ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Franz Kafka - "Die Verwandlung"

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." So lautet einer der berühmtesten ersten Sätze der deutschsprachigen Literatur. Der Autor Franz Kafka erlebte diesen Ruhm allerdings nicht mehr.

Stand: 12.07.2016

Es lohnt sich, einmal das inzwischen deutlich überstrapazierte Modewort "kafkaesk" zu ignorieren und sich mit dem Schriftsteller auseinanderzusetzen, auf den dieses Adjektiv geprägt wurde. Denn dann lernt man ein Werk kennen, das wie kein zweites die Literatur des 20. Jahrhunderts beeinflusst hat. Franz Kafka, 1883 in Prag geboren, kannte das Privileg nicht, als freier Schriftsteller leben zu können. Er arbeitete als Angestellter einer Versicherung, schrieb in seiner Freizeit und hatte zu Lebzeiten nur eine sehr überschaubare Anzahl an Lesern.

Kafka und ein unerfüllter Wunsch

Einer dieser Leser war sein enger Freund Max Brod. Kafka, der früh an einer unheilbaren Tuberkulose erkrankte, hatte seinen Freund gebeten, nach seinem Tod alles Unveröffentlichte restlos zu verbrennen. Hätte Brod diesen Wunsch befolgt, gäbe es von Kafka heute weniger als ein Dutzend Werke zu lesen. "Der Prozeß" beispielsweise wäre unter den Verlusten gewesen. "Die Verwandlung" wäre verschont geblieben. Die Erzählung um den Handelsreisenden Gregor Samsa, der sich in einen Käfer verwandelt, schrieb Kafka 1912, veröffentlich wurde sie 1915.

Vom respektierten Ernährer zum verabscheuten Insekt

Jener Gregor Samsa, der die Wohnung mit seinen Eltern und seiner Schwester teilt, war bis zu seiner Verwandlung der Ernährer der Familie. Nun, als Käfer, kann er zwar die Wände hochkrabbeln, aber nicht mehr arbeiten. Seine Eltern und seine Schwestern suchen sich Anstellungen. Gregor, der inzwischen verdorbenes Essen bevorzugt, ist ihnen peinlich. Sie vermieten schließlich sein Zimmer und verbannen "es", das Insekt, in die Abstellkammer, wo sie ihn eines Morgens tot auffinden.

"Als er nun so dahintorkelte, um alle Kräfte für den Lauf zu sammeln, kaum die Augen offenhielt; in seiner Stumpfheit an eine andere Rettung als durch Laufen gar nicht dachte; und fast schon vergessen hatte, daß ihm die Wände freistanden, die hier allerdings mit sorgfältig gesetzten Möbeln voll Zacken und Spitzen verstellt waren - da flog knapp neben ihm, leicht geschleudert, irgend etwas nieder und rollte vor ihm her. Es war ein Apfel; gleich flog ihm ein zweiter nach; Gregor blieb vor Schrecken stehen; ein Weiterlaufen war nutzlos, denn der Vater hatte sich entschlossen, ihn zu bombardieren. Aus der Obstschale auf der Kredenz hatte er sich die Taschen gefüllt und warf nun, ohne vorläufig scharf zu zielen, Apfel für Apfel. Diese kleinen roten Äpfel rollten wie elektrisiert auf dem Boden herum und stießen aneinander. Ein schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt aber unschädlich ab. Ein ihm sofort nachfliegender drang dagegen förmlich in Gregors Rücken ein;"

(Franz Kafka: Die Verwandlung)


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