ARD-alpha - Campus Magazin


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"Nix Halbes und nix Ganzes“ Praktikum = Zeitverschwendung: Stimmt das?

Mit dem Stichwort "Praktikant“ verbinden sich bis heute gerne mal Assoziationen von einer Art Zwitterwesen: halb Student, halb Arbeitnehmer zweiter Klasse, und sein Job im Unternehmen ist oft "nix Halbes und nix Ganzes“. Klischee oder Wirklichkeit?

Von: Martin Hardung

Stand: 04.07.2016

Dieser kaffeekochende, brotzeitholende und Excelltabellen erstellende Praktikant soll über eine begrenzte Zeit - in der Regel ein paar Monate - Leistung bringen und dabei wenig kosten, Aufträge aller Art ausführen und dann wieder gehen.

Reines Vorurteil?

Oder steckt in diesem Bild vielleicht doch mehr als ein Körnchen Wahrheit? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an. Auf den Praktikanten, das Unternehmen, die Branche, die gegebenen oder auch die vereinbarten Bedingungen...

Generell lässt sich aber sagen: Ein Praktikum zu machen, ist, auch wenn es Zeit kostet, keine Zeitverschwendung. Praktika sind heute ein fester Bestandteil der beruflichen 0rientierung. Und es führt heute kein Weg mehr daran vorbei, vor, während oder auch noch nach dem Studium ein Praktikum zu machen, aus eigener Motivation heraus oder als Pflichtpraktikum, sei es als:

  • Schülerbetriebspraktikum
  • Vorpraktikum
  • Anerkennungspraktikum
  • Auslandspraktikum
  • Praxissemester
  • Studienbegleitendes Praktikum
  • Trainee

Praktika im Studienverlauf

Ein Praktikum ist ein Deal:

Der Praktikant stellt seine Zeit und Kraft befristet zur Verfügung, die Firma stellt dafür einen Arbeitsplatz, Anleitung und eine Vergütung.

Praktikantin Chilea im Gespräch mit Ludwig Karl, Geschäftsführer des Architekturbüros Karl + Probst

Der Praktikant bringt ein begrenztes Wissen von der Uni mit und kann sich ausprobieren, der Arbeitgeber liefert einen professionelles Berufsumfeld und ist bereit, ein gewisses Risiko einzugehen. Die Frage für den Praktikanten lautet: Was bringt es mir, wenn ich meine Arbeitskraft und Zeit dem Unternehmen zur Verfügung stelle, was genau möchte ich lernen, warum mache ich das Praktikum? Je klarer die Vorstellungen, desto sicherer geht man in ein Bewerbungsgespräch, desto gezielter kann man nachfragen und Konditionen vorab klären.

Ob die Praktikumszeit ein Erfolg oder Misserfolg wird, hängt am Ende davon ab, ob der Deal für beide Seiten stimmt. Der erste und oft entscheidende Schritt, den man dafür tun kann, ist die Suche nach dem richtigen Unternehmen mit der passenden Praktikums-Stelle.

Wege zur Suche eines Praktikums

Um eine geeignete Praktikumsstelle zu finden, gibt es viele verschiedene Wege, z.B. über die Hochschulen (OnlineCampus, Anhänge schwarzes Brett) oder Dozenten. Die meisten suchen aber über Online Plattformen oder bewerben sich initiativ bei einem Betrieb.

Kopieren als Archtektur-Praktikantin? Nur im Ausnahmefall.

Ein Praktikum, auch ein Pflichtpraktikum, bedeutet vor allem, dass sich Chancen eröffnen: Die Möglichkeit, in einem "geschützten Raum“ erste berufliche Erfahrungen sammeln und dabei auch Fehler machen zu können. Die Realität im Berufsleben abzugleichen mit den eigenen Vorstellungen und gegebenenfalls nach dem Praktikum "anders studieren“. Für viele zeigt sich der Mehrwert eines Praktikums weniger darin, ob es gut bezahlt ist, sondern ob sie einen Fuß in die Tür eines Unternehmens bekommen.

Ein Praktikant ist nicht so teuer wie ein fest angestellter Mitarbeiter, insofern ist das Schlagwort von der "billigen Arbeitskraft“ nicht unbedingt falsch. Aber: gerade weil ein Praktikant nicht so teuer ist wie andere Arbeitskräfte, sind Firmen motiviert, sich für Studierende zu öffnen und ihnen zeitlich befristete Stellen anzubieten.

95% der Praktikumsbeschäftigten werden vergütet.

Die Zeit, in denen Praktikanten gar nichts verdienen, ist vorbei. Die Sätze unterscheiden sich je nach Branche - Wirtschaft, Soziales, Medien oder Technik. In der Wirtschaft wird (oh Wunder!) am meisten, im Sozialen Bereich (wer hätte das gedacht?) am wenigsten bezahlt. Die Gehälter können aber auch je nach Firma und Art der Beschäftigung stark voneinander abweichen.

Verdienst branchenabhängig

Die Bezahlung hängt von der Art des Praktikums ab.

Pflichtpraktikum von der Hochschule? Vorpraktikum? Nur ein kurzes Praktikum zur Orientierung? Der Durchschnitt verdient 771,00€ pro Monat. Also deutlich unter dem Mindestlohn.

Bei Praktikanten, die ihr Praktikum außerhalb einer Vor- oder Pflichtveranstaltung der Hochschule absolvieren oder nur unter einem Monat in dem Betrieb beschäftigt sind, gilt ab 01.01.2015 der Mindestlohn von 8,50 € verbindlich. Dies sind ca. 1400,00 € brutto im Monat. Wird ein Praktikum im Rahmen eines Studiums absolviert oder ist Teil der schulischen Ausbildung, besteht kein Anspruch auf Vergütung. Der Arbeitgeber kann entscheiden, ob und wie eine Vergütung erfolgt.

Verhandlungssache?

Praktikantin Angela im entscheidenden Vorstellungsgespräch

Je weiter fortgeschritten im Studium ein Praktikant ist und je mehr berufspraktische Erfahrung er hat, desto besser kann ihn ein Unternehmen einsetzten, desto höher sollte auch seine Vergütung ausfallen. Das bedeutet: Du solltest, wenn du eine Praktikumsstelle suchst, vor dem Bewerbungsgespräch eine Vorstellung von deinen Stärken, Qualifikationen und Einsetzbarkeit haben und davon, was branchenüblich bezahlt wird.

Der Lohn ist Verhandlungssache, auch wenn der Arbeitgeber eine Gehaltspauschale für Praktikanten auf den Tisch legt. Nichts zu bezahlen, ist deplatziert! Im Blick auf die Versicherung gilt: an einer deutschen Hochschule eingeschriebene Studierende sind befreit von der Sozialversicherung, wenn die Vergütung unter der eines Minijobs (450 €) liegt. 

Chilea darf selbstständig fotografieren für ein neues Projekt im Architekturbüro.

Wie viel Eigenverantwortung ich als Praktikant bei meinen Aufgaben habe, inwieweit ich in Projekte eingebunden werde oder sogar eigene Projekte voranbringen kann, das hängt in hohem Maße von der Firma und der Branche ab. Manche Unternehmen haben ein spezielles Praktikantenprogramm, bei anderen laufen Praktikanten eher "nebenher“.

Praktikantin Angela fühlt sich wohl im Team.

Bei etablierten Unternehmen wird ein Praktikant oft in festgelegte Arbeitsabläufe eingebunden, bei Startups, die noch im Aufbau sind, lassen sich eher auch eigene Projekte bearbeiten. Wie viel Zeit sich Vorgesetzte und Kollegen nehmen, um dich anzuleiten, stellt sich vielleicht erst während des Praktikums heraus. Doch nach dem "Jobprofil“ und dem Maß an Eigenverantwortlichkeit lässt sich gezielt nachfragen, bevor du dich für eine Praktikumsstelle entscheidest.

Bescheinigung oder Arbeitszeugnis nach dem Praktikum?

Ein Praktikumsvertrag wird von der Hochschule eingefordert, du solltest aber schon im eigenen Interesse darauf bestehen. Arbeitszeiten werden in der Regel schriftlich festgehalten. Es gelten unterschiedliche Regelungen zwischen einem längerfristigen freiwilligen Praktikum und etwa einem Pflichtpraktikum der Fachhochschule, bei dem kein Urlaub gewährt wird und Überstunden nicht ausgeglichen werden. Während du bei einem Pflichtpraktikum meist nur eine Bescheinigung über die Zeitspanne erhältst, muss bei einem freiwilligen Praktikum ein qualifiziertes Arbeitszeugnis ausgestellt werden.

Und wie sieht es aus mit einer Weiterbeschäftigung nach deinem Praktikum?

Ziemlich gut: Rund 60 %  der Praktikanten können im Anschluss entweder als Werkstudent oder auf Stundenbasis weiterarbeiten, 10% werden sogar fest angestellt weiterbeschäftigt. Auch nach Abschluss des Studiums kann daher ein Praktikum sehr wohl Sinn machen, der Übergang vom Praktikum zu einer festen Stelle wird so für beide Seiten vereinfacht – im besten Fall kennt man sich ja schon gut und schätzt sich – der Beginn einer guten Arbeitsbeziehung!

Quote der Weiterbeschäftigung

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