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Bekim Agai Was tun gegen Radikalisierung?

Bekim Agai bildet an der Uni Frankfurt islamische Religionswissenschaftler und Lehrer für den islamischen Schulunterricht. Wir haben ihn gefragt, wie er das Phänomen der Radikalisierung innerhalb des Islam beurteilt.

Stand: 20.11.2015

Prof. Dr. Bekim Agai, Goethe-Universität Frankfurt | Bild: BR

1) Wie kann die Islamwissenschaft über Radikalisierung aufklären?

"Auf der wissenschaftlichen Ebene kann man sich natürlich fragen. Was hat es mit der Ideologie, die so im Mainstream als Salafismus kursiert, was hat es damit auf sich? Woher kommt das, war das schon immer so, die Hinwendung zur Gewalt, die auch ein aktuelles Problem ist. Das kann man in Form von Seminaren tun und das machen wir hier in Frankfurt.
Auf der anderen Seite ist das Interesse unserer Studenten nach den Themen Gemeindearbeit, Jugendarbeit, Sozialarbeit sehr groß, weil sie einen hohen Praxisbezug zur Lebenswirklichkeit der Jugendlichen aufweisen. Und weil die Jugendlichen, die hier studieren, auch etwas bewegen wollen: Sie sehen die islamische Theologie sehr stark in diesem Kontext."

Prof. Dr. Bekim Agai, Goethe-Universität Frankfurt

2) Wie, denken sie, werden muslimische Jugendliche anfällig für eine Radikalisierung?

"Radikalisierung hat viele Gründe. Menschen werden nicht radikal, weil sie den Koran besonders viel lesen, aber es gibt Menschen, die radikalisieren sich in Umfeldern, die das tun. Es gibt natürlich auch in Deutschland Menschen, die sich radikalisieren und auch in anderen Umfeldern. Es sind ja nicht nur die Muslime. Aber die Islamischen Studien, die sich mit dem Islam und den Muslimen beschäftigen fragen hier natürlich genau nach."

Prof. Dr. Bekim Agai, Goethe-Universität Frankfurt

3) Was können Hochschulen tun, wenn sie gegen Radikale etwas unternehmen wollen. Ist es sinnvoll mit ihnen zu diskutieren?

"Die Frage ist, ob die Universität der rechte Ort ist, um dafür eine Diskussionsplattform zu geben. Man kann mit Leuten, die sich nicht argumentativ mit Positionen und Gegenpositionen auseinandersetzen, sondern eindeutige Wahrheiten, für alle Muslime ‚gültige eindeutige Wahrheiten‘ propagieren, schwerlich sinnvoll in einem Aula-Gesprächsformat diskutieren. Das wäre immer auch eine Aufwertung für sie, wenn man mit ihnen in einer Universität spricht.
Ich sehe die Aufgabe der Diskussion sehr stark innermuslimisch. Eigentlich müsste auf jede Aussage aus dem radikalen Milieu nicht nur eine Aussage kommen, dass dies keine originär islamische Position ist, sondern:  Was genau daran ist nicht richtig und wie stehen die großen muslimischen Mehrheiten dazu?"

Prof. Dr. Bekim Agai, Goethe-Universität Frankfurt

4) Wie kann die Universität Studierende gegen den Einfluss Radikaler schützen?

"Man muss ihre Rhetorik genau analysieren, denn die Radikalen benutzen Versatzstücke einer islamischen Tradition und koppeln die mit Argumenten der totalitären Moderne und bilden daraus eine Ideologie. Und diese Ideologie ‚entzaubern‘, das können am besten die Muslime selbst. Dazu muss man viel mehr über die Social Media und die etablierten Medien in eine inhaltliche Diskussion gehen. Und im nächsten Schritt muss man sehen, wie trägt man diese Diskussion in Formate, die gut für Jugend- und Gemeindearbeit umsetzbar sind."

Prof. Dr. Bekim Agai, Goethe-Universität Frankfurt

Danke für das Gespräch.


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