ARD-alpha - Campus Magazin


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Nix 08/15: Orchideenfächer Die Exoten unter den Studiengängen

Warum immer bei den klassischen Fächern bleiben? Warum nicht mal etwas Ausgefallenes studieren? Warum nicht… ein Orchideenfach? Ein schöner Begriff für die exotischere Variante des Studierens - und ein Begriff, der viel verrät über den Wert der Wissenschaft in unserer Gesellschaft.

Von: Florian Falzeder

Stand: 22.06.2017

Orchideenfach: Das klingt doch nach was! Vielleicht nicht ganz pflegeleicht, dafür schön und schön exotisch. Wie wäre es zum Beispiel mit Byzantinistik oder Friesischer Philologie? Aber Orchideenfächer begrenzen sich nicht nur auf alte Kulturen oder fremdartige Sprachen. Gamedesign, Figurentheater oder Technologie der Kosmetika und Waschmittel kann man genauso studieren.

Es gibt viele Studiengänge hierzulande wie anderswo, die von klassischen Fächern wie Jura, Geschichte oder Mathematik abweichen. Denn die Wissenschaft schreitet in allen Bereichen voran, liefert neue Theorien und Erkenntnisse, jedes Fach wird komplexer und differenzierter.

Universalgenies sind passé

Ein einzelner Universalgelehrter à la Leonardo da Vinci oder Aristoteles: im 21. Jahrhundert kaum noch vorstellbar! Wie will auch ein einzelner Mensch gleichzeitig Heisenbergsche Unschärferelation und Derridas Konzept der Différance, CRISPR/Cas und altgriechische Philologie oder Luhmanns Systemtheorie durchdringen.

Genauso, wie sich die einzelnen Wissenschaften immer weiter ausdifferenzieren, verändern sich mit ihnen auch die Studienfächer. Oder, von der anderen Seite betrachtet, spezialisieren sich die Studienfächer je nach Anspruch und Anforderung immer weiter. Oder, wiederum aus einer anderen Perspektive, werden alte Fächer immer exotischer, weil sie nicht mehr ganz zeitgemäß wirken. Drei Richtungen also, die zu Orchideenfächern führen.

Drei Kategorien der abgefahrenen Studiengänge

Nehmen wir als Beispiel die Gräzistik oder altgriechische Philologie: Früher ein prestigeträchtiges Fach für jeden Humanisten, der was auf sich hält, ist sie zu so etwas wie zu einem wissenschaftlichen Nebenschauplatz verkommen. Der Bedarf an Gräzisten in der Versicherungsbranche ist ja auch verschwindend gering!

Zweite Richtung: Gamedesign. Die alten Koryphäen à la John Romero waren noch Autodidakten. Heute hingegen, wo das Budget eines neuen Computerspiels schon mal das eines Hollywood-Blockbusters übersteigt, ist zunehmende Professionalität gefragt. Ein praxisnahes Studium befriedigt hier den Bedarf nach versierten Fachkräften.

Dritte Entwicklung: die immer weiter ausdifferenzierte Wissenschaft. Nach relativ klassischen Bachelor-Studien, dem Grundlagenstudium sozusagen, folgt eine wachsende Flut an verheißungsvoll klingenden, abgefahrenen Master-Studiengängen. Zum Beispiel Politics and Technology, ein Politikwissenschafts-Master, der sich mit Energiewende, Digitaltechnologien oder Demokratie in Zeiten von Trump und Twitter beschäftigt.

Und was heißt das jetzt?

Alle drei Entwicklungen bzw. Richtungen führen dazu, dass es so etwas wie Orchideenfächer gibt: spezielle Studiengänge also, die sich abseits des sogenannten Normalen bewegen. Und genau hier fängt das Gschmäckle an. Dadurch, dass so Fächer wie Gräzistik, Gamedesign oder technologisch versierte Politikwissenschaft den Beinamen der Orchidee aufgedrückt bekommen, rücken sie ein Stück weit ins Exotische, ins Andersartige ab.

Das tut ihnen unrecht. Sogenannte Orchideenfächer sind schlichtweg akademische Disziplinen, ob alt oder neu, die genauso ihre Berechtigung haben wie ihre etablierten Pendants Jura, Wirtschaftswissenschaften oder Mathematik. Denn eine freie Wissenschaft hat jedes Recht, in jede, auch noch so verwegene Richtung vorzustoßen. Und jede Generation sollte das Recht haben, dort weiter zu machen, zu studieren, forschen und entwickeln. Orchideenfach hin oder her.


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