ARD-alpha - Campus Magazin


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Mein erstes Mal Als Lehrerin im Klassenzimmer

Wie geht guter Unterricht? Im Schulpraktikum lernen Lehramtsstudierende, wie man Schüler fasziniert. Und erfahren, ob ihnen das Unterrichten überhaupt liegt. Campus Magazin hat Lehramtsstudentin Anna bei ihrer ersten Unterrichtsstunde im Fach Geschichte begleitet.

Von: Beate Brehm

Stand: 24.04.2017

Lehrer werden im Studium nicht auf die Praxis vorbereitet. So lautet eine verbreitete Klage. In Unis und Lehrerseminaren, so geht das Lied, wüchsen Fachidioten heran, frei von pädagogischem Können. Die Konfrontation mit dem Schulalltag, das Unterrichten leibhaftiger Schüler, dem hielten viele Pädagogen nicht stand. Was die Kritiker übersehen: Viele Unis schreiben Schulpraktika inzwischen verpflichtend vor. Schon früh im Studium müssen angehende Lehrer ins kalte Wasser springen und zum ersten Mal unterrichten.

Schulpraktikum

Anna fiebert ihrer Premiere als Lehrerin entgegen. Endlich wird die Lehramtsstudentin ihre erste Geschichtsstunde halten. Thema erster Weltkrieg, neunte Klasse. Ganz spontan, eine Vertretungsstunde, weil die Geschichtslehrerin krank geworden ist. „Ich will unbedingt unterrichten“, sagt sie. Deshalb habe sie auch gleich „ja“ gesagt, als ein Lehrer auf fragte, ob sie die 9b unterrichten könnte. Auch, wenn das bedeutet allein zu unterrichten, ohne die sonst übliche Absicherung durch einen erfahrenen Kollegen, der von hinten alles beobachtet. So sollte das während im ersten Schulpraktikum eigentlich laufen. Bei Anna ist das anders. Und deshalb ist sie jetzt aufgeregt: „Das Problem ist, dass ich die Klasse noch gar nicht kenne und nicht weiß, wie schnell sie arbeiten.“

Lehrer sein

Zeitmanagement, die eigene Rolle als Lehrer finden, den Umgang mit den Schülern üben. All das sollen Lehramtsstudenten in ihren Schulpraktika lernen. Sie schauen sich Unterricht an, übernehmen einzelene Phasen und halten in Begleitung erfahrener Kollegen ihre ersten eigenen Stunden. Wenn Anna ihr Examen macht wird sie insgesamt 12 Wochen Praktika absolviert haben und ein Semester lang jede Woche einen Tag unterrichtet haben. In ihren Abschlussprüfungen wird sie Klausuren in Pädagogik schreiben. Aber die Praxis kann dann doch überraschen.

Schulbuch zur Vorbereitung

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Unterrichtsstoff.  Der erste Weltkrieg – Annas Unterrichtsthema – war in ihrem Geschichtsstudium kein Thema. Zuletzt hat sich Anna als Schülerin mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Wie hat sie sich vorbereitet? „Ich habe mir ein Schulbuch genommen“, sagt Anna, „da ist alles gut zusammengefasst und strukturiert.“ Die Wissenslücke hat sie geschlossen, doch auch in punkto Didaktik klaffen zwischen Theorie und Praxis gelegentlich große Lücken. Anna klagt: „Man kommt von der Uni, ist total vollgestopft mit Methoden, und dann soll man das alles in 45 Minuten packen? Das ist nicht möglich.“

Kurz vor der Stunde schnellt Annas Puls in die Höhe. „In der ersten Stunde will man eben immer, dass alles perfekt ist“, sagt sie. Doch dann schrillt die Schulklingel und das ganze Nachdenken bringt nichts mehr. Jetzt gilt es: rein ins kalte Wasser! Den Unterrichtsplan erfüllen, den Schülern zuhören, ein ordentliches Tafelbild entwerfen, die Uhr im Auge behalten und dabei immer für Ruhe sorgen. Viel schneller als erwartet, sind die 40 Minuten vorbei. Anna steht vor dem Klassenzimmer. Dass nicht alles nur perfekt gelaufen ist, die Klasse zwischendurch unruhig war und die Zeit nicht ganz gereicht hat,  findet sie vor lauter Erleichterung gar so schlimm. „Ich bin einfach froh, dass es vorbei ist“, sagt sie und hofft, dass sie sich bald an den Unterrichtsstress gewöhnt: „In ein paar Jahren, wenn ich das schon ganz oft gemacht habe, bin ich bestimmt auch nicht mehr so aufgeregt.“


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