ARD-alpha - Kant für Anfänger


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Kant, Sophie und der kategorische Imperativ Folge 2 - Legalität und Moralität

Stand: 11.01.2016 | Archiv

Bei einem Besuch in seinem Büro erklärt Lukas Sophie, wie er sich ihren Vortrag vorstellt: Auf einer Veranstaltung für Kunden und Mitarbeiter soll sie über "Ethik im Unternehmen" sprechen. Die beiden verabreden sich auf einen Drink, um Details zu klären.

In der Bar knistert es gehörig zwischen ihnen. Doch dann muss Lukas Sophie gestehen, dass er verheiratet ist - sich aber trennen möchte. Sophie legt ihm nahe, die Maximen seines Handelns auf den Prüfstand zu stellen.

Inzwischen hat Sophie auch Kant wieder getroffen. Der erklärt ihr, warum das Streben nach Glück nicht dazu taugt, eine Ethik zu begründen. Entscheidend ist für ihn vielmehr allein der gute Wille. Über den Begriff der "Pflicht" kommt Kant schließlich auf den grundlegenden Unterschied von Legalität und Moralität zu sprechen:

Dialog: Kant erklärt Sophie den sittlichen Wert von Handlungen

SOPHIE: Ich habe in einem Kommentar gelesen, Sie unterscheiden zwischen Legalität und Moralität.
KANT: Richtig. Der Legalität entspricht das Pflichtmäßige und der Moralität die Handlung "aus Pflicht".- Schauen Sie, da sitzt ein Bettler. Warten wir mal, was geschieht.
Ein Liebespärchen nähert sich. Der Mann greift lässig in die Tasche und wirft dem am Boden sitzenden Bettler selbstzufrieden eine Münze in den Hut.
KANT: Schauen Sie, Sophie. Mit Sicherheit können wir nichts über die Motive des Mannes sagen. Was aber glauben Sie, warum er seine Mildtätigkeit ausübte?
SOPHIE: Mildtätig war es wahrscheinlich nicht. Vielleicht, um seiner Freundin zu imponieren?
KANT: Ich meine auch, dass hier Eitelkeit und Eigennutz am Werke waren. Ich behaupte, dass dergleichen Handlung, so pflichtmäßig, so liebenswürdig sie auch für den Bettler ist, dennoch keinen wahren sittlichen Wert hat.
SOPHIE: Aber wann hat ein Almosen einen sittlichen Wert? Da, sehen Sie, da kommt eine alte Frau vorbei ... Sie will ihm auch etwas geben! Was ist Ihre Meinung? Hat sie das jetzt - aus Pflicht getan?
Eine alte Frau nähert sich. Sie schmeißt etwas in den Hut und geht weiter.
KANT: Ob sie das aus Pflicht getan hat? Das kann auch niemand mit Bestimmtheit sagen. Ich denke es einmal, obzwar das letztlich unseren Sinnen nicht zugänglich ist.
SOPHIE: Ich glaube, ich verstehe: wenn ihr ein Priester bei der Beichte ein Almosen als Bußleistung auferlegt hat, dann wäre es wiederum eine pflichtgemäße Handlung und hätte somit keinen moralischen Wert.
KANT:  Exakt.
SOPHIE: Kann ich auch nicht erkennen, wann meine Handlung einen moralischen Wert hat und wann nicht? 
KANT: Doch, werte Sophie, das ist eindeutig! Eine Handlung aus Pflicht hat ihren moralischen Wert nicht in einer Absicht oder Wirkung, die es zu erreichen gilt, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird.
SOPHIE: Was genau ist eine Maxime?
Kant: Eine Maxime ist ein Prinzip des Willens oder Wollens. Lesen Sie nach, Sophie!


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