ARD-alpha - Ich mach's!


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Orgel- und Harmoniumbauer/-in Die Königinnen-Macher

Schon der Anblick ist beeindruckend: Hunderte von Pfeifen, ein Gehäuse so hoch wie ein Einfamilienhaus. Bläst einem dann noch der Klang um die Ohren, wird klar: Die Orgel gilt zu Recht als Königin der Instrumente.

Stand: 29.08.2016

Was als erstes auffällt, ist die Ruhe. Kaum ein Laut ist zu hören. Nur ab und zu kreischt eine Säge, rotiert ein Bohrer. Maria Trinkl und Simon Jann arbeiten äußert konzentriert. Die beiden machen eine Ausbildung zu Orgel- und Harmoniumbauern. Mit ihren Kollegen fertigen sie in der Werkstatt Einzelteile für eine neue Kirchenorgel, genau nach Plan: Tasten, Holzpfeifen, dünne Plättchen für die mechanische Traktur, grobe Bretter für den Pfeifenstock, Seitenteile fürs Gehäuse. Vier Monate haben sie Zeit, dann muss die Orgel in der Kirche stehen.

Akustik und Kunstgeschichte

Entwurfszeichnung

Alle paar Wochen fahren die beiden ins baden-württembergische Ludwigsburg, an die Oscar-Walcker-Berufsschule. Alle angehenden Orgel- und Harmoniumbauer aus Deutschland kommen hierher, entwerfen und zeichnen Orgeln, berechnen Kosten und lernen die Grundlagen von Akustik und Kunstgeschichte. Auch die Reparatur von Harmonien steht auf dem Stundenplan. Diese orgelähnlichen Instrumente werden allerdings kaum noch gebaut.

Vom Metallbarren zur klingenden Pfeife

Orgelpfeifenherstellung

Langsam schmilzt das Metall im Kessel dahin: Bei 250 Grad erhitzt Steffen Räder Barren aus Zinn und Blei. Sind die zu einer Legierung geschmolzen, gießt er mit einem Kollegen eine große Metallplatte - die Grundlage für den Pfeifenbau. Darauf können sich Azubis im dritten Lehrjahr spezialisieren. Steffen bringt die Platte mit einer Hobelmaschine auf die richtige Dicke und schneidet Stücke zurecht. Jede Pfeife hat einen langen Körper und einen kleineren Fuß. Beide Teile werden gerollt, gelötet und bekommen ein Labium, eine Lippe, an der später der Klang entsteht. Hat Steffen Pfeifenkörper und -fuß zusammengelötet, fehlt noch die nur wenige Millimeter große Öffnung, durch die die Luft strömen kann. Die schneidet er mit größter Genauigkeit ins Metall. Ein schneller Test: Steffen bläst, die Pfeife tönt - fertig!

"Bei der Herstellung von Pfeifen arbeite ich sehr genau. Wenn ich die Pfeife aufschneide, muss jeder Schnitt sitzen. Ganz kleine Pfeifen haben einen Durchmesser von nur wenigen Millimetern. Mache ich einen Fehler, ist die Pfeife ruiniert."

Steffen Räder, Geselle

Premiere für die neue Orgel

Orgelregister

Vier Monate sind vergangen - die Einzelteile der neuen Kirchenorgel sind fertig. Nun steht der Aufbau in der Kirche an. Jedes Teil kommt an seine Position. Die Orgel ist nicht allzu groß, schon nach wenigen Tagen steht sie auf der Empore. Die Orgelbauer intonieren die 400 Pfeifen, dabei wird ihre Klangfarbe an die Akustik der Kirche angepasst. Und dann hat das neue Instrument Premiere: Maria spielt zum ersten Mal auf "ihrer" Orgel.

"Orgeln haben mich von klein auf begleitet: Schon als Kind stand ich in der Kirche neben der Organistin und war fasziniert von dem Instrument. Jetzt selbst Orgeln zu bauen, ist ein tolles Gefühl: Man sieht, wie aus lauter kleinen Teilen ein großes Ganzes wird."

Maria Trinkl, Azubi

Abwechslungsreicher Alltag

Orgel- und Harmoniumbauer sind Schreiner, Elektroniker und Klempner in einem, sie bearbeiten Holz, Metall und Kunststoff, kennen sich mit Akustik und Elektronik aus und haben meist auch musikalische Grundkenntnisse. Es gibt zwar nicht viele Ausbildungsplätze, gute Bewerber werden aber immer gesucht - und haben die Chance, weit rumzukommen: Denn während für den deutschen Markt nur noch selten Orgeln gebaut werden, ist die Königin der Instrumente "made in Germany" weltweit gefragt.

Die wichtigsten Fakten zur Ausbildung

  • Offizielle Berufsbezeichnung: Orgel- und Harmoniumbauer/-in
  • Ausbildungsdauer: Dreieinhalb Jahre
  • Ausbildungsform: Duale Ausbildung im Betrieb und an der Berufsschule. Azubis aus ganz Deutschland lernen an der Oscar-Walcker-Schule im baden-württembergischen Ludwigsburg - immer mehrere Wochen am Stück.
  • Prüfung: Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer
  • Ausbildungsorte: Handwerkliche und industrielle Orgel- und Harmoniumbauer; Hersteller von Spieltischen, Klaviaturen und Orgelteilen; Restaurierungswerkstätten
  • Zugang: Ein bestimmter Schulabschluss ist nicht vorgeschrieben, den qualifizierenden Hauptschulabschluss sollten Bewerber aber schon mitbringen.
  • Eignung: Von Holz bis Kunststoff, von Mechanik bis Elektronik - der Alltag von Orgel- und Harmoniumbauern ist sehr abwechslungsreich. Azubis sollten sich in Mathe und Physik auskennen und schon mal Hammer und Säge in der Hand gehabt haben. Geschick und Genauigkeit sind ebenso gefragt wie eine Portion Kraft. Musikalisches Interesse und Sinn für Ästhetik sind von Vorteil.
  • Perspektiven: Spezialisierung, zum Beispiel auf den Entwurf von Orgeln, auf Wartung und Restaurierung oder auf das Intonieren und Stimmen von Orgelpfeifen; Weiterbildung zum Techniker in Holztechnik; Prüfung zum Orgel- und Harmoniumbaumeister; Studium des Musikinstrumentenbaus
  • Alternativen: Im Bereich Musikinstrumentenbau: Klavier- und Cembalobauer, Handzuginstrumentenmacher, Zupfinstrumentenmacher, Holzblasinstrumentenmacher, Metallblasinstrumentenmacher; im Bereich Holzbe- und verarbeitung/Metallbe- und -verarbeitung: Tischler, Holzmechaniker Fachrichtung Möbelbau und Innenausbau, Metall- und Glockengießer; im Bereich Holzwarenherstellung: Holzbildhauer, Drechsler

Genaue Informationen finden Sie auf den Webseiten der Arbeitsagentur:

Die wichtigsten Infos zum Beruf

Geld

Orgel- und Harmoniumbauer sind Idealisten: Sie machen den Job, weil sie eine besondere Beziehung zu diesem Instrument haben. Wie bei den meisten Handwerksberufen gilt: Reich werden sie damit nicht. Der Lohn während der Ausbildung liegt im Vergleich zu anderen Berufen im unteren Drittel.

Genauigkeit

Orgeln entstehen nach Plan: Jedes Einzelteil wird genau nach Vorlage gefertigt und noch in der Werkstatt angepasst - häufig geht’s dabei um Millimeter. Orgel- und Harmoniumbauer arbeiten sehr konzentriert.

Info

Orgel- und Harmoniumbauer sind keine Organisten! Bewerber müssen nicht Orgel spielen können, musikalische Grundkenntnisse sind bei den Arbeitgebern aber gern gesehen!

Mobilität

Orgeln entstehen für Kirchen und Konzertsäle rund um den Globus. Zum Aufbau sind Orgel- und Harmoniumbauer viel unterwegs. Auch, wer sich auf Intonation und Wartung spezialisiert, hat es in der Regel jede Woche mit einer anderen Orgel zu tun.


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