ARD-alpha - Campus Magazin


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Erfahrungsbericht von Lara Wie mein fast tauber Unialltag aussieht

Ich habe eine hochgradige Schwerhörigkeit beiderseits. Ich studiere seit vier Jahren an der LMU in München und bin gerade im zweiten Semester zu meinem Master in Prävention, Inklusion und Rehabilitation bei Hörschädigung…

Stand: 03.07.2015

Lara studiert fast taub ander LMU München. | Bild: BR

Zusätzlich studiere ich Grundschuldidaktik. Ich werde zukünftig als Lehrerin an Schulen für Hörgeschädigte arbeiten.

In meiner Schulzeit hatte ich glücklicherweise keine großen Probleme. Meine Lehrer und Lehrerinnen zeigten sich immer sehr verständnisvoll und haben die von mir verwendete Funkanlage, die sogenannte FM-Anlage, die das Gesagte direkt per Funk live in meine Hörgeräte überträgt, bereitwillig getragen.

Meine ersten Erfahrungen an der LMU

Als ich dann mein Studium an der LMU in München begonnen habe, war ich natürlich zunächst sehr unsicher, da ich nicht wusste, ob ich diese Anlage im Studium genauso verwenden kann, ob die Dozenten die Anlage anziehen würden und ob ich eventuell Probleme bekommen würde mit der Größe der Hörsäle und der Anonymität innerhalb des Studiums. Deshalb habe ich mich über die Homepage der LMU schlau gemacht und bin so auf die Einführungsveranstaltung der Beratungsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung gestoßen, die ich dann auch besucht habe:

Dort konnte ich die Erfahrung machen, dass ich bei Weitem nicht die Einzige bin, die solche oder ähnliche Probleme hat. Es war schön, zu sehen, dass es gar nicht so wenige Studierende mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung gibt und dass diese genau die gleichen Sorgen und Fragen haben wie ich. Ich erfuhr, dass es Funkanlagen in der Art, wie auch ich eine habe, sogar zum Ausleihen bei der Beratungsstelle gibt und mir wurde bewusst, dass es schon viele andere Hörgeschädigte geschafft haben, ein Studium an der LMU durchzuziehen und dass ich es dann auch schaffen kann. Über die Möglichkeit, Funkgeräte über die Beratungsstelle ausleihen zu können, bin ich sehr dankbar, da ich so die Möglichkeit habe, auf die Geräte der Beratungsstelle auszuweichen, sollte es zu Ausfällen bei meiner eigenen Anlage kommen.

Ungleichbehandlung von Studierenden und Auszubildenden

Ohne Funk-Anlage wäre ich im Studium wirklich aufgeschmissen, da es insbesondere in den großen Hörsälen wirklich sehr schwierig ist für mich mitzukommen. Daher ist es für mich sehr frustrierend, dass es aufgrund der aktuellen Gesetzeslage so schwierig ist, eine solche Anlage zu bekommen. Aktuell ist nur der Bezirk Oberbayern in einem solchen Fall zuständig, über diesen konnte ich auch eine Anlage bekommen, allerdings nur für die Dauer des Studiums und nur gegen eine monatliche Leihgebühr. Hätte ich mich anstelle des Studiums für eine Ausbildung entschieden, so wäre dies kein Problem, da ich dann solche technischen Hilfsmittel über die Arbeitsagentur bzw. den Integrationsdienst bekommen könnte. Es ist doch sehr verwunderlich, dass es einem in dieser Hinsicht so schwer gemacht wird, zu studieren, wo ich doch nur auf technische Hilfsmittel angewiesen bin, die lediglich einmal für mehrere Jahre angeschafft werden müssen.

Täglicher Kampf, alles Gesprochene mitzubekommen

Generell erfordert das Studium auf jeden Fall viel Kraft und Ausdauer. Um in den Vorlesungen gut mitzukommen, ist sehr viel Konzentration erforderlich und ich merke auch, dass dies sehr ermüdend ist für mich und ich deshalb auch wesentlich mehr Ruhepausen benötige als meine Kommilitonen. Ein Punkt, der mir leider immer wieder Probleme bereitet ist auch, wenn Kommilitonen in Vorlesungen und Seminaren Beiträge einbringen. Hier möchte ich natürlich schon gerne mitbekommen, was gesagt wird, aber auch auf der anderen Seite nicht jedes Mal den Dozenten daran erinnern müssen, doch bitte die Beiträge zu wiederholen. Hier entscheide ich mich dann entweder dafür, Kommilitonen zu fragen, oder eben den Beitrag nicht mitzubekommen, was mitunter sehr frustrierend sein kann.

Einsatz eines Handmikrofons mit Hindernissen

In Seminaren, in denen mich die Studierenden gut kennen und die eine überschaubare Größe haben, setze ich ein Handmikrofon ein. Dies hat jedoch zur Folge, dass es häufig bei mündlichen Beiträgen meiner Kommilitonen vorkommt, dass das Handmikrofon vergessen wird und ich dann wieder auf mich aufmerksam machen muss und auf eine Wiederholung des Beitrags bestehen muss. Das kann sehr nervig und frustrierend sein.

Hilfe durch Austausch mit anderen Betroffenen

Hier helfen mir auch die regelmäßigen IBS- und Peer Group-Treffen an der LMU. Bei diesen Treffen konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung machen, mich mit anderen Menschen mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung oder ebenfalls einer Hörschädigung austauschen zu können. Dies empfand und empfinde ich immer noch als sehr bereichernd, da man viele hilfreiche Tipps und Bewältigungsstrategien lernt, wie man z.B. die Zeiten von Ruhe- und Lernphasen organisiert und weil man sich dort gegenseitig bestärken kann.

Guter Draht zu Kommilitonen aus meinem Fach

Im Umgang mit Kommilitonen aus meinem Studiengang habe ich auch nur positive Erfahrungen gemacht. Diese zeigten sich eher sehr interessiert an mir, da ich für sie ein gutes lebendes Beispiel bin und sie bei Interesse und Fragen zum Gebiet der Hörschädigung immer mich löchern können. Ansonsten fühle ich mich aber auch nicht als etwas Besonderes in dem Sinne, ich werde behandelt wie jede andere Kommilitonin oder Freundin auch.

Glück mit dem Lehrstuhl – doch ein Einzelfall?

Ich hatte auch wirklich Glück mit meinem Lehrstuhl, da dieser ja sozusagen vom Fach kommt und sich meine Dozenten und Dozentinnen daher sehr verständnisvoll zeigten und mir keinerlei Probleme in Bezug auf meine Hörbehinderung bereiten. Aber auch fachfremde Dozenten haben mir keine Probleme gemacht bisher. Ich weiß mich in dieser Hinsicht wirklich glücklich zu schätzen, da ich schon ganz andere Dinge gehört habe über Lehrende, die sich weigern, die Funkanlage anzuziehen. Hierfür habe ich wenig Verständnis, da diese nicht einmal nach ausführlicher Erklärung der Umstände bereit waren, zu kooperieren. Sollte es aber nicht in der heutigen Zeit und im Sinne der Inklusion mittlerweile selbstverständlich sein, dass die Lehrenden alles versuchen, um ihr  Wissen möglichst an alle studierwilligen Menschen weiterzugeben?

Kommunikation und Offenheit quasi ein Muss

Allerdings muss man sagen, dass ein Studium mit einer Behinderung auch bei mir nur mit sehr viel Kommunikation und Offenheit gut zu bewältigen ist. Man muss immer wieder, jedes Semester, in jeder Vorlesung und in jedem Seminar aufs Neue erklären, was man hat, wieso man es hat und welche Hilfe man braucht. Nur so kann man nämlich auch von Seiten der Lehrenden Verständnis für die eigene Situation erwarten, auch wenn es mitunter ziemlich nervig ist, jeden Tag aufs Neue die gleiche Erklärung herunterbeten zu müssen. Dies zeigt auch, dass man ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein braucht bzw. die Fähigkeit, für sich selbst einzustehen, wenn es mal nicht so läuft, wie man es möchte. Jedoch haben mir gerade diese Erfahrungen geholfen, mit meiner Behinderung offener und selbstbewusster umzugehen und mich auch mehr mit dieser auseinanderzusetzen.

Einen ausführlichen Studienratgeber für hörbehinderte Studierende im deutschsprachigen Raum gibt es unter:


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