ARD-alpha - Campus Magazin


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Berufschancen Sinn und Unsinn von Spezialstudienfächern

Über 18.000 verschiedene Studiengänge gibt es mittlerweile in Deutschland, die Hälfte davon sind teils hochspezialisierte Bachelorabschlüsse. Der Wissenschaftsrat befürchtet nun, dass dadurch die Jobchancen für die Absolventen sinken! Wie viel Spezialisierung ist sinnvoll?

Von: Moritz Pompl/Katharina Willinger

Stand: 04.11.2015

Es sind Studiengänge wie „Ressourcen-Effizienz-Management“, „Business-Administration in mittelständischen Unternehmen“ oder „Körperpflege“, die den Wissenschaftsrat in Köln zunehmend nachdenklich stimmen. Er berät unter anderem die Bundesregierung und die Landesregierungen in allen Hochschulfragen und in einem aktuellen Gutachten stellt er fest: Die hohe Spezialisierung im Bachelor kann dazu führen, dass die Studis später schlechtere Chancen im Beruf haben.

"Man soll im Studium schon den Überblick über eine ganze Disziplin bekommen. Wissenschaftliches Arbeiten und Denken erlernen. Und sich nicht zu stark nur auf ein Themenfeld konzentrieren. Denn wenn man das macht, dann ist man hinterher im Berufsleben doch ein bisschen weniger flexibel. Kann sich schlechter auf neue Anforderungen einstellen. Der Wechsel in eine andere Branche ist dann eher schwierig. Daher: eher breit ausbilden und nicht zu spezialisiert."

Dr. Bernhard Klingen, Wissenschaftsrat

Spezial-Bachelor wenig sinnvoll

Gerade im Grundstudium, also dem Bachelor, plädiert der Wissenschaftsrat für eine breite Ausbildung. Viele Studis wissen da ohnehin noch nicht genau, in welche Richtung sie genau gehen wollen. Eine umfassende Ausbildung im Bachelor ermöglichst es ihnen, erstmal einen Überblick zu bekommen – und sich dann im Master zu spezialisieren. Das würde es den potenziellen Arbeitgebern später viel leichter machen, die Qualifikationen eines Absolventen einzuschätzen.

"Tatsächlich haben Unternehmen manchmal Schwierigkeiten einzuschätzen, was ein Absolvent eigentlich erlernt hat, wenn er ein sehr spezielles Studienfach absolviert hat. Sie wünschen sich eher Absolventen, die wissenschaftlich arbeiten und kritisch denken können. Nicht dass sie unbedingt schon alle Einzelheiten eines Tätigkeitsfeldes kennen müssen. Vieles was an Spezialisierungen erfolgt, erfolgt eben auch erst im Job, also in der Berufseinstiegsphase."

Dr. Bernhard Klingen, Wissenschaftsrat

18.000 verschiedene Studiengänge machen ihren jeweiligen Wert fragwürdig

Was sagt die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg zu den Bedenken des Wissenschaftsrates, dass Unternehmen ein Problem mit der hohen Spezialisierung der Studis haben könnten? Die Bundesagentur ist sozusagen die Schnittstelle zwischen Hochschulen und Arbeitswelt, hat Beratungsstellen in ganz Deutschland und unterstützt viele Studis bei der Jobsuche. Auch sie spricht von einem „gewaltigen Anstieg der Studiengänge“ in den vergangenen Jahren.

"Wir sehen auch, dass hier die Personalabteilungen vielleicht nicht überfordert, aber schon sehr gefordert sind, wenn sie Studiengänge sehen wie „Digital humanities“. Da muss ich als Personaler nicht unbedingt wissen: Was sind die Inhalte?"

Jürgen Wursthorn, Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg

Spezialisierung kann auch nützen

Trotzdem sagt die Bundesagentur für Arbeit: Eine hohe Spezialisierung im (Bachelor)-Studium heißt nicht zwangsweise, dass die Absolventen später schlechter unterkommen. Erstens sieht der Arbeitsmarkt für Akademiker insgesamt sehr gut aus – das heißt: Fast jeder Hochschul-Absolvent kommt momentan ziemlich schnell unter. Und zweitens kann eine hohe Spezialisierung eben auch für besonders spezielle Jobs qualifizieren, bei denen die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt unter Umständen geringer ist als auf einem Gebiet, für das man sich mit einem breit aufgestellten Studium qualifiziert. Allerdings müssen die Absolventen eines hochspezialisierten Studiums mit einem vielleicht noch recht speziellen Namen wie „Digital humanities“ bei der Jobsuche in der Regel flexibler sein. Nicht in allen Regionen gibt es Jobs, die unbedingt dazu passen. Außerdem müssen sich die Absolventen bei der Bewerbung noch stärker ins Zeug legen als mit einem klassischen, herkömmlichen Studiengang.

"Hier ist einfach die Verantwortung beim Bewerber zu sehen. Unser Rat ist: Dringendst die Inhalte des Studiums in der Bewerbung zu erklären und dem Arbeitgeber zu sagen: Was kann ich? Wofür bin ich gut? Was waren denn die Inhalte meines Studiums?"

Jürgen Wursthorn, Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg

Hochschulen und Universitäten tragen Verantwortung

Eine klare Verantwortung liegt aber trotz allem auch im Bereich der Hochschulen selbst, die für das Angebot an Studienfächern verantwortlich sind. Dass ein breites Spektrum mit vielen Spezialisierungen funktionieren kann, zeigt etwa die Universität Erlangen. Dort können die Studis neben klassischen Fächern wie Chemie oder Medizin auch „Nordische Philologie“ oder „Linguistische Informatik“ studieren. Doch unabhängig vom Fach gilt: Alle Absolventen bekommen am Ende ein spezielles Abschlussdokument mit auf den Weg.

"Darin steht sehr genau, welche Kompetenzen ein Studiengang vermittelt – auch wenn ein Arbeitgeber vielleicht mit dem Titel eines Studiengangs nicht sofort etwas verbindet. Es gibt also eine detaillierte Auskunft darüber, was die Bewerberinnen und Bewerber können."

Prof. Dr. Antje Kley, Universität Erlangen

Hochschulen nutzen Spezialstudiengänge zur eigenen Profilierung

Trotzdem steht auch fest: Die deutschen Hochschulen erfinden immer neue Studiengänge – nicht nur, weil sie ihre Studenten damit gezielt auf das Berufsleben vorbereiten wollen, sondern teilweise auch aus Marketing-Gründen. Es geht schlicht darum, mit möglichst schmissigen Studiengängen viele Studenten anzulocken. Nicht in allen Fällen wird dabei unbedingt darauf geschaut, welche Jobchancen später damit verknüpft sind.

"Der Wissenschaftsrat würde gerne sehen, dass die Hochschulen einfach noch mal einen Schritt zurück machen und sagen: Wie wollen wir eigentlich ausbilden? Wie viel Spezialisierung ist sinnvoll? Und wo könnten wir vielleicht etwas mehr Breite reinnehmen? Wo können wir auch ein bisschen klarer machen, was wir anbieten? Und dann gehen wir davon aus, dass vielleicht an der ein oder anderen Stelle auch mal Studiengänge zusammen gelegt werden. Und sich dann vielleicht auch wieder die Zahlen reduzieren."

Dr. Bernhard Klingen, Wissenschaftsrat


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