ARD-alpha - Kant für Anfänger


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Kant, Sophie und der kategorische Imperativ Folge 4 - Maximen auf dem Prüfstand

Stand: 11.01.2016 | Archiv

Sophie muss sich über ihre Gefühle für Lukas im Klaren werden: Soll sie sich nach dem Motto "Du lebst nur einmal" mit einem verheirateten Mann einlassen - oder soll sie aus Angst vor den Konsequenzen einen Rückzieher machen? Als sich Lukas spontan bei ihr meldet, ist Sophie hin- und hergerissen. Erst weicht sie ihm aus, dann liegen sie sich doch wieder in den Armen.

Ob Kants Moralvorstellungen Sophie weiterhelfen können? Als sie den Professor wiedersieht, zitiert der jedenfalls seine eigene Formulierung des kategorischen Imperativs: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Ob und wie sich das praktisch anwenden lässt, versucht Sophie bei einem Abendessen mit ihrer Freundin Eva und ihrem Kommilitonen Sebastian herauszufinden.

Dialog: Kant und die Moral der Schwarzfahrer

SOPHIE: Also, Eva. Dürfen wir dich als Testobjekt benutzen?
Eva will protestieren, aber Sebastian unterbricht sie.
SEBASTIAN: Sophie will anhand von konkreten Beispielen klären, wie so ein kategorischer Imperativ von Kant funktioniert.
EVA: Wieso sollte mich das überhaupt interessieren
SOPHIE: Ich möchte gern wissen, ob Kants Ethik oder Moralgesetz für einen Laien wie dich verständlich gemacht werden kann oder ob Philosophen an der Wirklichkeit vorbeireden.
SEBASTIAN: Also, welche Formel des kategorischen Imperativs sollen wir nehmen? Ich für meine Person bevorzuge die Naturgesetz-Formel.
EVA: Stopp! Frage 1: Was ist die Naturgesetzformel
SOPHIE: Es gibt mehrere Formulierungen des kategorischen Imperativs, und die, die Sebastian favorisiert, heißt: "Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte."
EVA: Stopp. Was heißt das auf Deutsch?
SEBASTIAN:Also... Ich denke meine beabsichtigte Handlung versuchsweise als Vorschrift, die nicht nur für mich und für heute gilt, sondern die als angenommenes Gesetz für alle widerspruchsfrei gelten kann.
EVA: Wie wäre es mit einem aktuellen Beispiel, z.B mit dem Problem, das ich heute hatte. Ich bin in die U- Bahn gestiegen und hatte keine Lust, zwei Euro für die kurze Fahrt auszugeben. Warum bitte soll ich zahlen, die Bahn muss doch sowieso fahren, ob ich jetzt eine Karte gekauft habe oder nicht?
SOPHIE: Das Beispiel ist gut. Also: Zuerst einmal legen wir nicht deine Handlung auf den Prüfstand, denn hinter deinem Schwarz-Fahren steckt ja vermutlich eine Haltung. Formulieren wir das mal als Maxime: Wann immer ich Geld sparen möchte, fahre ich auf Kosten anderer schwarz. Kann ich das wollen
EVA: Ja.
SOPHIE: Richtig. Das kann ich wollen, weil ich Geld sparen will. Jetzt verallgemeinere ich die Maxime.
EVA: Du meinst: Kann ich wollen, dass alle schwarz fahren? 
SEBASTIAN: Da haben wir's schon wieder. Nein! Es muss heißen: Kann ich wollen, dass es ein Gesetz gibt, dass Leute auf Kosten anderer U-Bahn fahren? Gäbe es ein solches Gesetz, käme meine Vernunft zu dem Ergebnis, dass andere auch auf meine Kosten leben können ...
SOPHIE: Nein! Dass andere auf meine Kosten leben sollen. Es ist doch ein Gesetz!


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