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Dacherdecker/in - Reetdachtechnik Loch an Loch und dichtet doch

Das Eindecken mit Schilfrohr gehört zu den ältesten Dachkonstruktionen überhaupt. Archäologen haben nachgewiesen, dass sich die Menschen schon vor 6.000 Jahren mit Reet vor Wind und Wetter schützten. In Norddeutschland prägen reetgedeckte Häuser noch immer viele Ortsbilder.

Stand: 17.06.2014

Niels Hansen kommt aus dem Fluchen nicht mehr raus. Gerade noch war er auf dem Dachboden der alten Scheune, um von Innen die Lattung zu überprüfen,  jetzt steckt sein linker Fuß bis zum Knie in einem Loch. Niels ist auf dem Dachboden eingebrochen. Ein langer Holzsplitter steckt in der Haut am Schienbein. Meister Feddersen hält ihm seine Hand hin und hilft dem 19-jährigen Auszubildenden wieder auf die Beine. Die Arbeit als Reetdachdecker ist gefährlich. Ob auf dem Dachboden oder oben auf dem Dach. Volle Konzentration und Respekt vor der Gefahr muss jeder mitbringen, der hier arbeitet. Für Niels ist das gerade noch mal gut gegangen.

Nicht nur mit Reet - auch klassische Dächer

Die Ausbildung zwischen dem klassischen Dachdecker und dem Reetdachdecker unterscheidet in den ersten zwei Jahren nicht. Erst im dritten Jahr spezialisieren sich die Lehrlinge auf ihr jeweiliges Gebiet. Ein Reetdachdecker kann deshalb nicht nur mit Reet decken, sondern auch klassische Dächer fertigen. Umgekehrt funktioniert das nicht.

Bei praller Sonne und heftigem Regen auf dem Dach

Niels bringt alles mit, was einen guten Reetdachdecker ausmacht: handwerkliches Geschick und technisches Verständnis. Außerdem bewegt er sich sicher auf dem Dach. Noch während der Schulzeit hat er in seinem jetzigen Ausbildungsbetrieb in Husum ein Praktikum gemacht. Er wollte testen, ob ihm die Arbeit auf dem Dach wirklich Spaß macht. Macht sie! Er ist mit seiner Berufswahl glücklich. Auch wenn es - wie in jedem Beruf - manchmal Dinge gibt, die ihn stören: Bei praller Sonne und heftigem Regen ist das Arbeiten auf dem Dach hart. Im Sommer müssen Niels und seine Kollegen oft lange arbeiten. Dafür geht es im Winter geruhsamer zu. Da können die Dachdecker Überstunden abbauen und auch mal für ein, zwei Wochen daheim bleiben. Wenn Niels alte Dächer warten muss, hält sich seine Begeisterung in Grenzen, dem beim Abschaben der zwanzig, dreißig Jahre alten Dächer staubt es gewaltig.

Nur eine Berufsschule in Deutschland

Alle zwei, drei Wochen setzt sich Niels ins Auto und fährt nach Lübeck in die Berufsschule. Zwei Stunden Fahrt. Da geht es ihm vergleichsweise gut. Viele seiner Mitschüler müssen noch viel länger fahren. Sie kommen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Hessen. Manchmal ist auch ein Bayer dabei. Denn in Lübeck ist die einzige Berufsschule für Reetdachdecker in Deutschland. Weil viele der Auszubildenden weit fahren müssen, wird dort blockweise unterrichtet.

Praxis bekommt man auf dem Dach

Reetdachdecken kann niemand aus Büchern lernen. Tricks, Kniffe und die nötige Praxis bekommt Niels auf dem Dach. Das nötige Fingerspitzengefühl kommt mit der Zeit. Der 19-Jährige arbeitet mit seinen Freunden Melf und Tom zusammen. Die beiden haben die Gesellenprüfung schon bestanden. Aber die drei sind im gleichen Alter und unternehmen auch nach Feierabend oft mal was zusammen. Ein Feierabendbier ist sowieso meist drin. Aber erst, wenn alle wieder im Betrieb sind. Denn auf dem Dach und in der Arbeitszeit ist Alkohol streng verboten. Niels und seine Kollegen brauchen auf ihrem hohen Arbeitsplatz einen klaren Kopf. Auch Rauchen ist inmitten des Reets tabu. Das Schilfrohr könnte rasch Feuer fangen. Das Schilf nennen die Dachdecker je nach Region Reeth, Reith, Riet oder Rohr. Verarbeitet wird es wie vor hunderten von Jahren. Mit der Ausnahme, dass heute meist mit Drähten vernäht wird. Früher nahm man Kokos-Tau dafür.

Mittlerweile hat Niels das Loch im Scheunenboden geflickt. Nicht, dass noch mal einer einbricht. Den Holzsplitter hat er herausgezogen. Ein blauer Fleck wird wohl für einige Tage bleiben. Das passiert schon mal. Niels macht das nicht viel aus. Er steht schon wieder auf dem Dach. Zusammen mit Tom und Melf will er heute das Dach zudecken. Das haben die drei dem Bauherren versprochen. Und was Reetdachdecker versprechen, halten sie auch. Das ist so. So will es die Handwerkerehre.

Die wichtigsten Fakten zur Ausbildung:

  • Offizielle Berufsbezeichnung: Dacherdecker/in - Fachrichtung Reetdachtechnik
  • Ausbildungsdauer: Die Ausbildung dauert drei Jahre
  • Ausbildungsform: Die Ausbildung ist bundesweit geregelt. Sie wird im Handwerk angeboten.  
  • Prüfung: Vor dem Ende des zweiten Ausbildungsjahres legen die Auszubildenden eine Zwischenprüfung ab, die wie auch die eigentliche Gesellenprüfung aus einem praktischen und einem schriftlichen Teil besteht. Die praktische Gesellenprüfung besteht aus vier Teilen. Üblicherweise aus den Bereichen Reetdachdeckung, Dachziegel- und Dachsteindeckungen, Abdichtungen und Außenwandbekleidung.
  • Ausbildungsorte: Reetdachdecker/innen werden im Ausbildungsbetrieb und - länderübergreifend - an der Emil-Possehl-Berufsschule in Lübeck im Blockunterricht ausgebildet. Ein Teil der Ausbildung kann u.U. überbetrieblich durchgeführt werden, etwa in anderen Unternehmen.
  • Zugang: Grundsätzlich ist keine bestimmte schulische oder berufliche Vorbildung vorgeschrieben.
  • Eignung: Dachdecker/innen Fachrichtung Reetdachtechnik sollten sorgfältig arbeiten und körperlich fit sein. Sie müssen über ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen verfügen und sich sicher auf dem Dach bewegen können.
  • Perspektiven: Der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern ist in der Branche seit Jahren bundesweit hoch.
  • Alternativen: Dachdecker/in (Fachrichtung Dach-, Wand- und Abdichtungstechnik), Zimmerer / Zimmerin, Fassadenmonteur/in

Weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten der Arbeitsagentur:

Die wichtigsten Infos zum Beruf

Gefahr

Auf dem Dach ist es immer gefährlich. Nicht nur, wenn Melf und seine Kollegen Heckenschere und Kettensäge einsetzen. Reetdachdecker arbeiten in mehreren Metern Höhe. Volle Konzentration und Respekt vor der Gefahr muss jeder mitbringen, der hier arbeitet.

Mobilität

Viele Ausbildungsbetriebe legen großen Wert darauf, dass die Mitarbeiter einen Führerschein haben, sobald sie alt genug sind. Dabei geht es nicht nur um den Weg zur Arbeitsstelle. Es kommt immer wieder vor, dass einer im Team rasch Material im Großhandel und im Betrieb besorgen muss. Wer dann später noch einen LKW-Führerschein macht, punktet besonders auf dem Arbeitsmarkt.


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