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Blind an der Uni "Meine Freunde beschreiben mir alles"

Clara ist neben ihrem Studium an der LMU München auch noch aufstrebende Biathletin und Langläuferin. Im Interview erzählt sie uns, welche Hürden sie als blinde Studentin meistern muss. Und dass der Montag für sie knallrot ist.

Von: Monika Platzer

Stand: 09.07.2015

Dieses Jahr wurde sie Vierte bei der Nordischen Ski-WM der Behindertensportler, jetzt steuert sie die Paralympics in Pjöngjang an.

Campus Magazin: Du studierst Computerlinguistik und im Nebenfach Sprache, Literatur, Kultur (SLK). War Computerlinguistik von Anfang an dein Wunschstudium?

"Ich war zwischen Psychologie und Computerlinguistik hin- und hergerissen. Aber zuerst habe ich mal bei den jeweiligen Lehrstühlen vorgefühlt, wie realistisch das für mich als blinde Studentin überhaupt ist."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Und wie waren die Reaktionen?

"Die Psychologen waren sehr zurückhaltend. Allein schon der Leistungssport ließe sich kaum mit dem starren Semesterplan vereinbaren. Ein bisschen nach dem Motto: Und dann auch noch blind... Aber die von der Computerlinguistik waren offener und meinten, dass man das schon hinbekommen würde. Trotzdem habe ich jetzt oft das Gefühl, dass es irgendwie doch ein Problem ist. So ganz konnten sie es sich wohl nicht vorstellen, was eine blinde Studentin bedeutet."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Wo liegen denn die konkreten Probleme für dich im Uni-Alltag?

"Das größte Problem ist eigentlich die Beschaffung der Lehrmaterialien. Ich bitte die Professoren immer um die Vorlesungsfolien, damit ich die Inhalte vor- oder nacharbeiten kann. Eine spezielle Software für Blinde liest mir den Text dann vor. Aber bei Tabellen und Grafiken wird´s schwierig. Dafür brauche ich dann eine Assistentin, die für mich das Dokument bearbeitet und solche Inhalte beschreibt."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Wissen denn die Dozenten, dass da eine Blinde im Hörsaal sitzt?

"Ich kontaktiere die Zuständigen von allen Lehrveranstaltungen, die ich besuche. Aber die vergessen dann einfach auch oft, dass ich ja nicht sehen kann. In unserem Fach schreiben die Professoren zum Beispiel oft mathematische Formeln an die Tafel. Da ist es dann für mich natürlich sehr schwierig zu folgen."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Gelten für dich aufgrund der Sehbehinderung denn Sonderregelungen bei Klausuren und Hausaufgaben?

"Ja, dafür musste ich einen sogenannten „Nachteilsausgleich“ beantragen. Ich darf bei Klausuren meinen eigenen Laptop verwenden und bekomme 50 Prozent mehr Zeit. Bei einigen Aufgabenstellungen ist das eigentlich trotzdem noch zu wenig. Zum Beispiel bei Multiple-Choice-Fragen  kann ich die oft sehr langen Antwortmöglichkeiten nicht „kurz überfliegen“, sondern muss mir alles komplett anhören. Unten angekommen weiß ich dann manchmal schon gar nicht mehr, wie die Frage genau lautete."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Du bist das bestimmt schon oft gefragt worden, aber was bedeuten „Inklusion“ und „Inklusive Pädagogik“ denn für dich persönlich?

"Ja, schon sehr oft.“ (Lacht.) „Für mich ist Inklusion eher eine Lebenseinstellung als ein pädagogisches Konzept. Dass die Leute allgemein achtsamer miteinander umgehen, sich gegenseitig unterstützen, egal ob mit oder ohne Behinderung. Speziell von den Uni-Professoren würde ich mir wünschen, dass sie behinderte Studierende als selbstverständlich ansehen - und nicht als Zusatzaufwand. Natürlich sind viele mit der „normalen“ Lehre schon voll ausgelastet, aber man könnte es wie an den Schulen machen, wo ein mobiler Dienst die Lehrer unterstützt."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Denkst du, dass du es mit einer Ausbildung leichter gehabt hättest?

"Definitiv. Die typischen Berufe für Blinde sind nach wie vor Telefonistin, Masseurin oder Physiotherapeutin. Hürden gibt es auch dort, aber es ist einfach besser geregelt, nämlich durch Arbeitsamt und Integrationsamt. Für die Uni hingegen ist keiner zuständig. Man rennt von einer Stelle zur nächsten, wenn man zum Beispiel einen speziellen Laptop braucht."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Wie ist das eigentlich finanziell geregelt, bekommst du als blinde Studentin eine zusätzliche Förderung?

"Ich bekomme das sogenannte 'Blindengeld', aber das brauche ich allein schon für die Hilfsgeräte. Meine Assistentin für die Aufbereitung der Lehrmaterialien muss ich selbst bezahlen. Um hier eine Kostenübernahme zu erreichen, dürfte ich keine Ersparnisse haben. Das läuft über das Sozialhilfegesetz."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Noch einmal zurück zu den schöneren Dingen, die ein Studium mit sich bringt. Sieht das "Studentenleben" bei dir anders aus?

"Eigentlich nicht, nur durch den Sport bin ich viel weg. In München wohne ich in einer ganz normalen WG mit einer Musikpädagogin - nur der Putzplan ist bei uns eben anders eingeteilt. Meine Mitbewohnerin kenne ich quasi noch 'aus dem Sandkasten', meine Behinderung haben wir beide erst später verstanden, das war für uns normal. Das ist vielleicht ein Punkt, der mich an der Uni stört. Das erste Thema ist irgendwie immer, dass ich blind bin. Viele Kommilitonen sehen zuerst meine Behinderung, dann erst mich. Auf manche wirke ich durch meine Mimik auch schüchtern oder gar arrogant, wenn ich nicht grüße - aber oft bemerke ich die Leute schlichtweg nicht."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Sind in deinem Freundeskreis noch andere Studierende mit einer Sehbehinderung?

"Ja, aber größtenteils habe ich „sehende“ Freunde. Das ist sehr praktisch, denn meine Freunde beschreiben mir alles, ob im Kino oder bei einer Städtereise. Das machen die fast schon automatisch, vor allem meine kleine Schwester. Sie hat mir auch beigebracht, wie ich auf Fotos lächeln soll, damit es gut aussieht. Ich kann es ja nicht vor dem Spiegel üben."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Wie prägst du dir eigentlich die Lerninhalte ein? Bist du durch deine Sehbehinderung dann zwangsläufig ein eher akustischer oder haptischer Lerntyp?

"Obwohl ich mittlerweile fast komplett blind bin, arbeitet mein Gehirn trotzdem sehr visuell. Ich stelle mir Gehörtes sozusagen vor meinem inneren Auge vor, um die Inhalte zu strukturieren. Zum Beispiel assoziiere ich auch Wochentage mit Farben, wenn ich mir Termine merken will. Der Montag ist für mich knallrot. Ich weiß auch nicht, wie ich darauf gekommen bin. Ich denke, das ist anders für jemanden, der überhaupt nie etwas sehen konnte."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin

Campus Magazin: Dass du von einer Medaille in Pjöngjang träumst, wissen wir und drücken dir schon jetzt ganz fest die Daumen. Aber wie träumst du nachts?

"Komischerweise kann ich in meinen Träumen irgendwie schon sehen. Ich wache manchmal mit dem Gefühl auf, kräftige Farben gesehen zu haben. Ich denke, ich greife da auf alte Inhalte zurück, weil mein Sehverlust ja schleichend war. Ich habe eine Form von RP, also Retinopathia pigmentosa. Bis zum Alter von etwa 8 Jahren konnte ich mich noch soweit räumlich orientieren, dass ich hinter jemand anderem mit dem Fahrrad nachfahren konnte. Früher konnte ich auch noch Farben wahrnehmen, aber Gesichter zum Beispiel konnte ich nie richtig sehen, die kann ich mir schwer vorstellen."

Clara Klug, Studentin und Leistungssportlerin


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