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Studentenverbindungen Was bringt das Verbindungsleben?

Karrieregeil, ewiggestrig und Saufen – Klischees über Studentenverbindungen gibt’s viele. Die Deutsche Burschenschaft fällt immer wieder rechtsradikal auf. Doch sind alle Studentenverbindungen gleich?

Stand: 26.05.2015

Vorab: Es gibt viele verschiedene Arten von Studentenverbindungen, die man nicht in eine Schublade werfen kann: zum Beispiel Corps, Turnerschaften, Sängerbünde, Burschenschaften. Die einen sind farbentragend und schlagend, das bedeutet bei ihnen gibt es die sogenannte Mensur, das Fechten mit scharfen Waffen. Andere sind farbentragend und nicht schlagend. Wieder andere definieren sich über ein gemeinsames Interesse, wie akademische Gesangsvereine oder Turnerschaften. Der Dachverband “Deutsche Burschenschaft” steht immer wieder wegen rechtsradikaler Tendenzen in der Kritik. Davon distanzieren sich andere Verbindungen klar.

Sogenannte "Corps" beispielsweise legen Wert auf politische Neutralität, außerdem spielen Nationalität, Herkunft und Religion kein Kriterium bei der Aufnahme neuer Mitglieder. Auch der Vorwurf, dass Frauen in Verbindungen immer nur schmückendes Beiwerk seien, zieht nicht immer: Manche Verbindungen nehmen inzwischen Frauen auf und es gibt auch reine Damenverbindungen. Was die meisten Verbindungen vereint: Pflege lebenslanger Freundschaften, Netzwerke und alter Traditionen sowie ein eher konservatives Weltbild.

Wie finde ich die passende Verbindung?

Albrecht Fehlig, Sprecher mehrerer Corps-Verbände

Wirklich viele Studenten lassen sich heutzutage nicht mehr dafür begeistern; Schätzungen zufolge sind etwa zwei bis drei Prozent von ihnen Mitglied in einer Verbindung. Solltet ihr darüber nachdenken, ob das Verbindungsleben etwas für euch wäre, so bekommt ihr Tipps in folgendem Gespräch. Albrecht Fehlig ist Pressesprecher mehrerer Corps-Verbände und gibt Tipps, wie ihr die richtige Verbindung findet, welchen Verpflichtungen ihr nachkommen müsst und wie ihr davon profitiert.

Campus Magazin: Herr Fehlig, wie finde ich die richtige Verbindung für mich? Auf was muss ich bei der Suche achten?

Das zweifarbige Fuchsband der Rhenania

"Corps, wie auch die anderen Studentenverbindungen, sind Freundschaftsbünde, in denen die lebenslange Freundschaft aller Mitglieder das Ziel ist. Wenn der Studienanfänger nach einer Studentenverbindung sucht, in die er eintreten möchte, ist es natürlich ganz wichtig, dass einem die Mitglieder sympathisch sind und dass die Ausrichtung zu den Interessen passt. Alle Corps suchen den Kontakt zu Studienanfängern. Wenn man keine persönlichen Präferenzen durch Familie oder Freunde hat, sollte man sich von zwei oder drei Corps am Ort zu lockeren Veranstaltungen einladen lassen und prüfen, ob es einem gefällt."

Albrecht Fehlig

Campus Magazin: Was muss ich tun, um aufgenommen zu werden?

Gemeinsamer Grillabend in der Rhenania

"Bei den meisten Corps kann man den Eintritt als “Fuchs”, also als Mitglied auf Probe, formlos mündlich beantragen. Darüber wird dann in einem “Convent” demokratisch befunden. Während der Fuchszeit haben beide Seiten Zeit, sich gegenseitig zu prüfen. Wenn der Aufnahmekandidat merkt, dass das Leben im Corps nichts für ihn ist, kann er formlos austreten. Die Aufnahme als Fuchs, die 'Admission', erfolgt in einer kleinen Zeremonie, die die Ernsthaftigkeit des Vorgangs unterstreichen soll. Nach erfolgreicher Fuchsenzeit kann der Fuchs lebenslang aufgenommen werden, wir nennen das 'Reception'.  Das passiert in der Regel nach ein oder zwei Semestern."

Albrecht Fehlig

Campus Magazin:  Wenn ich die Aufnahme geschafft habe: Welche Rechte habe ich als Verbindungsstudent?

Kneipe im Verbindungshaus der Rhenania

"Wer nach seiner Fuchsenzeit als 'Corpsbursche' in ein Corps 'recipiert' worden ist, hat alle Rechte. Der Convent der Corpsburschen, der CC, ist gleichzeitig Parlament, Regierung und Gericht. Alles wird demokratisch besprochen, abgestimmt und bewertet. Die demokratisch gewählten 'Chargierten' bilden die Exekutive, in ständiger Abstimmung mit dem Corpsburschen-Convent. Jeder hat dabei nicht nur das Recht mitzubestimmen, ja wird sogar explizit aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen. Die Demokratie nach dem 'Conventsprinzip' unterscheidet sich ein wenig von der politischen Demokratie. Es gibt einige Besonderheiten. So sind Enthaltungen bei Abstimmungen verpönt. Jeder muss sich eine Meinung bilden und sie mit Überzeugung vertreten. Bei wichtigen Abstimmungen müssen die Jüngeren ihre Stimme vor den Älteren abgeben, damit sie sich von den Erfahreneren nicht beeinflussen lassen. Passive Mitglieder gibt es bei den Corps nicht."

Albrecht Fehlig

Campus Magazin: Und welche Pflichten habe ich?

Fecht-Training für die Mensur

"Wer in ein Corps eintritt, muss sich bewusst sein, dass er hier keine Erlebnisse konsumieren kann, sondern mitmachen muss. Corps organisieren Feste der unterschiedlichsten Art, die das Studentenleben bereichern. Corps fahren zu Besuchen bei anderen Corps in andere Universitätsstädte oder zu ihren Alten Herren, aber auch auf Verbandstagungen. Und Corps empfangen Besuche, die bewirtet und betreut werden wollen. Wer Corpsstudent wird, dem macht es Freude, sein Leben und das Leben in der Gemeinschaft aktiv zu gestalten. Das macht auch vor allem deshalb Spaß, weil ein Corpsstudent mehr Ressourcen als der normale Student zur Verfügung hat. Mit der finanziellen Unterstützung der Alten Herren und der Infrastruktur eines großen Corpshauses lässt es sich ganz anders feiern als in der Studenten-WG. Zu den Pflichten im Corps gehört auch die 'Mensur', also das Fechten mit scharfen Waffen, bei dem Verletzungen nicht ausgeschlossen sind. Die Corps halten es für unverzichtbar, das sich ihre Mitglieder dieser Herausforderung stellen. Nur so entsteht das tiefe Gemeinschaftsgefühl, das die Corps ausmacht."

Albrecht Fehlig

Campus Magazin: Wie lange ist man in der Regel aktiv?

Ahnengalerie der Rhenania

"In allen Corps gibt es die Möglichkeit, nach etwa drei oder vier Aktiven-Semestern 'inaktiv' zu werden, sich also vom aktiven Corpsbetrieb und den Ämterverpflichtungen zurückzuziehen, um sich mehr dem Studium zu widmen und sich auf das Examen vorzubereiten. Wenn der Corpsstudent sein Examen abgelegt hat und einen Beruf ergriffen hat, wird er 'philistriert', also 'Alter Herr'. Er tritt dann in den Altherrenverband seines Corps ein und unterstützt die jungen Mitglieder durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und persönliche Ratschläge, übernimmt aber auch eine Vorbild-Funktion."

Albrecht Fehlig

Campus Magazin: So ganz allgemein: Was hat man davon, einer Verbindung beizutreten?

Freundschaft für immer

"Bei uns in den Corps steht im Mittelpunkt die Verbindung der Mitglieder in lebenslanger Freundschaft, die Ausbildung von Charakter sowie die Stärkung von Persönlichkeit und Tatkraft. Viele Berufstätige betrachten heute ihre frühere Tätigkeit für die Organisation und die Administration des Corps als ideale Vorbereitung für ihre spätere Management-Karriere. Und die routinemäßige Übung beim Begrüßen von Gästen und beim Halten von Kneipreden ist besser als jedes Rhetorik-Seminar."

Albrecht Fehlig

Campus Magazin: Danke Herr Fehlig für das Gespräch.

Viele der Studentenverbindungen sind nicht deutschlandweit organisiert, haben keine Dachverbände. Darum findet ihr hier, bei weitem nicht erschöpfend, Links zu einigen der größeren Dachverbände von Studentenverbindungen.

Studentenverbindungen in der Kritik

Studentenverbindungen stehen in ständiger Kritik als ewig Gestrige. Vor allem aus Burschenschaften hört man  immer wieder Töne, die in einem modernen Rechtsstaat, wie die Bundesrepublik einer ist, nichts zu suchen haben. In Eisenach findet heute wieder, wie jedes Jahr, das Treffen der Deutschen Burschenschaften statt. Wie schon so oft, werden auch heute wieder rechtsradikale Äußerungen befürchtet. Wenn ihr mitdiskutieren wollt, laden wir ein zunächst zu uns heute Abend auf http://www.facebook.com/campus.ard

Im Netz findet ihr eine ganze Reihe von ständigen Diskussionsforen., die sich kritisch mit Studentenverbindungen und vor allem Burschenschaften auseinandersetzen.


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