ARD-alpha - Kant für Anfänger


65

Kant, Sophie und der kategorische Imperativ Folge 5 - Freiheit und Sittlichkeit

Stand: 11.01.2016 | Archiv

Sophie konfrontiert Kant mit ihrer Kritik am kategorischen Imperativ: Der sei zu rigoros, unerbittlich und erbarmungslos - kurz gesagt, "ohne Herz". Kant verteidigt sich: Er habe ein neues Moralprinzip entwickeln wollen, das für alle Menschen zu jeder Zeit und in jeder Situation gültig sein könne, ganz unabhängig von jeglichem Eigennutzdenken. Damit aber bringt er Sophie in ein moralisches Dilemma. Denn wenn sie sich für ihre Gefühle und Lukas entscheidet, handelt sie gegen die Kantsche Ethik. Folgt sie dagegen Kant und ihrem Verstand, muss Lukas erst einmal seine Eheangelegenheiten klären.

Als ihr Lukas einen Strauß rote Rosen schickt, verabredet sich Sophie noch einmal mit ihm. Sie versucht ihm klar zu machen, dass es bei ihrer Affäre nicht nur um Gefühle, sondern auch um Prinzipien geht. Lukas gibt Sophie zwei Wochen Bedenkzeit, dann will er sich wieder melden. Beim nächsten Treffen mit Kant erklärt der Sophie schließlich, was ihre Entscheidung mit der menschlichen Freiheit zu tun hat.

Dialog: Wie kann Sophie eine autonome Entscheidung fällen?

SOPHIE: Gott sei Dank, da sind Sie ja!
KANT: Nanu, gibt es denn ein Problem?
SOPHIE: Kann man wohl sagen.
KANT: Wenn ich helfen kann, bitte.
SOPHIE: Es geht um Ihr Modell von der Bestimmung menschlichen Handelns allein durch die Vernunft. Irgendwie ist das ja auch imponierend. Es ist doch so, dass die Kopernikanische Wende auch für das Sittengesetz gilt?
KANT: Sie wissen noch, was die Kopernikanische Wende bedeutet?
SOPHIE: Ja: Der Verstand schreibt unseren sinnlichen Eindrücken die Gesetze vor, in denen wir sie wahrnehmen können.
KANT: Richtig. In der praktischen Philosophie gilt dasselbe! Wir machen die Gesetze, denen wir gehorchen, selbst. Das nenne ich Autonomie des Willens!
SOPHIE: Eine Frage: Wenn sich jemand scheiden lassen will, oder eine dritte Person will, dass sich jemand scheiden lässt, wäre das auch eine autonome Entscheidung?
KANT: Nein. Autonomie heißt nicht, ich kann machen, was ich will.
SOPHIE: Aber was sonst?
KANT: Autonomie heißt, ich gehorche einem selbst aufgestellten Gesetz, und nicht empirischen Faktoren wie Lust und Neigung.
SOPHIE: Und wie ginge das im Falle der Scheidung?
KANT: Indem die Form und nicht die Materie des Willens entscheidend ist! Und diese Form kann nur durch die Vernunft gefunden werden ...
SOPHIE:... und da nur der Mensch Vernunft besitzt, kann er im Gegensatz zum Tier die kausalen Abläufe in der Natur hinter sich lassen.
KANT: Exakt. Und diese Unabhängigkeit von Naturgesetzen heißt Freiheit: Die Sittlichkeit hat somit ihren Ursprung in der Freiheit.
SOPHIE: Die Sittlichkeit hat ihren Ursprung in Freiheit. Okay ...


65