ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Fjodor M. Dostojewski - "Schuld und Sühne"

Obwohl der Titel neuer und richtiger übersetzt "Verbrechen und Strafe" lautet, hat sich "Schuld und Sühne" eingebrannt. Genau wie die Geschichte des Jurastudenten Raskolnikow, die Dostojewski in seinem vielleicht berühmtesten Roman erzählt - die Geschichte eines fast perfekten Mordes.

Stand: 12.07.2016

Dostojewski | Bild: picture-alliance/dpa

Als Fjodor Dostojewski seinen ersten Roman "Arme Leute" veröffentlicht, ist er 23 Jahre alt und wird von der Literaturkritik als neuer Gogol, als Lichtgestalt gefeiert. Zwar kommen nicht alle seine Werke in den Rezensionen so gut weg, aber Dostojewski gehört, wie nicht sehr viele seiner Schriftstellerkollegen, zu den Autoren, die ihren Ruhm auch erleben dürfen.

Die Nachtseite des menschlichen Daseins

Er kommt in Moskau als Sohn eines jähzornigen, trinkenden Militärarztes zur Welt. Als die wütenden Leibeigenen den Vater auf seinem Landgut in Wodka ertränken, ist Dostojewski 18. Er schließt sich in St. Petersburg den Sozialisten an, wird verhaftet und vor ein Exekutionskommando gestellt - zum Schein nur, aber Dostojewski trägt nach diesem Erlebnis ein lebenslanges Trauma davon. Verurteilt wird er dennoch: Er muss nach Sibirien ins Arbeitslager. Von dieser Zeit legen seine "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" Zeugnis ab. Er kehrt nach acht Jahren zurück, schwört dem Sozialismus ab, gründet mit seinem Bruder die Zeitschrift "Die Zeit" und entdeckt seine Spielleidenschaft.

Schon zu Lebzeiten verehrt

Höhen und Tiefen wechseln sich in Dostojewskis Leben ab: Schicksalsschläge (seine erste Frau stirbt, kurz darauf sein Bruder), finanzielle Schwierigkeiten (seine Spielleidenschaft wächst sich zur Sucht aus), Glücksmomente (er heiratet ein zweites Mal und wird Vater) und literarische Erfolge und Niederlagen. Er stirbt 1881 - zu seinem Begräbnis kommen 60.000 Trauergäste. "Schuld und Sühne" beziehungsweise "Verbrechen und Strafe", zu Lebzeiten ein Werk von vielen, gilt inzwischen als sein vielleicht berühmtester Roman.

Das unerwartete Gewissen des Raskolnikow

Er erzählt die Geschichte des in Armut lebenden Jurastudenten Raskolnikow, der sich gerne mit Napoleon vergleicht, sich den meisten Menschen überlegen fühlt und von sich glaubt, gewissenlos zu sein. Er plant den perfekten Mord. Auf die alte, habgierige Pfandleiherin in seinem Haus hat er es abgesehen. Er besucht sie, erschlägt sie, erschlägt auch die unvermittelt aufgetauchte Schwester der Pfandleiherin und verfällt nach dem Doppelmord in fiebrige Schuldgefühle. Als er es nicht mehr aushält, gesteht er seine Tat, kommt ins Arbeitslager und kehrt geläutert zurück.

Der Morgen nach dem Doppelmord

"Im ersten Augenblicke glaubte er, er würde wahnsinnig werden. Ein furchtbarer Frost überfiel ihn; aber dieser Frost kam von dem Fieber her, das sich schon längst während des Schlafes in seinem Körper entwickelt hatte. Jetzt packte ihn ein solcher Kälteschauer, daß ihm die Zähne klapperten und ihm alle Glieder steif wurden. Er öffnete die Tür und horchte; im Hause schlief alles fest. Erschrocken besah er sich selbst und alles ringsherum im Zimmer und begriff gar nicht, wie es nur möglich gewesen war, daß er gestern beim Nachhausekommen die Tür nicht zugeschlossen und sich in den Kleidern, ja sogar mit dem Hut auf dem Kopfe auf das Sofa geworfen hatte. Der Hut war heruntergerollt und lag auf dem Fußboden neben dem Kissen. 'Wenn nun jemand hereingekommen wäre, was hätte sich der gedacht? Gewiß, daß ich betrunken wäre, aber …' Er stürzte zum Fenster hin. Es war schon hell genug, und er musterte sich schleunigst, vom Kopfe bis zu den Füßen, vollständig, seine ganze Kleidung, ob auch nicht Blutspuren daran seien. Aber das ließ sich so auf dem Körper nicht gut ausführen; zitternd vor Frost, zog er alle Kleidungsstücke aus und untersuchte jedes von allen Seiten. Er wendete alles, bis auf den letzten Faden und Fetzen, hin und her, und da er sich selbst nicht traute, wiederholte er die Besichtigung dreimal. Aber es schienen keine Spuren vorhanden zu sein; nur da, wo die Hosen unten zerfasert waren und die Fransen herunterhingen, saßen an diesen Fransen dicke Klümpchen geronnenen Blutes. Er nahm sein großes Taschenmesser und schnitt die Fransen ab. Weiter schien nichts da zu sein. Da fiel ihm ein, daß der Beutel und die Pfandstücke, die er bei der Alten aus der Truhe herausgenommen hatte, immer noch sämtlich in seinen Taschen steckten! Er hatte bis jetzt noch gar nicht daran gedacht, sie herauszunehmen und zu verstecken. Nicht einmal jetzt hatte er sich daran erinnert, als er seinen Anzug revidierte. Wie war es nur möglich! Sofort zog er sie heraus und warf sie auf den Tisch. Nachdem er alles hervorgeholt und sogar die Taschen umgewendet hatte, um sich zu vergewissern, daß auch wirklich nichts darin geblieben sei, trug er den ganzen Haufen in eine Ecke. Dort hatte unten im innersten Winkel an einer Stelle die Tapete, die sich von der Wand abgelöst hatte, einen Riß; sofort stopfte er alles in dieses Loch unter die Tapete. 'Es ist hineingegangen; es ist nichts mehr zu sehen, auch der Beutel nicht!' dachte er erfreut, indem er langsam aufstand und stumpfsinnig nach der Ecke und dem Risse hinstarrte, der nun noch breiter klaffte. Da fuhr er wieder erschrocken zusammen: 'Mein Gott', flüsterte er verzweifelt, 'was ist nur mit mir? Heißt denn das verstecken? Versteckt man denn etwas so?'"

(Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne. Übersetzt von H. Röhl)


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