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Studieren ohne Abitur Von der Werkbank in den Hörsaal

Klar: Wer in Deutschland Abitur macht, darf studieren. Doch nicht nur der! Es geht auch ohne schulische Hochschulreife an Unis und Hochschulen: Wir erklären, wie auch Meister, Absolventen von Fachakademien oder Leute mit Berufsausbildung in den Hörsaal kommen.

Stand: 05.02.2016

In Martin Straßers Schreinerei fliegen die Späne. Mit 30 Mitarbeitern baut der 42-Jährige in Großeisenbach ausgefallene Messestände und elegante Einrichtungen für Geschäfte. Vor ein paar Jahren hat er von seinem Vater den Familienbetrieb übernommen. Um die Firma noch effektiver führen zu können, wollte er mehr betriebswirtschaftliches Knowhow - deshalb hat er sich für ein Studium entschieden. Und das ohne Abitur. Denn Martin hat zwar "nur" die Mittlere Reife an der Wirtschaftsschule gemacht, dank seiner Prüfung zum Schreinermeister hat er aber die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Das heißt, er darf an Hochschulen und Universitäten theoretisch alle Fächer studieren - zuvor muss er nur ein Beratungsgespräch absolvieren.

Martin studiert an der Hochschule München: Er hat sich in den berufsbegleitenden Studiengang "Unternehmensführung" an der Fakultät für Betriebswirtschaft eingeschrieben. Drei Mal in der Woche besucht er jetzt Seminare und Vorlesungen in BWL, Recht und Wirtschaftsinformatik - gemeinsam mit Metzger- oder Heizungsbaumeistern. Schon nach fünf Semestern kann er seinen Abschluss machen. Dann ist er Schreinermeister UND Bachelor of Arts.

"Ich setze ständig Wissen aus den Vorlesungen und Seminaren in meinem Betrieb um. Die eine oder andere Sache hätte ich ohne mein Studium sicherlich anders gemacht."

Martin Straßer, Schreinermeister

Wer hat die Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung?

"Ich habe kein Abitur, aber ich habe nach meiner Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation den Betriebswirt nach der Handwerksordnung gemacht. Mit diesem Abschluss habe ich die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Ich bin Personalleiterin einer Biotechnologie-Firma und studiere auch für meine weitere Karriere - denn auf einen akademischen Grad wird in der freien Wirtschaft viel Wert gelegt."

Iris Hauerwaas, Betriebswirtin nach der Handwerksordnung

Nicht nur mit der bestandenen Meisterprüfung hat man die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Auch wer einen äquivalenten Fort- und Weiterbildungsabschluss macht, darf an Universitäten und Hochschulen studieren. Welche Abschlüsse das genau sind, legt jedes Bundesland selbst fest.

"Ich habe als Krankenpfleger angefangen, mittlerweile leite ich ein Seniorenheim. Ich habe die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung mit einer Fortbildung erworben und dann ein Studium zum Diplom-Pflegewirt absolviert. Jetzt mache ich an der Universität meinen Master in Personal- und Organisationsentwicklung. Wenn ich möchte, kann ich damit sogar noch promovieren."

Markus Eisen, Diplom-Pflegewirt (FH)

Die fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung

Nur noch eine kleine Schraube. Mario Fraunhofer ist konzentriert. Gerade baut er eine Leiterplatte ein. Er tüftelt mit Kommilitonen an einem Modellauto, das selbstständig fahren soll - gesteuert nur über Kameras und Sensoren. Diese Projektarbeit ist Teil seines Studiums der Mechatronik an der Technischen Hochschule Deggendorf. Anders als Schreinermeister Martin Straßer hat Mario nicht die allgemeine, sondern die fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung. Die hat jeder, der eine Berufsausbildung macht und danach mindestens drei Jahre arbeitet - so wie Mario, er ist gelernter Zerspanungsmechaniker. Mit der fachgebundenen Hochschulzugangsberechtigung darf er Fächer studieren, die zu seinem Ausbildungsberuf passen.

"Ich habe nach der Ausbildung ein paar Jahre gearbeitet. Als die Aufgaben in der Firma immer komplexer wurden, wollte ich die Hintergründe und Zusammenhänge besser verstehen - deshalb habe ich mich für ein Studium entschieden."

Mario Fraunhofer, Zerspanungsmechaniker

Um sicherzustellen, dass Bewerber ohne Abitur das Studium auch packen, schauen sich die Hochschulen "beruflich Qualifizierte" wie Mario ganz genau an. Nach einem Beratungsgespräch müssen sie entweder eine Zugangsprüfung bestehen oder ein Probestudium absolvieren. Die meisten Hochschulen unterstützen die Studierenden ohne Abitur mit Extrakursen in den Naturwissenschaften und in Fachenglisch.

Gute Zukunftschancen

Klar, nicht jeder muss studieren. Wer sich aber ohne Abitur an die Hochschule wagt, hat später viele Chancen. Wenn Mario sein Studium erfolgreich absolviert, kennt er sich aus in Theorie und Praxis, sagt er: "Ich habe dann ein breites Fachwissen und bin vielseitig einsetzbar".

Mit diesen Abschlüssen hat man in Bayern die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung

  • Abschluss nach §§ 53, 54 des Berufsbildungsgesetzes bzw. nach §§ 42, 42a der Handwerksordnung (wenn der Lehrgang mindestens 400 Stunden umfasst):  z.B. Geprüfter Techniker, Geprüfter Landwirt, Betriebswirt nach der Handwerksordnung;
  • Abschluss einer öffentlichen oder staatlich anerkannten Fachschule: z. B.: Staatlich geprüfter Techniker, Staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt;
  • Abschluss einer Fachakademie (bei einer Fachakademie für Sozialpädagogik muss zudem die staatliche Anerkennung zum/r "Staatlich anerkannten Erzieher/in" oder eine Bescheinigung über ein bestandenes Berufspraktikum vorgelegt werden): z.B. Betriebswirt für Ernährungs- und Versorgungsmanagement;
  • Abschluss einer landesrechtlichen Fort- oder Weiterbildungsregelung für Berufe im Gesundheitswesen und im Bereich der sozialpflegerischen/sozialpädagogischen Berufe (wenn der Lehrgang mindestens 400 Stunden umfasst);
  • bestandene Weiterbildungsprüfung (wenn der Lehrgang mindestens 400 Stunden umfasst), die nach den Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft e.V. durchgeführt wird, wenn die Weiterbildungsstätte von dieser anerkannt ist;
  • Fortbildungsabschluss einer Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (mit staatlich genehmigter Prüfungsordnung und/oder Prüfungsmitwirkung eines Staatskommissärs, wenn der Lehrgang mindestens 400 Stunden umfasst);
  • bestandene Prüfung zum/r Verwaltungsfachwirt/in oder bestandene Fachprüfung II der Bayerischen Verwaltungsschule;
  • Abschluss im Sinne des Seemannsgesetzes.

Voraussetzungen für die fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung:

  • abgeschlossene Berufsausbildung
  • mindestens drei Jahre Berufserfahrung
  • Beratungsgespräch
  • Zugangsprüfung oder Probestudium

Mögliche Probleme beim Studium ohne Abitur:

  • fehlendes Schulwissen
  • Finanzierung
  • zeitliche Vereinbarkeit mit dem Beruf

Hier gibt's weitere Infos:

  • Studienberatung von Unis & Hochschulen
  • Hochschulteams der Bundesagentur für Arbeit
  • Internetseiten der Kultusministerien

Die wichtigsten Infos

Geld

Die meisten der Studierenden ohne Abitur entscheiden sich für berufsbegleitende Studiengänge. Die kosten in der Regel bis zu 2.000 Euro pro Semester. Es gibt Stipendien, manchmal beteiligen sich aber auch die Arbeitgeber an den Kosten des Studiums.

Mathe

Wer ohne Abitur an Universitäten und Hochschulen will, muss gerade am Anfang des Studiums mehr machen, um mit den Kommilitonen mitzukommen. Vor allem Fächer wie Mathematik und Physik, aber auch Fachenglisch sind oft eine harte Nuss. 

Zeit

Unterlagen durcharbeiten, Skripte anfertigen, für Prüfungen lernen - akademisches Arbeiten kostet Zeit. Wer berufsbegleitend studiert, sollte dafür täglich ein bis zwei Stunden einplanen.


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