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Kinderdorfmutter/-vater Mama von Beruf

In SOS-Kinderdörfern lernen Kinder aus schwierigen Verhältnissen, wieder Vertrauen zu Erwachsenen zu fassen. Ihre wichtigste Bezugsperson: die Kinderdorfmutter oder der Kinderdorfvater. Ein herausfordernder Full-Time-Job mit großer Verantwortung. Und den kann man erlernen.

Stand: 13.10.2016

Vormittags ist es ungewohnt still im Haus. Die Kleinen sind im Kindergarten, die Größeren in der Schule. Monika Eich steht am Herd. Die 39-Jährige bereitet das Mittagessen vor: Kochen macht ihr Spaß. Sieben Personen satt kriegen, kein Problem für sie: Monika Eich ist mit fünf Geschwistern groß geworden, Großfamilien findet sie toll. Und in ein paar Monaten bekommt sie eine "eigene". Dann hat sie ihre dreijährige Ausbildung zur Kinderdorfmutter abgeschlossen und startet ins Berufsleben.

Quereinsteiger willkommen

Im besten Fall haben Interessenten schon mehrere Jahre Erfahrung in einem sozialpädagogischen Beruf gesammelt. Zum Beispiel als Erzieher. Es gibt aber auch "Quereinsteiger" wie Monika Eich. 20 Jahre lang hat in einer Bank gearbeitet und war damit am Schluss unglücklich. Jetzt macht sie eine Ausbildung zur Erzieherin an der Fachschule. Gleichzeitig läuft sie schon einer SOS-Kinderdorf-Familie mit und sammelt praktische Erfahrung.

"Meine Arbeit in der Bank hat mir einfach nicht mehr das gegeben, was ich wirklich wollte. Das war alles sehr an Zahlen und wirtschaftlich orientiert. Ich wollte sehr intensiv mit Kindern zu tun haben, und ich glaube, das ist der Beruf, in dem man so intensiv wie nur möglich mit Kindern zu tun hat. Man begleitet sie über lange Jahre, man hat sie wirklich mit allen Ecken und Kanten, teilt Freud und Leid mit ihnen. Und genau das wollte ich haben."

Monika Eich, 3. Ausbildungsjahr

Ein Leben im Kinderdorf

Kinderdörfer sind soziale Einrichtungen für junge Menschen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. Zum Beispiel, weil Mutter oder Vater Alkohol-, Drogen- oder psychische Probleme haben. Viele dieser Kinder haben das Vertrauen in andere Menschen verloren. Sie wissen nicht, wie sich Geborgenheit anfühlt. Die Kinderdorfmütter und -väter übernehmen die verantwortungsvolle Aufgabe, die jungen Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten - jeden Tag auf's Neue.

Beruf und Berufung

Maren Halle-Krahl tut das seit fast 30 Jahren. Sie leitet das Kinderhaus Kerb in Neubeuern bei Rosenheim. Viele Kinder sind bei ihr über die Jahre ein und ausgegangen, viele hat sie groß gezogen. Als "Mutter" dieser Kinder bezeichnet sie sich bewusst nicht: Die leiblichen Eltern seien schlichtweg nicht ersetzbar. Für die 56-Jährige ist Kinderdorfmutter nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. Dafür braucht man ein großes Herz, Geduld und viel Kraft. Freie Zeit ist rar, die Kinder zwischen vier und 13 Jahren halten die Kinderdorfmutter stets auf Trab. Maren Halle-Krahl wollte immer einen Beruf ausüben, der einen tieferen Sinn für sie hat. Sie hilft jungen Menschen Fuß im Leben zu fassen und zeigt ihnen, wie schön das Leben sein kann - in einer Familie.

"Ich bin nicht die Mutter dieser Kinder. Ich finde den Begriff 'Kinderdorfmutter' etwas irreführend. Ich versuche nicht die Position der Mutter einzunehmen, sondern ich sage: Ich stelle mich Dir zur Seite, weil Deine Mutter jetzt gerade nicht für Dich da sein kann. […] Und wenn Du nicht zuhause sein kannst, dann sollst Du dort sein, wo Du Dich so zuhause wie möglich fühlst. […] Aber ich bin keine Ersatzmutter - Eltern sind einfach nicht ersetzbar."

Maren Halle-Krahl, Kinderdorfmutter

Die wichtigsten Fakten zur Ausbildung

  • Offizielle Berufsbezeichnung: Kinderdorfmutter/-vater
  • Ausbildungsdauer: 3 Jahre (manche Schulen setzen ein Vorpraktikum voraus)
  • Info: Wer Kinderdorfmutter/-vater werden möchte, braucht nicht schon beim Einstieg eine pädagogische Ausbildung. Wichtig ist eine abgeschlossene Berufsausbildung - egal in welchem Beruf. Die pädagogische Qualifizierung bekommen Interessenten als Quereinsteiger - im Rahmen der berufsbegleitenden Ausbildung. Wer schon eine pädagogische Ausbildung und Berufserfahrung hat, braucht keine Zusatz- Ausbildung. Kinderdörfer prüfen Bewerber genau: Sie müssen sich zeitlich und emotional auf diese längerfristige Aufgabe einlassen können. Auch Partner/-innen und leibliche Kinder der Kinderdorfmütter und -väter können Teil der Lebensgemeinschaft werden.
  • Zugang: abgeschlossene sozialpädagogische Ausbildung, Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses, Bescheinigung vom  Gesundheitsamt
  • Eignung: Kinderdorfmütter und -väter kümmern sich um Kinder, die aus Familien mit vielfältigen und oft auch vielschichtigen Problemen kommen. Sie leben mit ihnen in familiärer Gemeinschaft. Oft haben die Kinder kein Vertrauen mehr zu Erwachsenen. Das muss sensibel wieder aufgebaut werden. Dafür ist viel Einfühlungsvermögen, psychische Belastbarkeit und ein stark ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein nötig. Kinderdorfmütter/-väter sollten  körperlich belastbar sein und keine Arbeit im Haushalt und der Küche scheuen.
  • Arbeitsbedingungen: Kinderdorfmütter/-väter leben Tag und Nacht im Kinderdorf in einem familienähnlichen Verbund. Es gibt verschiedene Modelle mit fünf oder sechs Arbeitstagen pro Woche. An ihren freien Tagen und  während ihrer Urlaubszeit verlassen sie das Kinderdorf. Dann verbringen sie die Zeit außerhalb der Einrichtung (z.B. in Privatwohnräumen). In den Sommerferien fahren die Kinder meist für ein paar Wochen ins Ferienlager ihrer jeweiligen Einrichtung und werden dort betreut. Das bedeutet freie Zeit für Kinderdorfmütter und -väter. Sie können aber auch Urlaub mit der "ganzen Familie" machen.
  • Alternativen: Erzieher/-in, Heilerziehungspfleger/-in, Kinderpfleger/-in


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