aus dem eingangs zitiert wurde. Der Dichter versteckt sich in Straßburg.

Produktivste Zeit als Autor

Dort vollendet er seine Doktorarbeit, die nichts mit Revolution zu tun hat. Es geht um die Nervenleitungen von Fischen. Daneben übersetzt er Dramen von Victor Hugo aus dem Französischen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dazwischen schreibt er "Lenz" (1835), eine Novelle über die seelischen Leiden des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz.

Ein Jahr später wird das bittere Lustspiel "Leonce und Lena" fertig. Mit dem Stück wollte Büchner an einem Wettbewerb der Cotta'schen Verlagsbuchhandlung teilnehmen. Er verpasst jedoch den Einsendeschluss und erhält das Manuskript ungelesen zurück. Das Stück wird erst 1895 uraufgeführt.

Büchners Ende in Zürich

Für seine Dissertation "Abhandlung über das Nervensystem der Barbe" erhält er die Doktorwürde der Universität Zürich und zieht im Oktober 1836 dorthin. Schon vor seiner Übersiedlung nach Zürich hatte Büchner mit der Arbeit am "Woyzeck" in Straßburg begonnen. Die Entwürfe nimmt er mit in die Schweiz. Dort erkrankt er Anfang Februar 1837 schwer an Typhus und stirbt am 19. Februar. Das Fragment "Woyzeck" wird erst 1913 im Münchner Residenztheater uraufgeführt. Hugo von Hofmannsthal hatte die Intendanz immer wieder zur Produktion dieses Werkes gedrängt.

"Woyzeck" - Fragmente eines Wahnsinnigen

Woyzeck und der Hauptmann auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters

Franz Woyzeck, ein einfacher Soldat, dient seinem Hauptmann als Bursche. Sein Sold ist erbärmlich, also sucht er ein Zubrot, das ihm ein Arzt verschafft, der ihn für ein medizinisches Experiment missbraucht. Beide, Hauptmann und Arzt, gefallen sich darin, den Soldaten zu schikanieren und zu demütigen. Woyzeck braucht das Geld zum Unterhalt für seine Geliebte Marie und ihr gemeinsames, uneheliches Kind. Marie bändelt mit einem Tambourmajor an, der sie zum Tanz ins Wirtshaus führt. Dort wird sie von Woyzeck beobachtet. Diese weitere Qual ist zu viel für ihn, er ersticht Marie im Wald an einem See.

Leseprobe

Der Hauptmann. Woyzeck.
Hauptmann auf einem Stuhl, Woyzeck rasirt ihn.

HAUPTMANN. Woyzeck Er sieht immer so verhetzt aus. Ein guter Mensch thut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat. - Red' Er doch was Woyzeck. Was ist heut für Wetter?

WOYZECK. Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm; Wind.

HAUPTMANN. Ich spür's schon, s' ist so was Geschwindes draußen; so ein Wind macht mir den Effect wie eine Maus. Pfiffig. Ich glaub' wir haben so was aus Süd-Nord.

WOYZECK. Ja wohl, Herr Hauptmann.

HAUPTMANN. Ha! ha! ha! Süd-Nord! Ha! Ha! Ha! O Er ist dumm, ganz abscheulich dumm. Gerührt. Woyzeck, Er ist ein guter Mensch, ein guter Mensch - aber Mit Würde. Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral das ist wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort. Er hat ein Kind, ohne den Segen der Kirche, wie unser hochehrwürdiger Herr Garnisonsprediger sagt, ohne den Segen der Kirche, es ist nicht von mir.

WOYZECK. Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehn, ob das Amen drüber gesagt ist, eh' er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen.

HAUPTMANN. Was sagt Er da? Was ist das für n'e kuriose Antwort? Er macht mich ganz confus mit seiner Antwort. Wenn ich sag: Er, so mein ich Ihn, Ihn.

WOYZECK. Wir arme Leut. Sehn Sie, Herr Haupt mann, Geld, Geld. Wer kein Geld hat. Da setz eimal einer seinsgleichen auf die Moral in die Welt. Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unseins ist doch einmal unseelig in der und der andern Welt, ich glaub' wenn wir in Himmel kämen so müßten wir donnern helfen.

Georg Büchner: Woyzeck


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