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Studium heute Keine Oase der Selbstfindung

Immer mehr Studierende klagen über Stress im Studium. Fast die Hälfte aller Bachelor-Studenten kämpft mit Erschöpfung und dem Gefühl der Überforderung. Dabei ist der Arbeitsaufwand in den letzten 20 Jahren nahezu gleich geblieben.

Von: Friederike Kühn

Stand: 16.12.2014

Stress im Studium | Bild: picture-alliance/dpa

Studieren - locker, frei, selbstbestimmt - die schönste Zeit im Leben? Das war einmal. Früher war das Studium noch ein Schutzraum, in dem man seine Persönlichkeit entwickeln konnte. Heute sind die Leistungsanforderungen der Gesellschaft längst im Studium angekommen, sagen Experten. Arbeit und Studium nähern sich immer mehr an.

Ein Großteil der Studierenden empfindet das Studium als Stress

Auch die Umstellung auf Bachelor und Master hat den Druck auf die Studierenden erhöht. Laut einer Online-Befragung im Auftrag des "Deutschen Studentenwerks" sind Bachelor-Studierende in hohem Maße Stress und Belastungen ausgesetzt. Von 4.000 Befragten gaben 68 Prozent an, dass sie das Studium stresse. 47 Prozent kämpfen mit Erschöpfung und Überforderung, 44 Prozent haben psychosomatische Beschwerden, 42 Prozent leiden unter Ängsten oder unter Problemen mit der Studienfinanzierung (32 Prozent) und dem Nebenjob (31 Prozent).

Allerdings sagten 70 Prozent der Befragten auch, dass ihnen das Studium Spaß mache, 78 Prozent waren sich sicher, erfolgreich abzuschließen und 61 Prozent davon überzeugt, die Probleme selbst lösen zu können. Dennoch: Es bleibt ein großer Rest, der sich dem Druck offenbar nicht gewachsen fühlt. Dafür sprechen auch die hohen Abbrecherquoten von bis zu 40 Prozent.

Jeder zehnte Student nimmt Psychopharmaka

Nach Angaben der FU Berlin suchen ein Fünftel mehr Studenten psychische Beratungsstellen auf als vor der Umstellung auf Bachelor und Master. Und jeder zehnte Student greift zu Psychopharmaka - ein Anstieg um 55 Prozent seit 2006! Das ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse unter 1.000 Studierenden. Stress und seine gesundheitlichen Folgen werden zu einem immer größeren Problem: 75 Prozent der Befragten fühlen sich nervös und unruhig, 25 Prozent haben Phasen tiefster Verzweiflung, und mehr als jeder siebte leidet unter Panikattacken.

Studierendensurvey der Uni Konstanz

Im "Studierendensurvey" der Uni Konstanz werden seit 1982 im Abstand von zwei bis drei Jahren rund 30.000 Studierende an ausgewählten 25 Hochschulen (15 Universitäten und 10 Fachhochschulen) zu ihrer Studiensituation befragt.

Rund ein Drittel der Befragten empfindet die Studiensituation als besonders stressig, während finanzielle Aspekte, persönliche Probleme oder unsichere Berufsaussichten nicht so stark ins Gewicht fallen. Als besonders belastend wurden genannt:

  • die Leistungsanforderungen im Studium
  • die bevorstehenden Prüfungen
  • der zeitliche Druck durch viele Prüfungstermine und Leistungsnachweise
  • die zu bewältigende Stoffmenge

Belastungen nach Fächern

Dabei werden die Belastungen vor allem im Bachelor-Studium und bei den Abschlüssen mit Staatsexamen als besonders hoch empfunden. An den Unis klagen vor allem Juristen und BWLer über Stress durch Prüfungsanforderungen und -termine sowie über Schwierigkeiten mit der Art und Menge des Lernstoffs fertig zu werden, gefolgt von den Medizinern, den Natur- und Ingenieurwissenschaftlern. Während an den Fachhochschulen vor allem die Studierenden der Ingenieurwissenschaften hohen Druck verspüren.

Der zeitliche Aufwand für ein Studium hat sich nicht verändert

Entgegen dem subjektiven Empfinden ist der zeitliche Aufwand, den die Studierenden heute betreiben, aber in den letzten Jahrzehnten nicht gestiegen. Laut Studierendensurvey liegt der Arbeitsaufwand für ein Studium an Unis und Fachhochschulen nach wie vor bei durchschnittlich 33 Wochenstunden. Doch der Erfolgs- und Leistungsdruck, unter den sich die Studierenden selber stellen, ist gewachsen. So war etwa die Absicht, das Studium rasch abzuschließen, in den 1980er Jahren nur für 24 Prozent der Studierenden ganz wichtig. Im Wintersemester 2007/2008 war dagegen für mehr als 42 Prozent die eigene Studieneffizienz sehr wichtig, bei den Bachelor-Studierenden lag der Prozentsatz noch höher.

33 oder 23 Wochenstunden für ein Studium?

Der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister hat allerdings andere Zahlen zum Arbeitsaufwand deutscher Studenten. Über Monate hinweg ließ er Studierende ihren Tagesablauf genau protokollieren. Statt durchschnittlich 33 Wochenstunden, die Studierende heute für ihr Studium aufwenden sollen, kamen Schulmeisters Studenten nur auf durchschnittlich 23 Stunden, selbst in vermeintlichen Paukfächern wie BWL oder den Ingenieurwissenschaften! Allerdings sind seine Ergebnisse aufgrund der geringen Teilnehmerzahl umstritten.

Tatsächlich ist der Druck auf (Bachelor-)Studenten gewachsen

Denn es bleibt kaum mehr Zeit, ins Studium reinzufinden. Die meisten Klausuren, Hausarbeiten oder Referate gehen in die Abschlussnote ein, die entscheidend dafür ist, ob man einen der begehrten Master-Studienplätze bekommt oder nicht. Und die starren Vorgaben und vielen Prüfungen im eher verschulten Bachelor sind für diejenigen, die nebenbei jobben müssen oder ein Kind haben, natürlich schwieriger zu handhaben als ein Studium, das mehr Wahlmöglichkeiten und eine freiere Zeiteinteilung bietet.


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