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Inklusion an Hochschulen Studieren mit Handicap

Rund 14 Prozent aller Studierenden in Deutschland sind behindert oder chronisch krank, das geht aus einer Untersuchung des Deutschen Studentenwerks hervor. Gar nicht so wenige – und es werden wohl in Zukunft immer mehr werden...

Von: Lisa Weiß

Stand: 06.07.2015

Lara ist schwerhörig, alles um sie herum nimmt sie stiller wahr. | Bild: BR

Inklusion an der Schule wird immer alltäglicher und die Hürden für Behinderte oder chronisch Kranke etwas geringer. Aber wie sind die Unis darauf eingestellt? Und was könnte man besser machen? Rund die Hälfte der Studierenden mit Behinderung klagt jedenfalls momentan über Probleme beim Studieren. Lisa Weiß vom Campus Magazin hat eine gehörlose Studentin an der LMU München getroffen.

Lara stützt den Kopf in die Hände, macht sich Notizen, versucht, dem Seminar in ihrem Studienfach Gehörlosenpädagogik zu folgen. Genau wie die anderen Studenten, die mit ihr im Hörsaal sitzen – nur dass Lara selbst fast taub ist. Um zu verstehen, worum es in dem Seminar geht, muss sie Lippen lesen, ist darauf angewiesen, dass jeder, der spricht, ein Mikrofon benutzt. Das ist anstrengend.

"Ich werde einfach schneller müde, dadurch, dass ich mich einfach mehr konzentrieren muss, um mitzukommen, um alles zu verstehen und zu hören. Wenn ich so ganz lange Tage habe wie heute, dann bin ich abends auch gar nicht mehr aufnahmefähig. Und das macht das dann gerade in Prüfungszeiten einfach schwieriger für mich."

Lara, gehörlose Studentin an der LMU

Lara kann studieren, das ist schon ein Fortschritt. Vor ein paar Jahrzehnten wäre das wohl nicht möglich gewesen. Seit 1976 sind die Unis und Hochschulen durch das Hochschulrahmengesetz verpflichtet, sich um die Belange von Behinderten zu kümmern. Und seitdem hat sich viel getan, sagt Christiane Schindler vom Deutschen Studentenwerk. Es gibt fast überall Beratungs- und Unterstützungsangebote; besonders Körperbehinderte finden mittlerweile an vielen Unis Rollstuhlrampen und barrierefreie Toiletten vor.

"Das Hauptproblem, was wir im Moment sehen, ist, dass den Studierenden der Freiraum fehlt, um Studienerfordernisse mit Therapie wahrzunehmen, mit Arztbesuchen, mit vielleicht auch mal einer Ruhepause einlegen, also dass das schwer zu vereinbaren ist. Das was wir eigentlich bräuchten, ist eine Flexibilisierung des Studienprozesses."

Christiane Schindler, Deutsches Studentenwerk

Das ist in Zeiten von Bachelor und Master aber schwierig, sagt sie. Das Studium ist verschult, die Stundenpläne straff. Umso wichtiger wäre es, dass Dozenten noch besser auf Menschen mit Behinderungen eingehen. Verena Espach lehrt und forscht zur Didaktik der Geschichte an der LMU, einer ihrer Schwerpunkte: inklusive Lehre.

Verena Espach, Didaktikerin an der LMU, Spezialistin für Inklusive Lehre | Bild: Verena Espach

"Das kann zum Beispiel heißen, dass ich Lehrmaterialien digital zur Verfügung stelle. Weil chronisch Kranke haben zum Beispiel lange Behandlungsphasen, Krankheitsphasen unter Umständen, dann können sie zu Hause schon etwas vorarbeiten, vorbereiten oder nachbereiten. Das wäre ein wesentlicher Punkt. Bei Sehbehinderten ist es ganz wichtig, dass man zum Beispiel die Materialien vergrößert."

Verena Espach, Lehrstuhl Didaktik der Geschichte an der LMU, Schwerpunkt: inklusive Lehre

Für Behinderte und chronisch Kranke gibt es auch Nachteilsausgleiche - zum Beispiel mehr Zeit für Klausuren und Hausarbeiten. Das sollten die Lehrenden aber auch in ihren Seminaren direkt ansprechen, egal wie gesund die Studenten aussehen, die vor ihnen sitzen. Denn dem Großteil der behinderten oder chronisch kranken Studenten sieht man die Einschränkung gar nicht an – sie sind zum Beispiel psychisch krank, Legastheniker oder tragen wie Lara ein fast unsichtbares Hörgerät. Gerade die, bei denen die Behinderung nicht sofort auffällt, trauen sich oft nicht, selbstständig den Nachteilsausgleich einzufordern, auf den sie Anspruch haben, sagt Verena Espach.

"Das ist die Angst, die ganz ganz viele Studenten haben, dass es dann heißt: Sie wollen sich ja nur einen Vorteil verschaffen. Davon gehen wir natürlich nicht aus, wir wollen also allen ihr Recht zukommen lassen. Wichtig ist aber, dass die Studenten das beantragen."

Verena Espach, Lehrstuhl Didaktik der Geschichte an der LMU, Schwerpunkt: inklusive Lehre

Und zwar rechtzeitig, denn die Bewilligung kann ganz schön lange dauern. Aber auch das ist wieder ein Extra-Aufwand für die Studenten. Und so sagt auch Studentin Lara: Vieles ist möglich für Behinderte an der Uni, aber alles ist mit viel Eigeninitiative verbunden:

"Wenn mich andere Leute fragen, die überlegen zu studieren mit einer Hörbehinderung oder die anfangen, dann sage ich schon immer, ihr müsst euch klar machen, es ist nicht einfach und es ist anstrengender als für andere. Ihr müsst euch mehr bemühen, ihr müsst immer um etwas bitten. Das ist einfach etwas, was auch nervt und das ist definitiv kein Zuckerschlecken."

Lara, gehörlose Studentin an der LMU


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