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Studium für Flüchtlinge Wie Hochschulen Flüchtlinge integrieren

Angesichts der Flüchtlingskrise und dem großen Ansturm asylsuchender Menschen, öffnen viele deutsche Hochschulen und Unis ihre Hörsäle für Flüchtlinge.

Von: Linda Zahlhaas

Stand: 09.10.2015

Bei einer Summer University an der Hochschule Landshut beschäftigten Teilnehmer aus ganz Deutschland mit der Thematik der Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland | Bild: Hochschule Landshut

Alleine 2015 wird über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Eine enorm hohe Zahl, die auch Deutschlands Hochschulen und Universitäten zum Handeln zwingt. Die Hochschulen und Unis wollen die Flüchtlinge mit Studienerfahrung schneller in das deutsche Bildungssystem integrieren. Die Politikwissenschaftlerin Anna Schmauder aus Heidelberg hat eine Überblicks-Karte mit Hochschulen erstellt, die Studienmöglichkeiten für Geflüchtete anbieten.

Hier geht’s zur Karte mit allen Studienmöglichkeiten für Flüchtlinge:

"Die Karte hat zwei Ziele: Ehrenamtliche zu informieren, in welchen Unis sie tätig werden können und deutlich zu machen, die Zivilgesellschaft hat Interesse daran. Für Flüchtlinge ist es eine Übersicht, wo sie ein Studium machen können."

Anna Schmauder.

Es gibt bisher nur zwei Universitäten (blaue Punkte), die ein reguläres Studium für Flüchtlinge anbieten. Die Universität des Saarlandes und die Hochschule Magdeburg-Stendal. Die roten Punkte bedeuten, dass es hier Gasthörer- und Schnupperstudien-Angebote gibt.

Voraussetzungen, um an den meisten Gasthörer-Programmen teilnehmen zu dürfen, sind unter anderem:

  • ein geklärter Aufenthaltsstatus
  • Hochschulzugangsqualifikation im Original
  • bestandener Deutsch-Sprachkurs (Goethe-Zertifikat-B1)

Doch genau diese oben genannten Kriterien, die Klärung des Aufenthaltsstatus, die Hochschulzugangsqualifikation und den bestandenen Deutsch-Kurs, können viele Flüchtlinge nicht einfach so erfüllen. Alles zusammen dauert oft weit länger als die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zugestandenen fünf Monate. Für manche Flüchtlinge kann es sogar mehrere Jahre dauern, allein den Aufenthaltsstatus zu klären. Auch die Finanzierung von Sprachkursen oder die Anerkennung der Qualifikationen aus der Heimat ist alles andere als einfach. Asylsuchende müssen oft lange warten, bleiben in Ungewissheit und leben in Angst vor der Abschiebung.

Initiative "Offene Uni Heidelberg"

Anna Schmauder hat gemeinsam mit ihrer Kommilitonin, Johannah Illgner, die Initiative „offene Uni Heidelberg“ gegründet. In den Verhandlungen mit der Universität Heidelberg fordern sie für geflüchtete Menschen mehr als nur ein Gasthörerprogramm. Sie möchten, dass den Flüchtlingen der Hochschul-Zugang erleichtert wird und Hürden abgebaut werden, damit sie richtig studieren können. Das bedeutet ein größeres Angebot an Sprachkursen und ein Ersatz-Test-Verfahren, das die Eignung zum Studium feststellen soll.

"Wie viel gemacht wird für Erasmus- oder Austauschstudenten, um ihnen den Studieneinstieg zu erleichtern: Mentorenprogramme, Gruppenveranstaltungen etc. - das muss es auch für Flüchtlinge geben."

Anna Schmauder 

Studium für Flüchtlinge in Online-Kursen an der Kiron University.

Ab 15.10.2015 starten die Online-Kurse an der Kiron-University. Der Pilotjahrgang besteht aus rund 1000 Studienanfängern. Kiron will Flüchtlingen kostenlos und unbürokratisch den Zugang zu Hochschulbildung zu ermöglichen - ohne Nachweis von Schulzeugnissen, Deutschkenntnissen oder einer Aufenthaltserlaubnis. Über Crowdfunding hat Kiron bereits über 170.000 Euro gesammelt und hofft auf weitere Unterstützung.

Die Studierenden belegen während der ersten zwei Jahre standortungebunden Onlinekurse. Im dritten Jahr wechseln sie an eine staatlich anerkannte Partneruniversität. Dokumente müssen die studierenden Flüchtlinge erst nach Abschluss des zweiten Studienjahres vorlegen. Die brauchen sie, um sich an einer der rund 20 Partneruniversitäten einzuschreiben, unter ihnen die RWTH Aachen. An den Partneruniversitäten können sie dann einen anerkannten Abschluss machen. Die Online-Kurse, sogenannte “massive open online courses” (MOOCs), stammen renommierten von Universitäten wie Yale, Harvard, oder Stanford.

"Bildung ist der Schlüssel für erfolgreiche Integration. Allerdings stehen viele Flüchtlinge zunächst vor großen bürokratischen Hürden. Anders bei Kiron - hier können Flüchtlinge direkt anfangen"

Markus Keßler, Initiator der Kiron Academy

Die Kiron Academy bietet aktuell fünf Bachelorstudiengänge an: Informatik, Ingenieurwesen, Kulturwissenschaften, Architektur und Betriebswirtschaft. Die überwiegend englischsprachigen Online-Kurse werden in Kooperation mit etablierten Anbietern von “massive open online courses” (MOOCs) angeboten. Die Kurse stammen von Universitäten wie Harvard, Stanford oder Yale.

LMU-Programm für Flüchtlinge

"Mit dem Gasthörer-Programm sollen besonders die Flüchtlinge aufgefangen werden, die schon länger in Deutschland sind, nicht die, die vor drei Wochen gekommen sind." Monique-Claudine Esnouf, International Office der LMU

Flüchtlinge können im Gasthörerstatus an der LMU keine Studienleistungen erbringen, die später für ein reguläres Studium angerechnet werden können. Aber die LMU und auch andere Unis bieten den Flüchtlingen einen universitären Rahmen, Kontaktmöglichkeiten zu anderen Studenten und die richtigen Ansprechpartner.

"Wir möchten gemeinsam mit den Menschen über Ihre Perspektiven in Deutschland sprechen. Viele sind verunsichert und trauen sich ein Gasthörer-Studium noch nicht zu. Diesen Interessenten vermitteln wir dann Sprachkurse" Monique-Claudine Esnouf, International Office der LMU

Dazu gibt es eine Reihe von Initiativen und Veranstaltungen, die Flüchtlingen den Einstieg in das Studienleben erleichtern sollen. Flüchtlinge können so kostenlose Rechtsberatung oder medizinische Betreuung erhalten. Andere Initiativen vermitteln Studierende weiter, die in Flüchtlingseinrichtungen helfen wollen. Hier sind die Kontakte der LMU:

Studien- und Mentoren-Programm für Flüchtlinge der TU München

Seit Oktober 2015 können sich Flüchtlinge an der TU München als Gasthörer einschreiben und deutsch- oder englischsprachige Kursmodule kostenfrei besuchen. Mentoren begleiten die Neuankömmlinge. Ein festes Kontingent an Plätzen ist nicht vorgesehen. Das Programm richtet sich an Flüchtlinge, die in ihrem Heimatland unmittelbar vor einem Studium standen oder Studienerfahrung aufweisen.

Deutsch- oder Englischkenntnisse sind Voraussetzung. Dazu müssen sie den Status als Flüchtling nachweisen und die Studienberatung besucht haben. Dort erhalten sie ein Formular, in das sie eintragen können, an welchen Fakultäten sie welche Veranstaltungen besuchen möchten.

„Flüchtlinge in Landshut“

So heißt die Initiative für Flüchtlinge an der Hochschule Landshut. Ab sofort können dort Flüchtlinge mit akademischer Vorbildung ausgewählte Vorlesungen aller Fakultäten besuchen. Im Wintersemester 2015/16 bietet die Hochschule über 50 Vorlesungen speziell für Flüchtlinge an. Es werden Teilnahmebestätigungen ausgestellt.

"Die Hochschule möchte sich damit dem Bedarf öffnen und Flüchtlinge und Asylbewerber an der Hochschule willkommen heißen."

Prof. Dr. Karl Stoffel, Hochschulpräsident.

Ahmed Biazeed ist einer von 14 Flüchtlingen, der das Angebot der offenen Vorlesungen der Hochschule Landshut wahrnimmt.

Derzeit haben sich 14 Flüchtlinge zu den Vorlesungen angemeldet. Derzeit sucht die Hochschule unter den Studierenden Sprachtutoren für „Deutsch als Fremdsprache“. Nähere Informationen zu den Vorlesungen unter:

In Landshut haben Flüchtlinge kostenfreien Zugang zum Internet über die Computer der Hochschulbibliothek. Außerdem wurde das Flüchtlingsthema inzwischen in die Lehre integriert.


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