ARD-alpha - Campus Magazin


8

Praktikum in Rußland Das DAAD-Programm "Russland in der Praxis"

Ost-West Konflikt. Ukrainekrieg. Krimkrise. Nur wenige ausländische Studenten zieht es derzeit nach Russland. Doch es lohnt sich: Roman war sechs Monate lang in Moskau und hat die Stadt der Türme aus rotem Gold für sich entdeckt.

Von: Roman Meng

Stand: 24.11.2015

Roman Meng in Russland | Bild: Roman Meng

Das Programm des DAAD „Russland in der Praxis“ war wie auf mich zugeschnitten: Bei diesem Projekt geht es darum, ein halbjähriges Betriebspraktikum in Russland zu absolvieren und parallel dazu an der Higher School of Economics (HSE), welche als eine der renommiertesten Hochschulen Russlands gilt, einen BWL-Kurs zu besuchen.

Eigentliche studiere ich Geographie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Bei meinem Bachelorstudiengang ist ein Pflichtpraktikum von lediglich acht Wochen vorgeschrieben und das war mir einfach zu wenig. Meiner Meinung nach kann man in einer so kurzen Zeit kaum richtige Praxiserfahrung sammeln.

Park in Moskau

Deswegen stand für mich schon früh im Studium fest, dass ich ein Praxissemester machen würde. Ich bin in der sibirischen Region Altai in Russland aufgewachsen. Somit ist Russisch neben Deutsch meine zweite Muttersprache. Ich wollte schon immer die Hauptstadt Russlands kennenlernen und so kam eines zum anderen.

Das Praktikum und die Universität in Moskau unterschieden sich in der Qualität kaum von dem, was ich aus München kenne. Ich arbeitete beim Consulting-Unternehmen Swilar, das sich mit Strategieberatung, Buchhaltung und Personalsuche für deutsche Unternehmen in Russland beschäftigt. Das Unternehmen ist noch sehr jung und befindet sich in einem großem Umstrukturierungsprozess: Schließlich muss man sich immer an die Marktlage in Russland anpassen. Es war ein sehr interessanter Job in einem überschaubaren, familiären Team. Was mir in Moskau speziell aufgefallen ist: Weil die Stadt so groß ist, nehmen viele Angestellte stundenlange Anfahrtszeiten in Kauf und machen oft Überstunden.

Die alte Zarenresidenz Kolomenskoje befindet sich östlich der Moskauer Innenstadt und bietet malerische Parkanlagen.

Meine größte Motivation, ausgerechnet nach Russland zu gehen, bestand darin, das Land, die Leute und die jetzige Situation mit den eigenen Augen zu sehen. Denn seit ich mit meinen Eltern im Jahr 2000 nach Deutschland umgezogen bin, habe ich Russland nicht mehr besucht. Während des halbjährigen Aufenthalts bin ich kreuz und quer durch Russland gereist und habe mir sehr viele verschiedene Orte und Städte angesehen. Und was ich sah, hat mich überwältigt! Mich interessieren die Überbleibsel der Zarenzeit, genauso wie die zeitgenössische Kultur Russlands.

Das russisch-orthodoxe Kloster Neu-Jerusalem bei Moskau

Ich wollte mir selbst ein Bild von den Menschen in Russland machen. Die Vorurteile in Deutschland sind ja weit verbreitet… In Russland ist aber eben nicht jeder ein Hasser des Westens, ein Anbeter von Putin und schon gar nicht intolerant oder rassistisch. Ganz im Gegenteil: Die meisten Russen sind meiner Ansicht nach offen gegenüber Ausländern, vor allem als Deutscher habe ich mich ständig und überall willkommen gefühlt. 

"Schließt Freundschaften mit den Einheimischen und versucht, durch sie die russische Seele zu begreifen."

Roman Meng

Ein kleines Manko: Sehr seltsam fand ich die Mentalität der Russen bezüglich des Autofahrens, abgesehen davon, dass viele Russen einen sehr fragwürdigen Fahrstil haben. Es ist schon seltsam, dass viele mit dem Auto unterwegs sind, obwohl es durch die ewigen Staus zeitlich länger dauert als mit U-Bahn oder Fahrrad. Leider gelten hier teure Autos als Statussymbol (viel stärker als in Deutschland). Jeder, der etwas auf sich hält, fährt Auto. Radfahren will dort niemand. Menschen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen, werden oft schief angeschaut und gelten als todesmutig, denn es sind kaum Fahrradwege vorhanden. Somit ist man gezwungen auf der Fahrbahn neben Autos zu fahren, was lebensgefährlich ist.

Blick auf die baltische See im Hafen von Sankt Petersburg

Ich habe mir Moskau als eine riesige, laute, raue Stadt vorgestellt, die nur aus Stahl und Beton besteht. Wieder aller Erwartungen ist Moskau eine der  schönsten, gastfreundlichsten und angenehmsten Städte, in denen ich bislang gelebt habe. Klar, es ist an manchen Orten laut und sehr überfüllt. Die riesige Megacity hat aber mit unzähligen Parks, Grünanlagen und Fußgängerzonen viele Ruhezonen zu bieten. Diese sind sehr breit und weitläufig angelegt. Und meistens bieten sie auch noch guten Ausblick auf schöne Bauten und Denkmäler. Ich bin wirklich verliebt in diese Stadt. Kultur, Geschichte, Entertainment und nette, gastfreundliche Menschen. Man sollte sich unbedingt auch in anderen Regionen Russlands umsehen, wenn man ein halbes Jahr in Moskau ist. Kasan, Krasnojarsk, Sankt Petersburg - es gibt so viel zu sehen.

Länderinfo: Russland

  • Zu den bekanntesten Universitäten zählen die Lomonossow-Universität, das Staatliche Moskauer Institut für Internationale Beziehungen und die Higher School of Economics (HSE), alle drei in Moskau angesiedelt.
  • Die Hochschulen sorgen für eine Unterbringung im Wohnheim. Die HSE verlangt dafür, abhängig vom Rubelkurs, 80 bis 110 Euro im Monat. Für Verpflegung muss mit etwa 250 Euro gerechnet werden. Ein gutes Abendessen auswärts kostet etwa 10 Euro.
  • Für die vielen Museen und Kunstgalerien gibt es Studentenrabatte.

8