ARD-alpha - Klassiker der Weltliteratur


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Klassiker der Weltliteratur Anton Tschechow - "Die Möwe"

Dem Weltliteraten Anton Tschechow galt die Prosa immer als Ehefrau. Das Theater bezeichnete er sein Leben lang als Geliebte. Präzise charakterisiert er seine Figuren durch das, was sie sagen und nicht sagen. Deswegen blieben seine Stücke bis heute Klassiker.

Stand: 20.05.2016

Als Tschechow im Juli 1904 in einem Kurhotel im deutschen Badenweiler an Tuberkulose starb, war er 44 Jahre alt und hinterließ ein beeindruckendes Lebenswerk - nicht nur in literarischer Hinsicht. Tschechow ist das, was man einen guten Menschen nennt. Sicherlich tragen über 100 Jahre der Idealisierung zu diesem Bild bei, aber er hat in seinem Leben tatsächlich viel Gutes getan: Als praktizierender Landarzt behandelte er die Bauern umsonst, gründete auf eigene Kosten Krankenhäuser, Schulen und Bibliotheken, sammelte Geld, unter anderem für ein Sanatorium für Tuberkulosekranke in Jalta.

Die Blüten ländlicher Langeweile

Die Frau, die zusehen musste, wie die Leiche Tschechows im Wäschesack aus dem Hotel geschafft wurde, war Olga Knipper. Tschechow hatte sie 1898 bei Proben zu seinem Stück "Die Möwe" kennengelernt und drei Jahre später geheiratet. "Die Möwe" hatte er bereits 1895 beendet. Das Stück spielt auf einem ländlichen Anwesen, dessen Besitzer Gäste eingeladen hat, die sich auf dem Gut langweilen. Einer der Gäste ist der junge Schriftsteller Treplew, dessen Theaterstück am Abend aufgeführt werden soll. Die Hauptrolle übernimmt die Nachbarstochter Nina, in die Treplew unsterblich verliebt ist. Seine Mutter Irina ist mit von der Partie sowie deren Geliebter Trigorin. Der wiederum ist ein äußerst erfolgreicher Dichter, und leider liebt Nina nicht Treplew, sondern den viel berühmteren Trigorin.

Der schmale Grat zwischen feierlich und lächerlich

Viele von Tschechows großen Theaterstücken sind Komödien, auch "Die Möwe". Das verwirrt die Leser und Theaterbesucher, die sich von dem Stück einen lustigen Abend mit viel Gelächter erwarten. Dabei ging es Tschechow eher wie Balzac mit dessen "Comédie Humaine" - um das Nachdenken über letzte Dinge und große Fragen der Menschheit. Und oft sind es eben diese erhabenen Momente, die schneller als gedacht in Lächerliche kippen.

"Nina: Sehen sie das Haus und den Garten dort am anderen Ufer?

Trigorin: Ja.

Nina: Das ist das Gut meiner verstorbenen Mutter. Ich bin dort geboren. Ich habe mein ganzes Leben hier am See verbracht und kenne jedes Inselchen darin.

Trigorin: Schön ist's hier bei Ihnen! Er sieht die Möwe. Und was ist das?

Nina: Eine Möwe. Konstantin Gawrilowitsch hat sie geschossen.

Trigorin: Ein schöner Vogel. Ich habe wirklich keine Lust zum Abreisen. Überreden Sie doch Irina Nikolajewna, daß sie bleibt. Macht Notizen in sein Buch.

Nina: Was schreiben sie da?

Trigorin: Ich mache mir Notizen … Ein Sujet fiel mir ein. Steckt das Buch ein. Der Stoff zu einer kleinen Erzählung: Am Ufer eines Sees lebt von Kindheit an ein junges Mädchen, ganz so wie Sie, es liebt den See und ist glücklich und frei wie die Möwe. Zufällig aber kam ein Mensch, sah die Möwe, und weil er nichts Besseres zu tun hatte, vernichtete er ihr Leben, ganz wie hier das der Möwe."

(Anton Tschechow: Die Möwe. Zweiter Aufzug)


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