ARD-alpha - Campus Magazin


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Unterwegs mit Zoo Escape Über allem schwebt Sid Vicious

Zoo Escape haben es schon weit gebracht: 2015 wurden sie zu einer der besten Münchner Bands gekürt. Und auch in Japan wird man bald von ihnen hören. Dennoch bleiben die Musiker auf dem Boden. Schließlich müssen sie noch studieren.

Von: Nikolaus Wiesner

Stand: 14.01.2016

Im Bücherregal trifft Bertolt Brecht Bob Dylan. Kant und Die Toten Hosen unterhalten sich. Die Rolling Stones wissen immer noch nicht so recht, was sie mit Günther Grass anfangen sollen. Der Aschenbecher auf dem kleinen Arbeitstisch mit Papierkram ist randvoll, auf dem Balkon steht noch einer, genauso voll. Neben einer abgebrannten Kerze. Über allem schwebt Sid Vicious. Auf einem Poster.

Ist im Geiste immer dabei: Sex-Pistols-Bassist Sid Vicious (links)

Das ist das Ambiente des WG-Zimmers, in dem zwei Musiker an Klavier und Gitarre einen neuen Song ausprobieren. Sänger Marc Villon und Gitarrist David Bizarre sind die treibenden Komponisten bei Zoo Escape, einer aufstrebenden Münchner Band. Alle Mitglieder sind Anfang bis Mitte Zwanzig, ihre Leidenschaft gilt Punk und Power-Pop.

Zwei Alben haben sie schon veröffentlicht, seit 2012 haben sie 150 Konzerte gespielt, der erste spürbare Erfolg stellt sich ein: Die Süddeutsche Zeitung kürte Zoo Escape zu einer der zehn besten Münchner Bands des Jahres 2015, die erste Veröffentlichung in Japan steht bevor. Neben ihrem 'Job' als Musiker studieren die Bandmitglieder Geschichte, Soziologie und Politik oder warten auf einen Studienplatz. Einer von ihnen hat sogar schon einen Bachelor in Elektro- und Feinmechanik in der Tasche.

Ein Hauch von London anno 1977 begleitet Sänger Marc, wenn er aus seiner WG Richtung Uni oder Proberaum marschiert: die große Sonnenbrille, die blondgefärbte Punkfrisur und die unvermeidliche Kippe im Mundwinkel. Die "Do It Yourself"-Attitüde, die hinter dem Punk steht, damals wie heute. Wer der Band beim Proben zuhört, merkt schnell, wie ernst sie es damit meinen – hier gibt es keine Coverversionen. Keine Plagiate. Was draufsteht, ist auch drin. Die schnellen, intelligent druckvollen und immer melodiösen Songs werden in gewissenhafter Arbeit in Form gebracht. Ein bisschen Johnny Rotten darf's für Marc schon sein, aber man lebt vor allem von und für den eigenen Ausdruckswillen.

Ohne Disziplin und Ehrgeiz geht gar nichts

Musik, Studium und jobben - geht das auf Dauer nicht ans Eingemachte? "Wenn einer das wirklich will, dann schafft er’s auch", sagt Bassist Alex. "Wenn nicht, merkt er's bald, dann geht ihm die Puste aus." "Und gerade im kreativen Bereich, wo man man's nicht glauben würde, weil alles so wild und bunt und actionreich ist, gerade da braucht’s Disziplin und Ehrgeiz", fügt Schlagzeuger Lukas hinzu. Gitarrist Gregor kennt das zur Genüge, denn er hat neben Zoo Escape noch ein Elektropunk-Projekt. Auch Marc weiß, dass der Balanceakt zwischen Rock’n’Roll und Studium an guten Tagen leicht klappt, an schlechten aber ein Zerrissenheitsgefühl mit sich bringt, "das ganz schön beklemmend ist". Eine Musikkarriere ist das erklärte Ziel der Band, aber ein abgeschlossenes Studium dazu wäre nicht schlecht - denn um den Lebensunterhalt zu bestreiten, sind die Einnahmen noch zu dünn.

Brecht umgarnt Adorno: Cover der EP "Apart From Love"

Wenn so ein Tag zwischen Uni, Arbeit und Band irgendwann sein Ende findet, geht‘s in eine der Lieblingskneipen zwischen dem Münchner Hauptbahnhof und der angrenzenden Maxvorstadt. Ganz passend, dass eine dieser Kneipen nach Bertolt Brechts berühmten Theaterstück 'Baal' heißt.

Es ist spät geworden, nach Mitternacht. Was nicht heißt, dass Marc und Leadgitarrist David nicht in einer Stunde noch ein Song einfällt. Und sie mit dem Komponieren vielleicht die Nachbarn wecken. Aber was soll's – die Inspiration kennt keine Stunde. Einer muss ja die Fahne des Rock'n'Roll hochhalten, in dieser hektischen, unsicheren Welt, in der Sid Vicious auch nachts um drei noch über allem schwebt.

Tipps von der Band: Der beste Weg zum Plattenvertrag

Marc: Bei den kleinen bis mittelgroßen Labels geht es sehr ums Netzwerken – viele Konzerte spielen und damit die Leute von den Labels oder deren Freunde erreichen, die ja auch öfter auf Konzerte gehen. Einfach jeden anquatschen, egal wo man spielt, egal ob man sich kennt oder gerade kennenlernt. Sich austauschen über alles. Wenn man immer nur nach oben schaut, ist es ganz schön schwierig, weil der Weg sehr lang und demotivierend erscheint. Wenn man aber nach unten schaut, sieht man, dass man gar nichts zu verlieren hat. Und daraus entsteht Leichtigkeit.

Gregor: Wir haben durch das Spielen und Netzwerken den Kontakt zu unserem Label bekommen. Der Verantwortliche war auf einem Konzert von uns – und das hat ihn überzeugt, uns zu unterstützen. Konzerte spielen ist unglaublich wichtig.

Marc: Ein Demo kann heute jeder machen. Das ist nicht mehr wie vor 30 Jahren, als es ein Riesenaufwand war. Deswegen muss man mit etwas anderem überzeugen.

Themenreihe "Schöne Künste – Talentierte Studenten"
Universitäten sind nicht nur akademische Ausbildungsstätten. Sie sind auch Orte der Künste und bieten Studenten eine Bühne für ihre Kreativität. In einer kleinen Reihe stellen wir Studentinnen und Studenten vor, die ihre Talente und eigene künstlerische Arbeiten während ihres Studiums erfolgreich umsetzen - im Orchester, am Theater, beim Poetry Slam oder - wie Zoo Escape - in einer Band.


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