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Seiler/-in Zwischen Reeperbahn und Hightech

Seiler? Gibt’s die überhaupt noch? Aber ja - und wie! Denn Seile werden überall gebraucht: vom nur wenige Millimeter dünnen Seil für die Medizintechnik bis zum dicken Drahtseil zur Verankerung von Bohrinseln, vom Seil aus Chemiefasern für Segeljachten bis zu riesigen Fischernetzen.

Stand: 04.07.2013

Holzkonstruktionen. Auf der einen Seite hängt er den Faden an einen Haken, rollt drei Meter ab und führt den Faden über einen Haken an der gegenüberliegenden Konstruktion. Und dann geht's wieder zurück insgesamt sechs mal. Dann surrt ein kleiner Motor, der Haken rotiert, die Fäden kommen in Bewegung - Marcel zieht ein Holzstück, die sogenannte Lehre, über die Fäden - und schon ist er fertig, der Jutestrick. Eine Mini-Reeperbahn ist das hier, lange wurden Seile so hergestellt und angehende Seiler müssen diese alte Handwerkskunst auch beherrschen.

Seile aus Polyester und Polyamid

Doch moderne Seile entstehen nicht mehr per Hand - zu sehen ist das etwa bei der Firma Liros im oberfränkischen Lichtenberg. Sie macht Hightech-Seile für den Segelsport. In einer großen Halle rattern unzählige Flechtmaschinen. Es ist laut. An einer der Maschinen setzt Tobias Petrat Spulen mit Fäden aus Polyester und Polyamid ein. Er muss sich genau an die Vorgaben halten. Jedes Seil hat andere Eigenschaften - je nach Material und Anzahl der Fäden. Dann geht's los: Start - die 20 Spulen tanzen hin und her, die einzelnen Fäden werden zu einem Seil verflochten. Ist das Seil fertig, kommt es in die Konfektionierung, die Weiterverarbeitung. Um das Seil am Boot befestigen zu können, braucht es an den Enden eine Art Öse. Mit einem speziellen Werkzeug verbindet Tobias eines der Seilenden mit dem Seil zu einer Schlinge - Spleißen nennt der Seiler das. Dazu braucht Tobias geschickte Finger. In die Schlinge setzt er eine sogenannte Kausche ein, einen Metallring, er takelt das Ganze, bindet es also mit einem dünnen Faden fest - fertig.

Es gibt viele verschiedene Spleiße - die lernen die Azubis auch in Münchberg. Die Berufsschule dort ist die einzige für Seiler in ganz Deutschland. Zwölf Wochen pro Jahr kommen die Azubis hierher, immer zwei bis drei Wochen am Stück. Während der Ausbildung spezialisieren sie sich auf einen von drei Bereichen: die Herstellung von Seilen, die Konfektionierung, also Weiterverarbeitung von Seilen oder die Netzherstellung.

Montage auf Baustellen

Thomas Heber hat sich für die Weiterverarbeitung von Drahtseilen entschieden - bei der Firma Carl Stahl in München. Heute fertigt er hundert kurze Achs-Hebe-Seile für Lkw. Eine Maschine schneidet die Seile zurecht - Thomas macht an einem Ende eine Schlaufe, setzt eine Metall-Kausche ein, presst die Verbindung, setzt eine zweite Kausche ein, fixiert die mit ein paar Hammerschlägen und presst auch diese Verbindung. Und immer so weiter. Der Beruf als Seiler kann monoton sein. Thomas braucht Kraft - und Ausdauer. Manchmal kommt er aber auch raus: Seiler montieren ihre Produkte nämlich häufig selbst - auf Baustellen oder an Seilbahnen.

Netze für den Fischfang

Aus dem Süden in den hohen Norden, nach Rostock. Hier arbeitet Stefan Lehmann bei der Firma Rofia. Sie stellt Fischnetze her. Jedes Netz beginnt am Computer: Stefan berechnet den Schnittplan, die Länge, die Anzahl der Maschen. Jedes Netz sieht anders aus - je nach Fanggebiet, Fischsorte und Schiff. Mit dem Schnittplan geht's dann raus auf den Netzboden. Hier schneidet Stefan aus großen Netzbahnen Teile aus, die werden mit einem bestimmten Knoten zusammengestrickt. Hunderte von Knoten muss Stefan machen - bis zu zwei Wochen dauerts, bis ein neues Netz fertig ist. Der Seiler-Beruf wandelt sich ständig: Moderne Fertigungsmethoden, neue Materialien, andere Einsatzgebiete - Seile sind heute Hightech-Produkte. Mit ihrem breiten Fachwissen haben ausgebildete Seiler dabei gute Chancen, ihre Berufsaussichten sind hervorragend.

Die wichtigsten Fakten zur Ausbildung

  • Offizielle Berufsbezeichnung: Seiler/in,
  • Ausbildungsdauer: 3 Jahre
  • Ausbildungsform: Ausbildung im Betrieb und an der Berufsschule im oberfränkischen Münchberg; dorthin müssen alle Azubis. Der Unterricht findet in Blöcken von mehreren Wochen statt - insgesamt zwölf Wochen pro Jahr
  • Prüfung: Handwerkskammer
  • Ausbildungsorte: Seilerbetriebe - dort durchlaufen die Azubis die verschiedenen Stationen
  • Zugang: Es gibt keine schulische Zugangsvoraussetzung - die meisten Seiler haben Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife
  • Eignung: Gute Kenntnisse in Mathematik und Physik, technisches Verständnis, handwerkliches Geschick, körperliche Fitness
  • Perspektiven: Aufstieg im Unternehmen, zum Beispiel zum Vorarbeiter; Meisterprüfung - berechtigt zum Führen eines eigenen Betriebs; Studium, etwa zum Bachelor im Bereich Textiltechnik
  • Alternativen: Aufstieg im Unternehmen, zum Beispiel zum Vorarbeiter; Meisterprüfung berechtigt zum Führen eines eigenen Betriebs; Studium, etwa zum Bachelor im Bereich Textiltechnik, Technischer Konfektionär/Technische Konfektionärin, Segelmacher/Segelmacherin, Produktionsmechaniker/Produktionsmechanikerin - Textil

Die wichtigsten Infos zum Beruf

Verdienstmöglichkeiten

Seiler bekommen während der Ausbildung zwischen 480 und 590 Euro brutto im Monat. Nach der Lehre liegt der Lohn um die 1.700 Euro.

Geschicklichkeit

Seile entstehen heute zwar meistens an modernen Maschinen - der Beruf gehört aber immer noch zum Handwerk. Und das mit Recht: Vor allem bei der Verarbeitung von Seilen und Netzen, beim Knoten und Spleißen und bei der Montage brauchen Seiler flinke und geschickte Finger.

Kraft

Hundert Metall-Ösen mit den immergleichen Hammerschlägen an Drahtseilen festklopfen oder immer wieder denselben Knoten an einem Fischernetz machen - das kostet Kraft. Seiler sollten körperlich fit sein und die nötige Ausdauer haben - ab und zu kann der Job nämlich monoton sein.

Mathematik

Seiler müssen die Eigenschaften der Rohstoffe genau kennen und zum Beispiel wissen, welche Chemiefasern man kombinieren muss, um ein besonders hitzebeständiges Seil zu machen. Gute Kenntnisse in Physik und Chemie sind deshalb gefragt. Und auch Mathematik ist im Seiler-Alltag wichtig!

Info

Die Ausbildung zum Seiler läuft erst seit einigen Jahren wieder so richtig an, noch gibt es nicht viele Azubis. Die meisten Seiler sind Männer, die Betriebe stellen aber sehr gerne auch weibliche Bewerberinnen ein.


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