ARD-alpha - Campus Magazin


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Zündstoff Macht Schule zum Lebenslegastheniker?

Kurvendiskussion. Gedichtanalyse. Warum zum Teufel muss man so was können? Die Schülerin Naina aus Köln hat sich im Netz über die Alltagsferne der Schule beschwert und riesige Diskussionen losgetreten. Zündstoff, finden wir!

Von: Anna Kemmer, Moritz Pompl

Stand: 21.01.2015

Muss Schule Alltagskompetenz vermitteln? | Bild: BR

Naina K. aus Köln kann Gedichte in vier Sprachen analysieren, schreibt sie auf Twitter, von Steuern und Co. hat sie keine Ahnung. Ihr Tweet schlägt Wellen. Über Nacht favorisieren und teilen ihn zigtausend Leute, werden ihre Follower. Die Bild-Zeitung berichtet, Zeit-Online, Spiegel.de, Puls vom Bayerischen Rundfunk, die Wirtschaftswoche ...

Lauter Lebenslegastheniker?

Und alle diskutieren die Frage: Produziert unser Bildungssystem lauter Lebenslegastheniker? Oder ist es ein Privileg, dass auf dem Lehrplan nicht nur Verwertbarkeit und Effizienz stehen? Für den Campus-Zündstoff fragen wir nach: Ist es denn die Aufgabe von Schule und Uni, uns alltagsfit zu machen? Sollten wir schon in der Schule lernen, Mietverträge und Bafög-Anträge zu kapieren und eine Steuererklärung zu machen?

Was sagt ihr dazu?

Abstimmung

Müssen Schule und Uni besser aufs praktische Leben vorbereiten?

Abstimmung: Mehr Alltagskompetenz an der Schule? | Bild: BR/Moritz Pompl
68,2 %
Abstimmung: Mehr Alltagskompetenz an der Schule? | Bild: BR/Moritz Pompl
31,8 %

Diese Abstimmung ist keine repräsentative Umfrage. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild der Nutzerinnen und Nutzer von BR.de, die sich an der Abstimmung beteiligt haben.

Bevor wir zu unserem Zündstoff-Reporter Moritz kommen: Die Landfrauen im Bayerischen Bauernverband sehen es übrigens ähnlich wie Naina: Die Schule vermittelt zu wenig Alltagskompetenz. 2012 haben sie deshalb Unterschriften für ein eigenes Schulfach gesammelt: "Alltags- und Lebensökonomie". Mit dem Fach wird es vermutlich erst mal nichts, aber das Bayerische Kultusministerium hat angekündigt, dass der verpflichtende Unterrichtsgegenstand „Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ in der Schule künftig eine größere Rolle spielen soll.

"Bildung ist Luxus"

Jetzt, endlich zum Zündstoff-Reporter Moritz: Der wollte von Schülern, Studenten und einer Schuldirektorin wissen, was sie von Nainas Tweet halten.

"Ich finde schon, dass Naina Recht hat. Wir haben wirklich überhaupt keine Ahnung. Bei allem muss man die Mama fragen. Bei allem möglichen. Oder den Papa."

Schülerin am Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching

Wir haben die Inverviewpartner abstimmen lassen: grün steht für mehr Praxiswissen, rot dafür, dass Gedichtsanalysen usw. ihre Berechtigung haben

Der Stoff in der Schule habe irgendwie nichts mit ihrem Leben zu tun, meint ein anderer Schüler. Ein 100-Jahre altes Gedicht zu interpretieren, interessiere ihn einfach nicht. Stattdessen, findet er, sollte man mehr über aktuelle Themen sprechen, was fürs Leben lernen: "Weil sonst wird man noch ein Lebenslegastheniker". Die Direktorin der Schüler, Brigitte Grams-Loibl, sieht das ganz anders. Klar, braucht man eine Gedichtinterpretation vordergründig nicht unbedingt, meint sie. Aber es gehe schließlich nicht immer nur um Verwertbarkeit von Wissen, sondern um Bildung – und zwar einer sehr breit gefächerten. Das sei ein großer Luxus, den sich unser Land leiste. Außerdem: Wenn Schüler wie Naina mit nicht mal 18 in vier Sprachen ein Gedicht interpretieren könne, könne man ihr dazu nur gratulieren, sagt die Direktorin: "So jemand hat später auch kein Problem eine Steuererklärung zu verstehen."

"Wir bilden nicht nur aus, damit nachher die Wirtschaft gut läuft. Sondern wir bilden den ganzen Menschen aus. Das Gedicht ist ein wunderbares Beispiel dafür. Wenn ich am Ende des Lebens nichts mehr höre und nichts mehr sehe und vielleicht ganz einsam bin, bleibt mir vielleicht gerade dieses Gedicht."

Rektorin Brigitte Grams-Loibl

Vor der Uni München sprechen wir Studenten an. Auch hier wünschen sich viele, sie hätten in der Schule oder an der Uni mehr Praktisches gelernt. Im Unterschied zu den Schülern sehen sie die Sache aber inzwischen differenzierter: Das breite Wissen aus der Schule und das abstrakte Denken, das sie dort gelernt haben, finden sie jetzt, mit etwas Abstand, super. "Und eine Überweisung auszufüllen und so, kann man sich schließlich auch von den Eltern zeigen lassen. Das ist nicht Aufgabe der Schule oder der Uni", sagt ein Student. Auf praktische Dinge, meint er, habe er sich durch die Schule zwar tatsächlich nicht so gut vorbereitet gefühlt. "Aber auf jeden Fall aufs Leben!

Linksammlung zu Nainas Tweed


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