ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Schiller - "Über die ästhetische Erziehung"

Schiller gilt als der bedeutendste deutsche Dramatiker. Sein Erfolg lässt sich an der Zahl der Aufführungen seiner Werke, von "Die Räuber" bis "Wilhelm Tell", und an der immer noch starken Präsenz in deutschen Schulbüchern ablesen.

Stand: 30.03.2016

Friedrich Schiller (1759 - 1805) gilt vielen Literaturinteressierten als die verkörperte Idee der Freiheit. Gleichzeitig warnte der Dichter stets vor den Gefahren dieser Freiheit. Der Französischen Revolution stand er anfangs durchaus wohlwollend gegenüber, später verabscheute er zutiefst die Massenhinrichtungen im revolutionären Frankreich. Dieser Widerspruch fand sich auch bei den Personen seiner Dramen wieder. Sowohl Don Carlos als auch der Marquis von Posa bedienen sich in der Verfolgung ihrer Ziele strategischer Mittel, die man nicht ohne weiteres billigen kann. Auch Wallenstein, ein Ehrgeizling reinsten Wassers, ist kein Mensch mit Vorbildcharakter. Genauso wenig wie die Jungfrau von Orleans, Maria Stuart oder die Braut von Messina.

"Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!"

Wohnhaus von Friedrich Schiller in Weimar

Neben seinen großen Theaterstücken schrieb Schiller zahlreiche bedeutende Gedichte und Balladen: "An die Freude", "Die Kraniche des Ibykus", "Der Ring des Polykrates", "Die Bürgschaft" oder "Das Lied von der Glocke". Allesamt Werke, die Generationen von Deutschlehrern ihren Schülern zum Auswendiglernen aufgegeben haben. Schiller war der Beweis, dass die griechische Klassik in Deutschland ihre Wiedergeburt erfahren hatte.

Frühe Erfolge, wenig Gewinn

Nach dem großen Erfolg seines Stücks "Die Räuber" musste Schiller vierzehn Tage wegen "Entfernung von der Truppe" im Gefängnis verbringen. Anschließend flüchtete er mit einem Freund aus Stuttgart nach Mannheim. Der dortige Theaterintendant inszenierte auch "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" erfolgreich auf der Bühne. Danach allerdings wendete er sich einem anderen Autor zu, was Schiller in eine empfindliche finanzielle Krise stürzte.

Eine Falschmeldung mit Folgen

Im Jahr 1784 verhalf ihm der literaturbegeisterte Herzog von Sachsen-Weimar, Carl August, zum Titel eines Weimarischen Rates, das ihm zwar eine standesmäßige Anerkennung, aber keine wirtschaftliche Absicherung bescherte. Zudem erkrankte Schiller in Mannheim an Malaria. Damals eine unheilbare Krankheit, zu der im Jahr 1791 noch die Tuberkulose hinzu kam. Wirtschaftlich ging es ihm miserabel. Erst eine Falschmeldung von seinem Tod im Jahr 1790 sicherte ihm für wenige Jahre eine üppige Pension.

Die finanzielle Absicherung in diesen Jahren erlaubte es ihm, grundsätzlich über das Problem der Freiheit nachzudenken. In akademischen Abhandlungen wie "Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen" schrieb er theoretische Erörterungen über den freien Willen des Menschen in Abhängigkeit zu seinen Empfindungen.

"Über die ästhetische Erziehung"

Schiller-Porträtbüste in seinem Wohnhaus in Weimar

1794 verbrachte Schiller zwei Wochen in Goethes Haus in Weimar. Dort wurde der Grundstein für eine intensive Freundschaft gelegt, an die sich ein gelehrter Briefverkehr anschloss. Wichtig für seine Arbeiten war ebenso die Philosophie Immanuel Kants. Dieser hatte die Selbstbestimmung des Menschen als dessen höchstes Ziel erklärt. Schiller wollte beschreiben, wie das Ideal der Freiheit zu erreichen sei. Für ihn lag dieses Mittel in der Kunst und gipfelte in dem Titel "Über die ästhetische Erziehung des Menschen". In der Kunst, so Schiller, lassen sich Verstand und Gefühl in einem geformten Ausdruck zusammenführen. Das sei der Weg zur Selbstbestimmung, zur produktiven Nutzung von Freiheit.

Leseprobe

Zweiter Brief.

Aber sollte ich von der Freiheit, die mir von Ihnen verstattet wird, nicht vielleicht einen bessern Gebrauch machen können, als Ihre Aufmerksamkeit auf dem Schauplatz der schönen Kunst zu beschäftigen? Ist es nicht wenigstens außer der Zeit, sich nach einem Gesetzbuch für die ästhetische Welt umzusehen, da die Angelegenheiten der moralischen ein so viel näheres Interesse darbieten und der philosophische Untersuchungsgeist durch die Zeitumstände so nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit dem vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit zu beschäftigen?
...

Wie anziehend müsste es für mich sein, einen solchen Gegenstand mit einem eben so geistreichen Denker als liberalen Weltbürger in Untersuchung zu nehmen und einem Herzen, das mit schönem Enthusiasmus dem Wohl der Menschheit sich weiht, die Entscheidung heimzustellen! Wie angenehm überraschend, bei einer noch so großen Verschiedenheit des Standorts und bei dem weiten Abstand, den die Verhältnisse in der wirklichen Welt nötig machen, Ihrem vorurteilfreien Geist auf dem Felde der Ideen in dem nämlichen Resultat zu begegnen! Dass ich dieser reizenden Versuchung widerstehe und die Schönheit der Freiheit voran gehen lasse, glaube ich nicht bloß mit meiner Neigung entschuldigen, sondern durch Grundsätze rechtfertigen zu können. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, dass diese Materie weit weniger dem Bedürfnis als dem Geschmack des Zeitalters fremd ist; ja, dass man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen, durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert. Aber dieser Beweis kann nicht geführt werden, ohne dass ich Ihnen die Grundsätze in Erinnerung bringe, durch welche sich die Vernunft überhaupt bei einer politischen Gesetzgebung leitet.

Friedrich Schiller: "Über die ästhetische Erziehung des Menschen"


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