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Strichliste an der Uni Streit um Anwesenheitspflicht

Mit Namenslisten überprüfen Dozenten in vielen Seminaren und Vorlesungen, ob die Studenten auch regelmäßig daran teilnehmen. Dabei ist das in einigen Bundesländern verboten. Viele protestieren deshalb.

Von: Katharina Willinger und Moritz Pompl

Stand: 15.07.2015

"Es gibt ganz skurrile Situationen, zum Beispiel, dass Hochschwangere in einem Seminar sitzen sollen, obwohl sie eigentlich die Chance bekommen müssten, über einen anderen Weg das Modul abzuschließen. Und das passiert nicht", sagt Philipp Bahrt vom AStA der Freien Universität Berlin.

Die Ausnahme wird zur Regel

Philipp Bahrt vom AStA FU Berlin

Bei ihm landeten ständig Fälle von Studierenden auf dem Tisch, die wegen der Anwesenheitspflicht Probleme im Unialltag bekommen. Obwohl das gar nicht sein sollte: "Eigentlich ist es so, dass nur in Ausnahmefällen diese Anwesenheitspflicht gilt. Sie gilt nicht automatisch für alle Veranstaltungen, aber in der Praxis wird dann eben die Ausnahme zur Regel und in sämtlichen Veranstaltungen steht dann mittlerweile auch die Anwesenheitspflicht mit drin."

Rechtlicher Ärger steht der Hochschule nicht ins Haus, denn sie ist selbst dafür verantwortlich, wie sie es mit der Anwesenheitspflicht hält. Wie in Berlin läuft es in den meisten Bundesländern. Einheitlich über das Landeshochschulgesetz geregelt ist die Anwesenheitspflicht nur in NRW, in Bremen, Niedersachsen, in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und in Bayern.

"Anwesenheitspflicht durch die Hintertür"

In diesen Bundesländern ist die Anwesenheit über die Hochschulgesetze geregelt.

Und die Gesetze schreiben folgendes vor: Anwesenheitspflicht gilt eigentlich nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel für Veranstaltungen, in denen eine Gruppe notwendig ist, damit der Kurs abgehalten werden kann: Beim Mannschaftssport oder im Orchester beispielsweise. Oder auch für Übungen im Labor. Allerdings halten sich auch in den Bundesländern, in denen das Hochschulgesetz den Rahmen vorgibt, nicht alle Unis an diese Vorgaben.

An der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg kämpft die Studierendenvertretung gerade gegen eine Neuregelung, die die Anwesenheit über das "Transcript of Records" dokumentiert. Das ist eine Bescheinigung, die alle Kurse auflistet, an denen die Studierenden teilgenommen haben. Sie erhalten dieses "Transcript of Records" zusammen mit ihrem Abschlusszeugnis für den Bachelor oder Master. Aber seit dem Wintersemester 2014/2015 sind im "Transcript of Records" nur jene Kurse gelistet, bei denen die Absolventen auch regelmäßig anwesend waren. Damit werde die Anwesenheitspflicht durch die Hintertür eingeführt, kritisieren Bamberger Studierende.

Kein Eintrag im "Transcript of Records"

Michael Thiel und Johanna Lerke, Studierendenvertretung Uni Bamberg

"Die Uni hat die allgemeine Prüfungsordnung dahingehend geändert, dass ein Eintrag ins "Transcript of Records" nur noch dann erfolgt, wenn die Studierenden regelmäßig teilgenommen haben. D.h. sie dürfen maximal drei Mal gefehlt habe", sagt Michael Thiel von der Bamberger Studierendenvertretung. Die Regelung gelte für drei der vier Fakultäten. Seine Kollegin Johanna Lerke findet: "Grundsätzlich sind wir mit der Uni ja d’accord, dass sie sagen: Wir sind keine Fernuni und wir brauchen den wissenschaftlichen Diskurs. Aber jetzt quasi so infantil, mit Zwang – das ist für mich nicht das Verständnis von der Uni. Da kann ich gleich zurück in die Schule gehen."

Oft treffe die Regelung Studierende, die nicht immer anwesend sein können. Etwa, weil sie nebenbei arbeiten, aus gesundheitlichen Gründen aussetzen oder Kinder betreuen müssen. Bei einigen Veranstaltungen reiche ja auch eine gründliche Lektüre aus, um die verpasste Stunde nachzuholen. Und außerdem: "Nur weil ich in einer Lehrveranstaltung sitze, heißt das nicht, dass ich alles mitbekomme. Bei der Anwesenheitspflicht rein auf die physische Anwesenheit zu pochen, ist falsch", sagt Michael Thiel.

Nachteile bei der Bewerbung?

Bei drei Fehlstunden dürfen die Studierenden in Bamberg zwar trotzdem die Prüfungsleistung erbringen, auch angerechnet werde der Kurs, allerdings tauche er im Zeugnis später nicht auf. Was heißt das im schlimmsten Fall für die Studierenden?

Daniel Maurer, Student an der Uni Bamberg

"Meine schlimmste Befürchtung ist, dass ich bei einer Bewerbung den Kürzeren ziehe. Wenn andere Bewerber mit einem "Transcript of Records" kommen, in dem Kurse stehen, die ich zwar auch besucht habe - aber die bei mir nicht eingetragen sind", sagt Daniel Maurer. Er studiert in Bamberg Geschichte und Germanistik – und hat zwei kleine Kinder. "Also ich versuche natürlich mein Bestes, anwesend zu sein. Aber wenn eines meiner Kinder krank ist oder wenn mal ein Arzttermin ist, den man nicht anders legen kann, dann muss ich natürlich fehlen."

"Der Wunsch kam auch aus den Reihen der Studierenden"

Prof. Dr. Sebastian Kempgen, Vizepräsident der Uni Bamberg

Aber warum hat sich die Uni überhaupt zu diesem Schritt entschieden? "Es wurde auch aus den Reihen vieler Studierender gewünscht - konkret aus der Psychologie. Dort gibt es auch Lehrveranstaltungen, in denen keine Prüfungen stattfinden und die dann nicht im "Transcript of Records" erscheinen. Deshalb kam der Wunsch auf, dass auch diese Lehrveranstaltungen eingetragen werden, wenn man hinreichend oft da war", erklärt der Vizepräsident der Otto-Friedrich-Universität Prof. Dr. Sebastian Kempgen. "Wir sind eigentlich davon ausgegangen, wir tun unseren Absolventen etwas Gutes, wenn wir ihnen bescheinigen: Ihr seid regelmäßig dagewesen."

Mit diesem Schritt hat die Uni Bamberg jedoch bei vielen Studierenden keine Pluspunkte gesammelt. Nun hat sich auch das Bayerische Wissenschaftsministerium eingeschaltet. In einer Antwort auf die Anfrage einer bayerischen Landtagsabgeordneten bezeichnet das Ministerium das Vorgehen der Universität sogar als rechtswidrig. Die Universität Bamberg hat kein Problem damit, die Anwesenheitsregelung wieder zurückzunehmen: "Ein großer Teil der Lehrenden wäre sicherlich begeistert, denn es bedeutet auch einen großen Aufwand, die Anwesenheit festzuhalten", sagt Professor Kempgen.


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