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Studenten als Gründer „Ran an den Markt“

Wie sehr prägen Studenten die Start-up-Szene und welche Rolle spielen die Universitäten bei der Förderung innovativer Jung-Unternehmer? BayStart Up-Geschäftsführer Dr. Carsten Rudolph sieht noch Nachholbedarf.

Von: Christoph Wittmann

Stand: 30.05.2016

Geschäftsführer Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUp | Bild: BR

Warum sollte ich als Student ein Unternehmen gründen?

"Ich glaube, wenn man Lust dazu hat, sollte man’s tun. Als Student hab ich natürlich den großen Vorteil, dass ich noch relativ viel Zeit habe, in meinem Leben auch mal zu experimentieren, ein Risiko einzugehen, ohne große familiäre oder andere Belastungen, wie ich sie vielleicht fünf bis sechs Jahre später habe. Ich kann also die frischen Ideen, die ich von der Hochschule mitbringe, entwickeln und ausleben und so früh eine gesamtunternehmerische Perspektive kriegen."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Wie studentisch ist denn die Start-up-Szene?

"Wenn wir unseren Businessplanwettbewerb nehmen, reden wir von etwa 30 bis 40 Prozent, die aus dem Hochschulumfeld kommen; also eine ganze Menge, aber es ist nicht die Mehrheit. Einzelne Hochschulen tun ja auch schon sehr viel und wir beobachten, dass wir häufig Gründungen aus den Hochschulen haben, die innovative Technologien lehren. Ich glaube, da ist gerade viel Bewegung drin, aber es gibt Hochschulen, die das Thema noch gar nicht entdeckt haben - da müssen wir in der Breite noch nachholen."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Was müsste denn noch besser laufen?

"Ich glaube, man kann früher so was wie „Unternehmergeist“ einimpfen, also dafür  sorgen, dass Wissenschaftler, als Studenten, aber auch danach in der Forschung, ständig darüber nachdenken: Ist das eine Idee, die über Substanz verfügt, in die Gründung zu gehen? Und ich muss dafür Informatiker, Elektrotechniker, Ingenieure ausbilden, um in einem Startup erfolgreich zu arbeiten, denn da sind ganz andere Qualifikationen gefordert, als in einem Großunternehmen. Wenn ich bei einem Start-up-Unternehmen anfangen will, muss ich von der ersten Minute an produktiv sein und dafür muss ich andere Tools, eine andere Denke mitbringen. Das heißt, man muss Studenten, gerade auch aus den naturwissenschaftlich-technischen Fächern, das betriebswirtschaftliche Handwerkszeug mitgeben. Aber weniger die klassischen BWL-Themen, sondern eher spezielle: Wie baue ich mein Unternehmen auf, wie gründe ich eine GmbH, was gehört da eigentlich dazu, usw."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Liegt das vielleicht an unserer Mentalität, dass wir im internationalen Vergleich noch etwas hinterherhinken?

"Ich glaube gar nicht, dass wir so stark hinterherhinken, wenn wir uns die Technologie-Gründungen ansehen. Ehrlich gesagt, so was wie Silikon Valley ist eine weltweite Ausnahme.  Ich glaube, dass die Szenen, gerade in München und Berlin sehr gesund sind. Grundsätzlich ist es natürlich schon auch eine kulturelle Frage, ich glaube, wir überlegen einfach mehr, denken an die Folgen, wir wägen mehr ab und sind deshalb vielleicht etwas langsamer oder auch weniger aggressiv von den Marketingaussagen her. Da gibt es sicher Unterschiede, aber vielleicht ist das ja auch ganz gut so."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUp

Was brauche  ich  als Student, um Gründer zu werden?

"Erst mal: eine gute Idee! Ich halte nichts davon, zu sagen, ich will was gründen,  aber ich weiß nicht was? Ich muss eine Idee haben, von der ich überzeugt bin, für die ich brenne! Ich muss sie natürlich trotzdem planerisch untersuchen, ob sie denn wirtschaftlich trägt."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Kann ich das machen, egal was ich studiere?

"Im Grundsatz ja, weil natürlich jeder in seinem Geschäftsfeld Lücken erkennen kann. Aber ich denke schon, dass es in Ingenieursstudiengänge oder der Informatik eine gewisse Präferenz gibt. Ein Informatiker kann sich die ersten Nächte auch mal einfach hinsetzen und erste Lösungsvorschläge programmieren. Da tut sich z.B. der Jurist – gerade in der Anfangsphase - logischerweise eher schwer. Das bedeutet, er muss erst mal Leute ran holen, die das für ihn machen. Also, in der Praxis ist es auch so, dass etwa die Hälfte unserer Gründungen aus dem IT-Bereich kommt."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Gibt’s denn unter den Studenten so richtige Unternehmer-Typen?

"Den Persönlichkeitstest sollte jeder für sich machen - das halte ich für sehr wichtig. Also bin ich vielleicht auch mal bereit, 20 Stunden am Tag zu arbeiten, für eine gewisse Zeit? Mir darf es auch nichts ausmachen, mit einer gewissen Unsicherheit zu leben. Es gibt auch Leute, die mit 22 Jahren sagen, ich hätte es am liebsten gut durchstrukturiert bis zur Rente; das sind sicher die falschen Leute. Ich glaube schon, man muss eine gewisse innere Unruhe spüren und die Bereitschaft haben, sich ständig flexibel an geänderte Rahmenbedingungen anzupassen."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Kann ich das alles alleine überhaupt schaffen?

"In den seltensten Fällen. Einzelgründer haben es sehr schwer, man braucht einfach einen Sparringspartner. Man muss sich irgendwie messen,  auch aneinander reiben können. Also zwei, drei Leute zu Beginn sollten es schon sein, weil ich ansonsten sehr schnell vereinsame und sehr schnell im eigenen Saft schmore. Die Partner sollten komplementär aufgestellt sein: wenn ich drei Leute habe, die genau das gleiche denken, genau das gleiche können, ist das auch nicht ideal."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Worauf achten Sie bei der Entwicklung eines Start-ups?

"Wir klopfen zuerst ab: gibt es potentielle Kunden und hat der Gründer sich in die Rolle des Kunden reinempfunden? Das heißt: gab es Kundeninterviews, gab es erste Gespräche, die ich übrigens schon führen kann, ohne das Produkt schon fertig zu haben. Einfach auf ein Unternehmen oder eine Privatperson zugehen: Würdet ihr das kaufen, wäre dir das so und soviel Euro wert, um wirklich plausibel zu machen, ob die Idee stark und neu genug ist. Man darf sich nichts vormachen: viele Probleme in der Welt sind ja jetzt schon gelöst, und wir müssen nicht das Rad noch mal neu erfinden. Also, sobald ich konzeptionell mal was zu Papier gebracht habe, ran an den Markt, ran an den potentiellen Kunden und sich mal das Feedback holen, auch wenn’s vielleicht wehtut."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

Und was mache ich, wenn ich nach drei oder fünf Jahren nicht zum neuen Marc Zuckerberg geworden bin?

"Also, ich glaube sowieso, dass Leute wie Zuckerberg oder Gates die absolute Superausnahme sind. Natürlich sollte ich mir die zum Vorbild nehmen; ich sollte groß, aber nicht gigantomanisch denken. Vor allem geht es aber darum, fokussiert zu bleiben und daran zu denken, dass man ein wahnsinniges Durchhaltevermögen braucht. Das wird oft kein Spaß, sondern harte Arbeit und man macht das nicht, um jeden Abend auf irgendeiner Szene-Gründerveranstaltung ein Bier trinken zu gehen."

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer BayStartUP

So, und wenn es am Ende trotzdem schief gehen sollte, dann sag ich: Scheitern ist nicht schlimm. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich da deutlich verbessert.  Wenn ich mich nach dem Studium bei einem großen Unternehmen bewerbe und sage, ich habe hier ein oder zwei Jahre ein Start-Up probiert, es hat nicht funktioniert, aus den und den Gründen, dann hab ich heute keinen Nachteil mehr.

Hilfe für Startup-Unternehmer

Dr. Carsten Rudolph

ist seit 2009 Geschäftsführer von BayStartUP, der zentralen Institution für Unternehmensgründung und Finanzierung in Bayern. Der ehemalige McKinsey-Berater ist einer der profiliertesten Kenner der deutschen Gründerszene. Über BayStartUP unterstützt er innovative Gründer und junge Unternehmen, vor allem im Hightech-Bereich mit intensivem Coaching und bringt sie über das BayStartUP-Finanzierungsnetzwerk mit Business Angels, Venture-Capital-Investoren und öffentlichen Kapitalgebern zusammen. Zuvor war Carsten Rudolph Projektleiter der High-Tech-Gründerinitiative "unternimm was" von Microsoft Deutschland und baute als Geschäftsführer selbst ein Startup-Unternehmen im IT-Bereich auf.


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