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Studenten im Ehrenamt Krank und ohne Papiere? Medinetz hilft!

Der Besuch beim Arzt - eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch nicht jeder in Deutschland hat eine Krankenversicherung. Campus Magazin begleitet Medizinstudenten, die sich im Verein Medinetz engagieren, um solchen Patienten zu helfen.

Von: Annekathrin Wetzel

Stand: 20.12.2016

Wie funktioniert Medinetz?

Medizinstudenten ohne Approbation dürfen zwar nicht ärztlich behandeln. Selbst in den Sprechstunden können sie lediglich erste Hilfe leisten und beraten. Aber sie beurteilen das Problem des jeweiligen Patienten und vermitteln ihn an einen der kooperierenden Fachärzte. Diese behandeln dann ebenfalls ehrenamtlich die Patienten. Medikamente, teure Untersuchungen oder Laborkosten werden über Spenden des Medinetz e.V. finanziert.

"Man denkt immer in einem Staat wie Deutschland wäre für jeden gut gesorgt aber es gibt jede Menge Menschen die durch das Raster fallen."

Felix Gassert, seit 2013 bei Medinetz e.V..

Wo gibt’s Medinetz?

Medinetz ist mittlerweile in über 30 Städten aktiv. Das erste Medinetz-Büro wurde 1996 in Hamburg eröffnet. In Ulm haben Medizinstudierende angesichts dieser Misslage den Verein MediNetz e.V. Ulm gegründet. Sie wollen denen helfen, die von der medizinischen Versorgung in Deutschland ganz, oder teilweise, ausgeschlossen sind. Den Verein MediNetz Ulm e.V. organisieren bis heute ausschließlich Studierende.

"Wir sind sozusagen die letzte Anlaufstelle was medizinische Fragen angeht."

Felix Gassert, Student Humanmedizin Uni Ulm

Wie engagieren sie sich politisch?

Medinetz e.V. möchte auf die in Deutschland lebenden Menschen ohne Papiere oder Krankenversicherung aufmerksam machen. Um eine gesamtgesellschaftliche Lösung des Problems herbeizuführen, engagiert sich der Verein auch auf politischer Ebene. Das große Ziel des Vereins: Sie wollen sich selbst abschaffen.

"Unsere Aufgabe liegt in der Sicherstellung der Grundversorgung für Menschen die keinen Zugang zu diesem Gesundheitssystem haben. Uns wäre es natürlich am liebsten wenn die medizinische Versorgung für alle Menschen gleichwertig wäre, unabhängig davon, ob sie sich illegal in Deutschland aufhalten, Geld haben oder kein Geld haben."

Conrad Weidt, Student  Humanmedizin Uni Ulm

Wer kommt zu Medinetz?

Flüchtlinge und illegal eingewanderte Menschen sind meist die Betroffenen. Menschen ohne Aufenthaltsstatus haben keinen Zugang zum Gesundheitssystem und die Möglichkeit, beim Sozialamt einen Krankenschein zu beantragen. Der Kontakt zu den Behörden würde für illegale Flüchtlinge die Gefahr einer Abschiebung bedeuten. Immer mehr Patienten kommen aber auch aus Osteuropa. Sie sind zwar oft EU-Bürger, verfügen mamchmal  dennoch nicht über die nötigen Papiere zur Krankenversicherung

"Jeder Arzt hat das Recht oder die Pflicht jedem bedürftigen Patienten zu helfen. Das ist das oberste Gebot. Wir fühlen uns verantwortlich für diese Menschen, die durch die Maschen des Gesundheitssystems durchfallen"

Reinhold Thiel, Allgemeinmediziner sei 8 Jahren bei Medinet e.V.

Machen sich die ehrenamtlichen Studierenden und Ärzte strafbar?

Nein! Zwar droht die Gefahr, wenn Krankenhäuser und Ärzte Patienten ohne Aufenthaltsgenehmigung behandeln und diese Behandlung offiziell abrechnen, dass dadurch die Ausländerbehörden aufmerksam werden, was dann zur Abschiebung der Betroffenen führen kann. Generell gilt, dass sich Hilfeleistende, wie Ärzte und die ehrenamtlichen Studierenden nicht strafbar machen, wenn sie medizinische Hilfe leisten. Der bisherige Stand der Rechtssprechung ist, dass insbesondere das Hilfsangebot der Mediziner über dem Meldegebot steht. Tatsache ist auch, dass seit mehreren Jahren in ganz Deutschland weder Ärzte noch Kliniken dafür belangt wurden, dass sie Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus behandelt haben. Im Gegenteil begrüßen viele Stadtverwaltungen stillschweigend das Engagement für diese Personengruppe, weil sie sich dadurch nicht selbst um das Problem kümmern müssen. Vereine wie das Medinetz Ulm umgehen die Situation, indem sie anonyme und kostenlose Medizinische Hilfe für Flüchtlinge und Migranten ohne Aufenthaltsstatus anonym und ohne Einbeziehung von Behörden anbieten und so nichts an Daten weiter nach aussen übermittelt wird.

Medinetz wurde mehrfach ausgezeichnet

Für das herausragende studentische Engagement bei der Unterstützung von Flüchtlingen, wurde dem Medinetz zuletzt im Dezember 2015 vom Land Baden-Württemberg der Landeslehrpreis verliehen.

"Ich glaube gerade Medizin ist ein Studium wo deutlich wird dass es nicht nur darum geht in einem festen System Menschen zu helfen, sondern dass man solidarisch möglicherweise auch mit Randgruppen umgehen muss. Das schon im Studium zu erlernen und sich aktiv dort einzubringen, das finden wir einfach nur hervorragend. Wir rufen die Studierenden bereits im 1.Semester dazu auf mitzumachen und diesen Kreis breiter aufzustellen denn wir halten das für eine ganz wichtige und ehrenvolle Sache."

Prof. Tobias M. Boeckers, Institutsdirektor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität Ulm

Wer Felix und Conrad in ihrer Arbeit unterstützen möchte; hier ist das Spendenkonto von Medinetz Ulm e.V.

Spendenkonto
Medinetz Ulm e.V.
Sparkasse Ulm
IBAN: DE21630500000021153060
BIC: SOLADES1ULM

MediNetz-Aktion „Es ist uns keine Ehre“:

Flyer:


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