ARD-alpha - Campus Magazin


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Studiengebühren Kommt die Ausländer-Maut an deutschen Unis?

Die Studiengebühren sind abgeschafft. Eigentlich. Denn in Leipzig zahlen die Studenten an einer staatlichen Hochschule seit Kurzem satte 1.800 Euro pro Semester. Aber nicht alle, sondern nur die Nicht-EU-Ausländer. Ist das fair?

Von: Moritz Pompl und Anna Kemmer

Stand: 15.04.2015

Musik-Student Samuel

Samuel liebt Leipzig, dieses Klein-Berlin mit seinen bunten Cafés und der großen Künstlerszene. "Schon in Israel hatte ich den Traum, dass ich hier studieren und arbeiten will. Mein größtes Ziel wäre es, in einem professionellen Orchester unterzukommen."

Doch seit letztem Semester hat sich für den 25-Jährigen, der an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Fagott studiert, einiges verändert. Mitten im Studium war sein Lebensplan plötzlich in Gefahr.

"Ich war im Urlaub. Eine Woche, bevor ich nach Leipzig zurückfahren sollte, habe ich eine Mail bekommen, dass ich ab nächstem Semester 1.800 Euro zahlen soll. Das war wirklich schockierend. Ich habe gedacht: Muss ich jetzt mein Studium abbrechen? Wie mache ich das? Woher kommt das Geld? Meine Eltern konnten sich das nicht leisten. Ich habe sie gefragt, aber sie konnten nicht."

Samuel, Musik-Student aus Israel

Werden Nicht-EU-Ausländer diskriminiert?

Samuel ist lange nicht der Einzige, der von heute auf morgen plötzlich 300 Euro im Monat zusätzlich auftreiben muss, um die neuen Studiengebühren zu bezahlen. Denn die Abgabe trifft alle Studenten der HMT, die nicht aus der Europäischen Union kommen – rund ein Drittel aller Studenten. Deutsche und EU-Studenten dagegen müssen nichts zahlen – zumindest nicht, wenn es sich um ihr Erststudium handelt.

"Das finde ich nicht fair. Warum nur die Nicht-EU-Studenten. Warum ich und nicht andere, die aus Italien oder so kommen. Bin ich vielleicht anders als sie?"

Samuel, Musik-Student aus Israel

Eine Gesetzeslücke ausgenutzt

Seine Freunde und Kommilitonen, egal ob aus Deutschland oder nicht, pflichten ihm bei. Vielen tut es einfach nur leid, dass ihre Mitstudenten plötzlich so viel zahlen müssen und dass das ihr Leben in Leipzig so viel schwerer macht. Ein deutscher Student, der jahrelang im Studierendenrat saß, sagt den Campus-Reportern: "Wir hätten gerne alle etwas mehr bezahlt. Aber das Problem ist das sächsische Hochschulfreiheitsgesetz. Das verbietet es, von den Einheimischen mehr zu verlangen als die Bearbeitungsgebühren. Bei den Nicht-EU-Ausländern hat man eine Grauzone genutzt."

Abstimmung

Sollten Nicht-EU-Studenten bei uns in Deutschland Gebühren zahlen?

Diese Abstimmung ist keine repräsentative Umfrage. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild der Nutzerinnen und Nutzer von BR.de, die sich an der Abstimmung beteiligt haben.

HMT-Rektor Prof. Dr. Robert Ehrlich

Und in der Tat: Laut dem Gesetz ist es juristisch kein Problem, von Nicht-EU-Studenten Gebühren zu kassieren. Auch wenn im Moment gegen die Uni eine Klage läuft. Aber die Gebühren sind, wenn es nach Rektor Prof. Dr. Robert Ehrlich geht, plötzlich eine überlebenswichtige Einnahmequelle. Die staatlichen Zuschüsse reichten, so Ehrlich, nicht aus, um die Lehrbeauftragten weiter zu bezahlen.

"Das tut mir persönlich sehr leid. Aber, darauf lege ich großen Wert, die Studenten werden damit nicht alleine gelassen. Und wir haben einige Studierende, die sehr gut situiert sind und es sich locker leisten können."

Prof. Dr. Robert Ehrlich, Rektor der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig

Für Studenten aus weniger wohlhabenden Familien hat die Uni spezielle Stipendienprogramme entwickelt. Eines dieser Stipendien war Samuels Rettung: Er musste sein Studium nicht abbrechen. Trotzdem bleibt für ihn und viele andere Studenten die Frage, ob die exklusive Semestergebühr für Nicht-EU-Ausländer nicht doch ganz einfach eines ist: diskriminierend.

Wissen absahnen, um dann wieder zu verschwinden?

Zumal eines der Hauptargumente, das von Befürwortern der Gebühr immer wieder genannt wird, fragwürdig erscheint: Die Studenten aus Nicht-EU-Ländern würden in Deutschland nur studieren, danach aber mit ihrem ganzen Wissen wieder in ihre Heimatländer verschwinden – dem deutschen Staat brächten sie hinterher also nichts, vor allem nicht in Form von Steuern. Unsere Campus-Umfrage zeigt das Gegenteil: Alle Befragten können sich nach ihrem Studium sehr gut vorstellen, in Deutschland zu bleiben und hier auch zu arbeiten – so wie Samuel, der den Traum hat, mit seinem Fagott in einem deutschen Orchester unterzukommen.

Wolfgang A. Herrmann, Präsidenten der Technischen Universität München

Trotzdem würden auch andere Unis in Deutschland am liebsten eine Gebühr für Nicht-EU-Ausländer einführen. Campus trifft sich in München mit dem Präsidenten der Technischen Universität, Prof. Dr. Wolfgang Herrmann. Hier studieren derzeit rund 37.000 Studenten, davon 5.000, die nicht aus der EU stammen. Die sollen, wenn es nach Herrmann ginge, zumindest die Hälfte der Studienkosten selbst tragen. Die andere Hälfte soll laut Herrmann der Bund übernehmen. Je nach Fach könnte die Ausländer-Gebühr nach seiner Vorstellung 6.000 bis 15.000 Euro pro Jahr kosten.

"Wir werden einen weiteren Ausbau unseres Hochschulsystems an qualifizierten Studienplätzen ohne zusätzliches Geld nicht leisten können. Das Ausland wird weiter hereindrängen. Wenn die Kapazitäten gleich bleiben, wird der Studierende aus Garmisch oder Rosenheim mehr auf der Strecke bleiben als die Studentin aus Schanghai. Entweder wird unser Hochschulsystem dann komplett zusammen brechen, oder es wird in seiner Leistungsfähigkeit sinken."

Wolfgang A. Herrmann, Präsidenten der Technischen Universität München

Auch in München sind viele Studenten gegen die Gebühr

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) hatte vor kurzem noch für die Abschaffung der allgemeinen Studiengebühren in Bayern gekämpft. Von der Ausländer-Gebühr halten die AStA-Vertreter gar nichts: "Es bringt jetzt nichts, durch die Hintertür wieder Studiengebühren für Ausländer einzuführen", sagt Konstantin Römer vom AStA. "Vor allem nicht an einer Universität wie der TU, die sich Internationalität groß auf die Fahnen schreibt."

Die Argumente für und gegen eine Gebühr für Nicht-EU-Ausländer


Pro-Argumente:

  • Die Unis sind überfüllt und unterfinanziert
  • Nicht EU-Studenten kehren nach dem Studium vielfach in ihre Heimat zurück – sie nehmen das Wissen mit, zahlen aber in Deutschland nie Steuern
  • Deutsche müssen im Ausland teilweise auch Gebühren zahlen


Contra-Argumente:

  • Unis schmücken sich gerne mit Internationalität. Unter den Gebühren leidet die Weltoffenheit
  • Viele Ausländer arbeiten nach ihrem Studium sehr wohl in Deutschland und gehen gar nicht zurück in die Heimat. Ihre Steuern tragen also auch dazu bei, das Unisystem zu finanzieren
  • Die allgemeinen Studiengebühren sind abgeschafft – die Chancengleichheit sollte nun auch für Ausländer gelten
  • Über die Hintertür der Ausländergebühr könnten wieder allgemeine Studiengebühren eingeführt werden

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