ARD-alpha - Campus Magazin


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Erfahrungsbericht Lindas Erlebnisse mit der chinesischen Küche

Ich solle mich mit Kaffee, verschweißtem Käse, Brot und Süßigkeiten ausstatten, wird mir vor meiner Abreise nach China geraten, denn westliche Produkte wären im Reich der Mitte schwer zu bekommen.

Von: Linda Zahlhaas

Stand: 09.10.2015

Linda an einer Imbissbude in China  | Bild: Linda Zahlhaas

"Chinesen ernähren sich nur von Reis, in Glutamat-Sauce ertränktem Gemüse und dazu wahlweise Katze oder Hund ", sagten mir einige Asienspezialisten. Auf das Schlimmste vorbereitet, aber ohne geschmuggelte Milchprodukte lande ich in Shanghai. Schon am Flughafen merke ich, dass diese Metropole mit keiner europäischen Stadt vergleichbar ist. Es ist feucht und schwül. Der Lärmpegel in der Ankunftshalle vergleichbar mit einem Wiesnzelt kurz vor Ausschankende. Nach offiziellen Angaben leben 23 Millionen registrierte Menschen in Shanghai, die inoffiziellen Zahlen liegen noch weit darüber. Dementsprechend lang ist auch die Schlange am Taxistand; 45 Minuten muss ich warten, bis mir ein Taxi zugewiesen wird. Durch die beschlagene Taxischeibe beobachte ich meine Umgebung, fühle den Puls der Großstadt, sauge alle Eindrücke in mir auf, meine Müdigkeit von dem anstrengendem Flug ist wie weggeblasen. Nach 1,5 Stunden erreiche ich mit einem Bärenhunger mein neues Zuhause.

Auf der Suche nach etwas Essbarem

Straßenimbiss spät in der Nacht

Die Horror-Geschichten über die kulinarischen Vorlieben der Chinesen, die man sich in Deutschland erzählt, im Hinterkopf, rechne ich mit allem: aufgespießtem Hund oder Insekten, ganz egal - ich habe Hunger! Irgendetwas Essbares werde ich schon finden. Es ist bereits nach 22 Uhr, aber die Straßen sind immer noch voller Menschen, Rollerfahrern und hupenden Autos. Jeder zweite Laden ist ein Restaurant oder eine Gar-Küche. An fast jeder Straßenecke stehen Essenstände auf Rollen. Dort gibt es Suppen, Tintenfisch mit Zwiebeln, chinesischen Barbecue, Teigtäschchen… Ich bin total überfordert vom großen Angebot und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Schließlich entscheide ich mich für gebratene Nudeln vom Straßenstand. Viele einheimische Chinesen bestellen auch bei diesem Stand, vielleicht ein Indiz, dass es schmeckt? Die Zutaten kann ich mir selbst wählen. Ein paar Schwenker mit dem Wok, verschiedene Soßen dazu und fertig sind meine gebratenen Nudeln mit allerlei Gemüse und Hühnchen. Ölig, aber authentisch. Das Getränk nehme ich mir aus einer Kühlbox. Zum Essen setzte ich mich zu einer chinesischen Familie an einen kleinen Tisch mit  ebenso kleinen wie bunten Plastikhockern, gleich neben dem Nudelstand. In Deutschland würde der Stand wahrscheinlich kein Hygiene-Siegel bekommen, aber die Atmosphäre hier ist unschlagbar.

Mein Mut, auf der Straße zu essen

"Biergarten auf Chinesisch!" denke ich mir. Mein Mut, auf der Straße zu essen, wird belohnt: Geschmacklich sind die Nudeln nicht vergleichbar mit den mir bekannten „Asia“ Nudeln vom Imbiss aus Deutschland. Das Gemüse ist knackig, das Fleisch zart. Die Sauce eine pure Geschmacksexplosion. Den Stand werde ich mir merken.

Mein erstes Mal in einer chinesischen Unikantine

Freundin Hoa schmeckt das Mensaessen

Am nächsten Tag beginnt die Uni. Ich werde prompt von chinesischen Kommilitonen in die Unikantine eingeladen. „Chi fan le ma?“ - „Hast du schon gegessen?“, fragen sie mich. „Das ist eine chinesische Begrüßungsfloskel und zeigt auch wie wichtig Chinesen gutes Essen ist“, erklärt mir eine chinesische Kommilitonin.

Anfangs sträube ich mich noch. Selbst in Deutschland bin ich kein großer Fan von der Uni-Mensa Wie kann das wohl nur für so viele Studenten schmecken? Ich sehne mich nach meiner am Vortag entdeckten Street Food-Meile zurück. Dann stehe ich aber mit gefühlt tausend chinesischen Studenten in der meterlangen Schlange vor der Essensausgabe.

Ich bin mit 1,80 Metern die größte Frau in der Schlange und blicke auf die zahlreichen schwarzen Haarköpfe hinab. Aus großen, ungläubigen Augen werde ich gemustert. „Sie ist so groß!“ tuscheln Mädchen vor mir. Ich nehme mir also ein Tablett und erreiche schließlich ein langes Buffet. Es ist vollbeladen mit allen erdenklichen chinesischen Gerichten in kleinen chinesischen Schälchen: von kalten und warmen Vorspeisen über Fisch, Fleisch und Meeresfrüchten, bis zu Gemüse und Tofu.

Ohne Tofu geht hier nichts

Tofuhaut mit Bärlauch

Beeindruckend sind die vielen Arten von Tofu, aus denen man wählen kann: Schwammtofu, geräucherter Tofu, weißer Tofu oder Tofuhaut, oft auch gemischt mit Fleisch. „Tofu ist fester Bestandteil der chinesischen Küche und wird nicht als vegetarische Alternative zu Fleischkonsum gesehen“, erklärt mir ein Mitstudent . Alle Mitarbeiter tragen Plastikhandschuhe und Mundschutz - Es wirkt zumindest an der Theke hygienisch. Ich würde trotzdem gerne einen kurzen Küchencheck machen.

Drei Gerichte für 15 Yuan, gerade mal knapp über 2 Euro

Ich tue es meinen chinesischen Kommilitonen gleich und entscheide mich für drei Gerichte: Gurkensalat mit Vinegar und Knoblauch, Tofu-Haut mit Bärlauch und Ente. Dazu frisch gemachte Nudeln. Für das Alles zahle ich nur 15 Yuan ( ca. 2,10 Euro). Das Essen mit Stäbchen klappt, auch wenn das Greifen von Tofu  für mich  eine Herausforderung ist.


Der Gurkensalat ist mit viel Knoblauch, aber frisch. Die Tofu-Haut war mir bisher unbekannt, überzeugt mich jedoch auf den ersten Bissen und das Entenfleisch ist zart mit knuspriger Haut. „Schmeckt wirklich gut!“, versichere ich meinen Kommilitonen, die mit erwartungsvollem Blick auf mein Urteil warten.

Studentenalltag auf Chinesisch

Campus an der Tongji Uni

"Wir wohnen im Wohnheim auf dem Campus und verlassen das Unigelände sehr selten. Neben der Uni bleibt nicht viel Freizeit, deswegen essen wir oft alle Mahlzeiten in der Mensa", erklärt mir einer von Ihnen. Fakt ist: Der Alltag chinesischer Studenten spielt sich meist komplett innerhalb des Campus ab und folgerichtig wird in der Mensa schon ab 6 Uhr morgens chinesisches Frühstück angeboten. Die Chinesen lieben es auch zum Frühstück deftig: warme Sojamilch, Teigtaschen oder Nudelsuppe. Ein „continental breakfast“  sucht man hier vergebens.

Tongji Uni in Shanghai

Meine Uni hat fünf Kantinen auf einem Campus. Ich probiere nacheinander alle aus. Auch eine muslimische Kantine ist vorhanden, denn ungefähr 20 Prozent der Chinesen sind Moslems Die Qualität der Kantinen ist unterschiedlich, aber es schmeckt überall gut. Es ist mir ein Rätsel, wie für 20.000 Studenten, ein so abwechslungsreiches Angebot gezaubert werden kann.

Meine kulinarische Experimentierfreude ist geweckt

Pekingente mit einer Variation von Beilagen

Ich probiere  nicht nur die verschiedenen Mensen aus, sondern esse mich quer durch alle Arten von Restaurants in Shanghai. Ich entdecke Spezialitäten aus allen Provinzen Chinas: scharfer Feuertopf aus Sichuan, Peking-Ente, frittierten Ziegenkäse aus Yunnan, Curry aus Hongkong…. Die Gerichte sind geprägt von den verschiedenen Landschaften und Jahreszeiten der Provinzen.

"Stinky"-Tofusuppe mit Innereien

In kürzester Zeit esse ich wie ein echter Chinese. Natürlich habe ich auch Dinge probiert, die ich in Deutschland nicht wirklich vermissen werde: etwa Hühnerfüße in Senfsauce, Stinke-Tofu-Suppe mit Innereien, Schnecken oder gebratene Schlange. Letzterer wird auf der Straße bei lebendigem Leibe mit der Schere der Kopf abgeschnitten.

Hund habe ich übrigens nicht probiert, den gibt es anscheinend nur in Südchina.

Fazit: Die Chinesen können zu Recht stolz auf ihre Küche sein!
民以食为天 -Essen ist des Volkes Himmelsreich“ ist ein chinesisches Sprichwort - ein kulinarisches Himmelsreich wurde mir in China wahrlich geboten.

Zurück in Deutschland – mein chinesisches Frühstück

Mein chinesisches Frühstück: Reissuppe

Bei meiner Rückreise nach Deutschland ist mein Koffer voll mit chinesischer Vinegar, Seetang, Tofuhaut und chinesische Datteln, die besonders gut in der Reissuppe am Morgen schmecken. Ich hoffe, meine Vorräte halten noch lange, denn inzwischen frühstücke ich sogar nach chinesischer Art; esse warmen Reis statt Müsli, denn authentisches, chinesisches Essen ist in Deutschland wirklich schwer zu bekommen!

Linda Zahlhaas

Ich studiere Sinologie im Hauptfach und Kunst, Musik, Theater im Nebenfach an der LMU. Letztes Jahr hieß es für mich auf nach China! Dort habe ich zwei Semester an der Tongji Universität in Shanghai studiert. Ich liebe essen. Auf Reisen probiere ich so viele landestypische Gerichte wie möglich und versuche diese dann zuhause in meiner kleinen Studentenküche nachzukochen. Meine Devise: umso exotischer, desto besser! So war ich gespannt und voller Vorfreude auf abgefahrene, neue chinesische Kreationen.


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