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Praktikum in China Mit der Friedrich-Ebert-Stiftung ins Land des Lächelns

Nina Lehfer studiert Politik und war mit der Studienstiftung in Shanghai. Sie hat neben einem einjährigen Sprach- und Studienaufenthalt auch ein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung Shanghai (FES) gemacht.

Von: Nina Lehfer

Stand: 14.06.2016

Nina mit einer Freundin in den Avartarbergen | Bild: Nina Lehfer

Von der Liebe zur chinesischen Sprache. 死 Sǐ oder doch 四 sì?

Meine Liebe zur chinesischen Sprache entdeckte ich schon während meines Auslandssemesters im Bachelor-Studium. Ich hatte in den USA einen sehr stark chinesisch geprägten Freundeskreis und begeisterte mich so für den Klang dieser Sprache und insbesondere deren Doppeldeutigkeit und die kulturellen Besonderheiten, die sich daraus ergeben. Es faszinierte mich, dass das Wort „si“, je nachdem, ob man es im vierten oder dritten Ton (das Hochchinesisch kennt 4 Töne) ausspricht, entweder die Zahl „Vier“ bedeuten konnte oder eben auch „Tod“. Aus diesem Grund findet man übrigens in chinesischen Häusern oftmals weder einen vierten Stock, noch einen vierzehnten oder vierundzwanzigsten Stock, da die Zahl Vier Unglück bringt. Als Politikstudentin war China natürlich auch so schon ein spannendes Thema.

Laternenfest, das das mehrtägige Neujahrsfest in China abschließt

Seit diesem Auslandssemester interessierte ich mich für das China-Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes/ Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, da es explizit Nicht-Sinologen mit Interesse an Land und Sprache einen frei gestaltbaren, einjährigen Sprach- und Studienaufenthalt mit Praktikum ermöglicht. Außerdem beinhaltet das Programm die Möglichkeit zu Reisen und man wird sprachlich auf den Aufenthalt vorbereitet. Zum Zeitpunkt der Bewerbung hatte ich schon einen kurzen Intensivsprachkurs Chinesisch absolviert. Ich hatte aber akademisch und in meinem bisherigen Lebenslauf keinen weiteren Chinabezug vorzuweisen und war auch noch nie dort gewesen. Kurz gesagt, ich rechnete mir keine großen Chancen aus. Zu meiner großen Freude wurde ich zu dem Auswahlverfahren eingeladen und bekam letztendlich das Stipendium. Hier sehe ich die große Stärke des Programms: Solange man seine Motivation überzeugend darlegen kann, bekommen auch China-Neulinge eine Chance, weshalb ich jede(n) Chinainteressierte(n) zu einer Bewerbung ermuntern möchte.

                           

Lost in translation in Shanghai

Skyline von Shanghai

Die größte Herausforderung in China ist natürlich die Kommunikation auf Chinesisch. Ich entschied mich an die Fudan Universität in Shanghai zu gehen, da die Universität Kurse für zehn verschiedene Sprachniveaus anbietet. Anfangs hatte ich Bedenken, dass ich es mir mit der Weltmetropole Shanghai zu einfach machen würde, aber abgesehen von den wirklich touristisch geprägten Stadteilen kommt man auch hier mit Englisch nicht sonderlich weit, sondern ist gezwungen Chinesisch zu sprechen. Gerade am Anfang hatte ich als Sprachanfängerin Kommunikationsprobleme. Die Leute in China machen es einem jedoch sehr einfach Sprachpraxis zu bekommen.

Echte Leckerbissen: Seidenwürmer und Skorpion

Beim Einkaufen wurde ich mit großer Neugierde ausgefragt. Chinesisch lernt man als Europäer jedoch nicht so schnell, wie andere europäische Sprachen, weshalb gerade am Anfang eine Menge Geduld erforderlich war. Die ehrliche Begeisterung der Menschen, wenn man nur ein bisschen Chinesisch sprechen kann, war für mich immer sehr motivierend. Mit verbesserten Sprachkenntnissen konnte ich auch den ein oder anderen Chinesen, der in meiner Anwesendheit über mich redete, überraschen, indem ich ihm auf Chinesisch zu verstehen gab, dass die Ausländerin sehr wohl versteht. Jedoch wird nach zwei Semestern Sprachunterricht meine Aussprache manchmal immer noch nicht verstanden oder ich habe Probleme das Gesagte zu verstehen.

Beim Probieren chinesischer Köstlichkeiten

Meistens führt das dann zu sehr lustigen Situationen: In einem Restaurant wollte ich mein Essen 打包 (dǎbāo) haben, also zum Mitnehmen. Doch die Bedienung verstand mich einfach nicht und fing dann an mit sehr überbetontem und langsamen Chinesisch zu erklären, dass dies ein Restaurant sei, man hier essen könne und ob ich denn etwas bestellen möchte.

Naturpark in Zhangjiajie

Um diese Sprachmissverständnisse zu vermeiden, entschied ich mich während beider Semester Sprachkurse zu besuchen. Im ersten Semester bin ich sehr viel gereist und besuchte unter anderem den wunderschönen Naturpark in Zhangjiajie, der die Inspiration für die Berge im Film „Avatar“ war und auch so untypische Reiseziele wie Shaoshan, die Geburtsstadt von Mao.

Mondfest auch "Mitherbstfest"

Neben dem Unialltag, der sich nicht sonderlich von meinem deutschen Unialltag unterscheidet, probierte ich allerlei Köstlichkeiten, wie den Mondkuchen, der typischerweise während des Mondfestes gegessen wird und allerlei Gemüse, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich erkundete die Stadt und ging leidenschaftlich gerne Karaoke singen. Während des zweiten Semesters hatte ich außer dem chinesischen Neujahr, das ich in Hong Kong verbrachte, wenig Zeit zu reisen, da ich mich entschieden hatte, neben dem Sprachstudium auch ein Praktikum zu absolvieren.

Mein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung Shanghai (FES)

Für dieses Praktikum bewarb ich mich bei der Friedrich-Ebert-Stiftung Shanghai (FES). Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon ein knappes halbes Jahr in China gelebt und das Leben in China erschien mir gar nicht so anders als in Deutschland. Mit dem politischen China kommt man als Studentin gar nicht in Berührung.

Mit Freundinnen im Naturpark in Zhangjiajie

Das Praktikum bei der FES erschien mir eine gute Möglichkeit zumindest einen Teil des politischen Chinas und die Arbeit einer politischen Stiftung im Ausland kennenzulernen. Besonders spannend fand ich hierbei, bei welchen Themen von chinesischer Seite Interesse an einer Kooperation mit einer deutschen Institution besteht und wie die chinesische Sicht zu diesen Themen ist.

Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema "Feminismus"

Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist bereits seit über 30 Jahren mit Büros in Peking und Shanghai vertreten und unterhält Kooperationspartnerschaften mit chinesischen Think Tanks, Regierungsvertretern und Universitäten. Mit diesen Partnern führt die Stiftung Veranstaltungen, Konferenzen und Workshops zu unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Themen durch. Die Tätigkeiten bei der FES waren dementsprechend sehr abwechslungsreich und ich habe ein breites Spektrum an Themen kennengelernt.

Veranstaltung zum Thema "Generation Y"

Zu Beginn des Jahres erfolgte die Jahresplanung der Stiftung und so wurde ich aktiv in die Konzeption der kommenden Veranstaltungen eingebunden. Ich war beispielsweise bei der Konzeption der Veranstaltung zum Thema "Generation Y" an der Tongji Universität beteiligt sowie bei der Organisation eines Filmabends über Helmut Schmidts Vermächtnis und sein Verhältnis zu China. Da die ersten Monate im neuen Jahr die „Vorbereitungsphase“ für die Veranstaltungsmonate März bis Juni sind, waren auch Recherchearbeiten zu so unterschiedlichen Themen, wie die Diskussion in der EU über die Anerkennung Chinas als Marktwirtschaft, die Wahlen in Taiwan oder die Urbanisierung in China, Teil meiner Aufgaben.

Während der Veranstaltungsmonate konnte ich dann die Umsetzung der Projekte, an denen ich gearbeitet hatte, miterleben. So lernte ich nicht nur inhaltlich viel zu unterschiedlichen Themen, sondern auch wie man kleinere und größere Veranstaltungen auf die Beine stellt. Natürlich konnte ich auch an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Da es sich bei allen Veranstaltungen um Kooperationsveranstaltungen handelt, bot sich mir die Gelegenheit die deutsche und chinesische Sicht im Vergleich kennenzulernen.

Nina im Chinesisch-Kurs

Das Praktikum ermöglichte mir nicht nur einen Einblick in die Arbeitsweise und -felder einer politischen Stiftung, sondern auch ein tieferes Verständnis für die chinesische Politik und die gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen. Das Team der FES bestand jeweils zur Hälfte aus deutschen und chinesischen Mitarbeitern. Es gab noch eine weitere Praktikantin, die zufällig an derselben Universität Staatswissenschaften im Bachelor studiert hatte. Wir verstanden uns gleich auf Anhieb sehr gut. Im Team herrschte ein entspanntes und kollegiales Arbeitsklima. Ich hatte oft Gelegenheit mich mit den deutschen Kollegen über ihre früheren Studienerfahrungen und ihr jetziges Leben in China sowie ihre Arbeitserfahrungen auszutauschen. Ein Praktikum bei der FES Shanghai kann ich jedem nur wärmstens empfehlen.

Naturpark in Zhangjiajie

Da ich noch ein bisschen Zeit in China verbringen werde, bevor es wieder nach Deutschland geht, fällt es mir schwer, an dieser Stelle schon ein Fazit über meine Zeit zu ziehen. Meine Chinesischkenntnisse haben sich im Vergleich zum Beginn meines Aufenthalts beträchtlich verbessert. Denn anfangs musste ich mich schon nach einem einfachen Einkauf erstmal erschöpft hinlegen. China hat tolle Reiseziele zu bieten und noch besseres Essen.

Chinesischer Teig-Snack 白菜饺子 (Báicàijiǎozi)

Meine geliebten 白菜饺子 (Báicàijiǎozi), eine Art Ravioli gefüllt mit Fleisch und Weißkohl, und viele andere Köstlichkeiten werde ich definitiv vermissen. Natürlich sind manche Dinge in China anders und auch gewöhnungsbedürftig, andere wiederum ähnlich wie in Deutschland. Für mich ist es jedenfalls schon jetzt ein unvergessliches Erlebnis. An dieser Stelle könnte ich noch viel über China, seine Entwicklung, seine Gegensätze, die Kultur, die Menschen und natürlich auch die Kuriositäten sagen.

Doch wer China kennen und verstehen möchte, sollte lieber folgendem chinesischen Sprichwort folgen: 百闻不如一见 Bǎi wén bù rú yí jiàn – Auf Deutsch: Einmal sehen, ist besser, als hundertmal hören.

Länderinfo: China

  • In der Volksrepublik China leben circa 1,4 Milliarden Menschen. Hier werden neben dem Hochchinesischen ("Putonghua") auch Dialekte des Chinesischen und verschiedene Minderheitensprachen wie Mongolisch, Tibetisch, Uigurisch, Turksprachen und Koreanisch gesprochen.
  • Nach Russland, Kanada und den USA ist China flächenmäßig das viertgrößte Land der Welt.
  • Im Norden grenzt China an die Kirgisische Republik, an Kasachstan, die Mongolei und die Russische Föderation, im Osten an das Gelbe Meer und das Ostchinesische Meer sowie an Nord-Korea, im Süden an Vietnam, Laos, Myanmar, Indien, Bhutan und Nepal und im Westen an Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan.
  • An den meisten staatlichen Hochschulen wird momentan ausschließlich in chinesischer Sprache gelehrt. Für Studierende, die ein Auslandssemester in China absolvieren möchten, gibt es an einigen chinesischen Hochschulen jedoch zum Teil ein speziell für sie erstelltes englischsprachiges Studienangebot.
  • Das akademische Jahr in China ist in zwei Semester unterteilt, die von Mitte Februar / Anfang März bis Juli und von September bis Mitte Januar / Anfang Februar dauern.
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