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Medizin-Doktortitel mit 102 Promotion den Nazis zum Trotz

Die Nazis verhinderten 1938, dass sie ihre Promotion machen konnte. Im Alter von 102 Jahren hat Ingeborg Syllm-Rapoport, die jüdische Wurzeln hat, ihre Prüfung nachgeholt und mit Bravour bestanden. Jetzt ist die Kinderärztin mit 104 Jahren gestorben.

Von: Christian Wurzer

Stand: 29.03.2017

Ingeborg Syllm-Rapoport wollte schon als Kind Ärztin werden.

In Hamburg studierte sie Medizin und arbeitete von 1937 bis 1938 als Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus. Während dieser Zeit schrieb sie ihre Dissertationsschrift über Diphtherie.

Prof. Rudolf Degkwitz wurde 1943 verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung im Zuchthaus Celle eingesperrt.

Ihr damaliger Doktorvater Prof. Rudolf Degkwitz durfte sie 1938 aber nicht zur mündlichen Prüfung zulassen. Er war einer der wenigen Professoren an der Hamburger Universitätsklinik, der nicht regimekonform war. Er bestätigte Ingeborg Syllm-Rapoport schriftlich, dass er ihre Doktorarbeit angenommen hätte, "wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten." Die Mutter von Ingeborg Syllm-Rapoport war Jüdin, daher griffen in ihrem Fall die Rassengesetze der Nationalsozialisten.

Die Wende kam erst vor zwei Jahren. Zufällig erfuhr Prof. Dr. Dr. Uwe Uwe Koch-Gromus vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf von dem Fall, als Ingeborg Syllm-Rapoport zu ihrem 100. Geburtstag an der Berliner Charité geehrt wurde. Koch-Gromus nahm Kontakt mit ihr auf.

"Frau Rapoport wollte auch keine Ehrenpromotion haben. Sie wollte das, was ihr damals zugestanden hätte, gerne noch absolvieren und das haben wir dann auch, glaube ich, mit der nötigen Sensibilität gemacht."

Prof. Dr. Uwe Koch-Gromus, Uniklinikum Hamburg-Eppendorf

Die mündliche Prüfung fand in Berlin statt

Ingeborg Rapoport in der mündlichen Prüfung in ihrer Berliner Wohnung.

Mitte Mai 2015 reiste die dreiköpfige Prüfungskommission, bestehend aus Prof. Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, Prof. Dr. Gabriele M. Rune und Prof. Dr. Dr. Michael Frotscher, nach Berlin zu Ingeborg Syllm-Rapoport. Die Verteidigung der Dissertation fand in ihrer Wohnung statt. Thema: "Der Einfluss von Adrenalin, Pilocarpin, Calcium, Kalium und Barium auf den überlebenden Meerschweinchen-Dünndarm bei normalen diphtheriekranken Tieren“.

"Es war damals Unrecht. Dies war dokumentiert und im Gegensatz zu vielem anderen Unrechten, die geschehen waren, hatten wir die Gelegenheit, es doch ein klein bisschen wieder gut zu machen."

Prof. Dr. Uwe Koch-Gromus, Uniklinikum Hamburg-Eppendorf

Ingeborg Syllm-Rapoport, ihr Leben in Bildern


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