ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Émile Zola - "Die Rougon-Macquart"

Émile Zola gilt als Begründer des Naturalismus in der Literatur. Er trat aber auch als Publizist in Erscheinung. In der "Dreyfus-Affäre" schrieb er einen offenen Brief an den französischen Staatspräsidenten, als ein jüdischer Hauptmann zu Unrecht des Staatsverrats angeklagt wurde.

Stand: 23.05.2016

Émile Zola wurde 1840 in Paris geboren. Er gilt als Leitfigur der naturalistischen Schule. In der Prosa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und besonders im Naturalismus sollte es nicht um verklärte Helden gehen. Es geht auch nicht um die innerliche Zerrissenheit einer romantischen Figur. Es geht um den Versuch, die menschliche Gesellschaft in ihrer alltäglichen Verfassung darzustellen. Im Falle von Zola gar zu sezieren.

Literatur wissenschaftlich gesehen

Nach der Dreyfus-Affäre musste Émile Zola nach London ins Exil.

Es ist die Zeit der ersten industriellen Revolution. Das Hässliche, das Vulgäre und das Rohe finden Eingang im literarischen Kunstwerk. Und es triumphiert die zeitgenössische Wissenschaft. Die menschliche Gesellschaft wird von da an mit den Methoden der Wissenschaft betrachtet. Statt eines Schicksals, das den Helden ereilt, reduziert sich das Verhängnis bei Zola jetzt auf ein Experiment mit fast vorhersehbarem Ergebnis.

Das Hauptwerk in 20 Bänden

Zwischen 1869 und 1893 brachte Zola den 20-bändigen Zyklus über eine Familie namens "Die Rougon-Macquart. Die Natur- und Sozialgeschichte einer Familie im Zweiten Kaiserreich" heraus, zu dem die bekannten Werke "Nana" und "Germinal" gehören. Zola war davon überzeugt, dass das menschliche Leben durch drei große Determinanten bestimmt wird: durch seine Stellung in der Gesellschaft (milieu), durch seine biologische Verfasstheit (race) und durch den historischen Moment (moment). Der Familienzweig der Rougon gehörte zum Bürgertum, jener der Macquart zur Unterschicht. Das Experiment konnte beginnen.

Dem Milieu unterworfen

Grabstätte von Émile Zola auf dem Pariser "Cimetiere de Montmartre"

Das Milieu, in dem die Personen in Zolas Romanen zu Mördern und Ehebrechern werden, ist soziologisch bestimmt. Der Schriftsteller möchte, dass der Leser seiner Romane nicht vorschnell den Stab über diese Menschen bricht, sondern vor seinem Urteil etwas genauer hinschaut. Die Reaktion des konservativen Bürgertums auf die Milieuschilderungen von Zola, auf Giftmorde und Bettszenen, war eindeutig: Sie warfen ihm vor, geschmacklos und vulgär zu sein.

Ein berühmter Brief

Doch Zola war nicht nur ein berühmter Schriftsteller, er war auch ein engagierter Journalist. Er trat für einen zu Unrecht der Spionage angeklagten jüdischen Hauptmann der französischen Armee ein. Dieser Hauptmann hieß Alfred Dreyfus und wurde wegen Hochverrats verurteilt und deportiert. Daraufhin schrieb Zola am 13. Januar 1898 einen offenen Brief an den französischen Staatspräsidenten Félix Faure, der mit den berühmten Worten "J'accuse", "Ich klage an", begann.

Die "Dreyfus-Affäre"

Der französische Hauptmann Alfred Dreyfus

Der Prozess wurde wieder aufgenommen, der Hauptmann schließlich rehabilitiert. Doch Frankreich war in zwei Lager gespalten, in die Anhänger und die Gegner des Hauptmanns. Es standen sich schließlich antisemitische Nationalisten und linke Avantgardisten gegenüber. Alte Freundschaften zerbrachen. Zola musste für ein Jahr nach London ins Exil gehen. Sein Name aber bleibt untrennbar mit der "Dreyfus-Affäre" verbunden und sicherte ihm sechs Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1902, einen Platz im Pariser Panthéon.

Leseprobe:

In sternenloser, finsterer Nacht schritt ein einzelner Mann durch die flache Ebene auf der Heerstraße dahin, die von Marchiennes nach Montsou führt und sich zehn Kilometer lang geradeaus durch Rübenfelder hinzieht. Er vermochte selbst den schwarzen Boden vor sich nicht zu unterscheiden und war sich des ungeheuren, flachen Horizontes nur bewusst durch das Wehen des Märzwindes, der in breiten Stößen eisig kalt dahinfuhr, nachdem er meilenweite Strecken von Sümpfen und kahlen Feldern bestrichen hatte. Kein Baumschatten hob sich vom Nachthimmel ab; die Straße zog sich mit der Regelmäßigkeit eines Dammes durch die Nacht hin, in der die Augen fast erblindeten.

Der Mann war gegen zwei Uhr von Marchiennes aufgebrochen. Er machte lange Schritte, denn ihn fröstelte in seiner Jacke von dünnem Wollenzeug und in seinem Beinkleid von Samtstoff. Sein Päckchen, das in ein kariertes Taschentuch gewickelt war, belästigte ihn sehr; er drückte es bald mit dem einen, bald mit dem anderen Arm an sich, um beide Hände zugleich in die Taschen stecken zu können, seine erstarrten Hände, die der eisige Ostwind wund geblasen hatte. Ein einziger Gedanke beschäftigte das müde Gehirn dieses arbeits- und obdachlosen Mannes: die Hoffnung, dass nach Sonnenaufgang die Kälte weniger empfindlich sein werde. Er mochte eine Stunde so dahingeschritten sein, als er zur Linken zwei Kilometer von Montsou rote Feuer wahrnahm, drei Gluthaufen im freien Felde, die gleichsam in der Luft schwebten. Zuerst zögerte er, von Furcht ergriffen; dann konnte er dem schmerzlichen Bedürfnis nicht widerstehen, einen Augenblick seine Hände zu wärmen.

Émile Zola: Romananfang von "Germinal", deutsche Übersetzung, Berlin 1927


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