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Inklusion am Gymnasium Nicht ohne mein Mikrofon!

Fast taub in Deutschland Abi zu machen, eine Kunst für sich! Da musst du dich meist qualvoll als Einzelkämpfer durch das Schulsystem schlagen. Rühmliche Ausnahme - das Gisela-Gymnasium in München - und alle profitieren davon!

Von: Beate Brehm

Stand: 08.07.2015

Inklusion findet in Deutschland hauptsächlich an Grund- und Hauptschulen statt. Einige Gymnasien immerhin bieten mittlerweile Inklusionsklassen an, so auch das Münchner Gisela-Gymnasium. Wir schauen im Unterricht in der Q 12 vorbei - wenige Wochen vor den Abitur-Prüfungen: Die Schüler sitzen im Halbrund, es sind nur zwölf. Alle sind extrem diszipliniert, keiner redet dazwischen. Jeder hat ein kleines Mikrofon auf seinem Tisch. Und wenn ein Schüler etwas sagen will, lehnt er sich ein bisschen vor, drückt auf den „Sprecher-Knopf“ und redet in sein Mikro. Der Lehrer spricht in ein Headset. Der Grund für dieses Setting ist kein Planspiel Politik, auch kein Grundkurs im Live-Dolmetschen. Die Hälfte der Klasse ist schwer hörgeschädigt, also fast oder ganz taub. Alle von ihnen verfügen allerdings über ein elektronisches Innenohr, können also zumindest zu einem gewissen Prozentsatz hören.

Spezielle Anlage im schallisolierten Raum

Vor jeder Stunde stöpseln sie sich an die Anlage an, und bekommen dann alles, was Lehrer und Klassenkameraden sagen, direkt aufs Ohr. Der Raum ist schallisoliert, die Klassen extrem klein. Traumhafte Voraussetzungen für die Hörgeschädigten: Denn selbst mit Elektronischem Innenohr können sie nicht „normal“ hören. Das Hören ist anstrengend, irgendetwas geht immer unter. Die meisten von ihnen waren früher Meister im Lippenlesen und so tun, als würden sie alles verstehen. Bis zum Abi hätten es die meisten an einer anderen Schule – wenn überhaupt – nur mit der allergrößten Mühe geschafft.

Deutschlandweit: 72 Prozent der behinderten Schüler auf Sonderschulen

Das Gisela-Gymnasium ist das einzige in ganz Bayern mit genau solchen Inklusionsklassen für hörgeschädigte Schüler. Andere Schulen für Hörgeschädigte führen nur bis zur Mittleren Reife oder zum Fachabitur. Insgesamt gibt es sogar nur fünf bayerische Gymnasien, die das Schulprofil „Inklusion“ haben. Deutschlandweit gehen 72 Prozent der behinderten Schüler immer noch auf Sonderschulen. Und von den 28 Prozent, die inklusiv unterrichtet werden, gehen nach der Grundschule 90 Prozent auf die Haupt- oder Mittelschule. Gerade mal 5,5 Prozent der Inklusionsschüler sind am Gymnasium, das sind 1,4 Prozent aller Schüler mit Behinderung.

Wie weit Inklusion gehen soll, darüber streitet man sich

Inklusionsbefürworter wie Hans Wocken, emeritierter Professor für Lernbehindertenpädagogik an der Uni Hamburg, fordern, auch die Gymnasien stärker für Schüler mit Behinderung zu öffnen. Sie wissen aber auch, dass das in einem dreigliedrigen Schulsystem, in dem am Gymnasium die Bildungselite unterrichtet wird, kaum möglich ist.

"Ein Gymnasium, das auch geistig Behinderte Kinder aufnehmen würde, wäre kein Gymnasium mehr."

Hans Wocken, Erziehungswissenschaftler und Sonderpädagoge

"Schüler mit körperlichen Behinderungen wie Taubheit, Blindheit, Lähmungen oder Spastiken lassen sich aber in das bestehende Schulsystem inkludieren. Das zeigen auch die  Abi-Schnitte der Inklusionsschüler am Gisela-Gymnasium, die sich kaum von denen der anderen Schüler unterscheiden."

Max Dimpflmeier, Biologielehrer am Gisela-Gymnasium

Der Bio-Lehrer am Gisela-Gymnasium weiß, wovon er spricht. Er ist selbst hörgeschädigt, machte sein Abi am Gisela-Gymnasium und studierte dann eben Biologie, erst auf Diplom, dann auf Lehramt. Er weiß auch, dass Hörgeschädigte einen anderen Unterricht brauchen: Alles muss visualisiert sein, falls doch mal ein Wort untergeht. Die Schüler brauchen Hörpausen, denn Zuhören ist anstrengend für alle mit Hörgerät. Und: Die Lippenbewegung ist zur Unterstützung immer noch sehr wichtig. Deshalb sitzen die Schüler auch im Halbkreis: So kann jeder die Lippenbewegungen des andern sehen. Außerdem ist das Lernen für Schüler mit Hör-Behinderung schwerer. Es fehlt einfach ein Sinn, oder er ist nur schwach ausgeprägt. Durch die Behinderung entstehen Verständnislücken im Unterricht, deshalb haben die Inklusionsschüler bei den meisten Klausuren – und auch im Abi – länger Zeit.

Für ihre Mitschüler sind Inklusionsschüler kein Problem

"Wir profitieren doch auch von den kleinen Klassen, die Unterschiede zwischen Schülern mit und ohne Handicap fallen gar nicht mehr auf. Nur manchmal, im Sport, wenn die Hörgeschädigten ihre Hörhilfen ausgeschaltet haben, da müssen wir uns dann wirklich mit Händen und Füßen verständigen."

Schüler Tarek


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