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Mythos Politikstudium Nicht Bundeskanzlerln von morgen

Cord-Sakko-Träger, Möchtegernpolitiker, Besserwisser. Über Politikwissenschaftler gibt es viele, meist nicht so vorteilhafte, Klischees. Wir vom Campus Magazin haben zwei Studierende an der LMU München besucht und uns eines Besseren belehren lassen.

Stand: 05.07.2017

Leute, die Politik analysieren und erklären können – in Zeiten von Politikverdrossenheit und Populismus sind wichtiger denn je. Vorausgesetzt, man vergisst im Studium den praktischen Bezug nicht. Also: raus aus dem akademischen Elfenbeinturm!

Wer studiert eigentlich Politologie?

In der Regel gibt es zwei Typen von Studienanfängern.

Zum einen gibt es die "Ratlosen", die Politik vielleicht eher aus Verlegenheit studieren.  Und es gibt die, denen bei der etwas verzweifelten Suche nach dem geeigneten Studienfach einfällt, dass sie ja auch den Politikteil der Zeitung lesen und das ja  ganz interessant finden. Zeitung lesen ist wichtig, ok. Trotzdem erschrickt der ein oder andere im Studium, mit welcher wissenschaftlichen Tiefe Problemstellungen thematisiert und diskutiert werden.

Die größere Gruppe sind die "Aktiven". Sie sind schon vor dem Studium politisch engagiert – in einer Parteijugend, NGO oder Kampagne – oder setzen sich aktiv für ein bestimmtes politisches Thema ein. Sie sind nicht selten desillusioniert und enttäuscht, dass Politikwissenschaft nicht Politik heißt. Dass ihnen das Studium nicht konkret beim politischen Handeln hilft. Sie müssen sich über die Semester eine kritischere, wissenschaftlichere Distanz zu ihrem "Forschungsobjekt Politik" aufbauen.

"In meiner allerersten Einführungsvorlesung sagte der Professor im allerersten Satz: 'Wer glaubt, dass Politikwissenschaft etwas mit Politik zutun hat, kann gleich wieder heimgehen!' In der Tat ist es so, dass der Politologe eher langfristige, historische Entwicklungen und Bezüge betrachtet."

Prof. Dr. Carlo Masala, Universität der Bundeswehr München

Mythos 1: Ausbildung der Politikern von morgen!

"Du willst doch eh Bundeskanzler werden!" Das hören Politikwissenschaftler wohl am häufigsten, wenn sie auf ihr Studienfach angesprochen werden. Doch unter den aktiven (Berufs-) Politikern und Mandatsträgern findet man studierte Politologen nur äußerst selten, unter erfolgreichen Ministern oder Regierungschefs vergebens. Das Studium soll ja auch keine Ausbildung zum Politiker sein. Tatsächlich vermittelt das Studium kein Wissen darüber, wie ich Karriere in der Partei mache, eine Kampagne plane oder eine Mehrheit für meinen Vorschlag auf einer Delegiertenversammlung organisiere.

Wie ist das Studium aufgebaut?

In den meisten Fällen ist es eine Dreiteilung:

  • Politische Theorie: Hier sind Philosophen gefragt. Denn man beschäftigt sich mit den großen politischen Denkern, ihren Ideen und Entwürfen, z.B. wie Menschen am sinnvollsten zusammenleben können, welche Regierungsform die beste ist oder wie ein politischer Führer besonders viel Macht konzentriert. Die Reihe geht von Platon und Aristoteles über Macchiavelli bis Marx und Engels.
  • Politische Systeme: Es geht in erster Linie um das Gerüst, wie Staaten bzw. Gesellschaften organisiert und aufgebaut sind und was das für inhaltliche Auswirkungen hat, also grob gesagt, um Innenpolitik. Man befasst sich mit Wahlsystem, Regierungsformen oder Parteistrukturen sowie mit dem Vergleich dieser Aspekte zu anderen Staaten.
  • Internationale Politik: Hier geht es um das Verhältnis von Staaten zueinander, die feinen Regeln der Diplomatie sowie die großen Fragen von Krieg und Frieden

"Die Politikwissenschaft ist wahnsinnig breit gefächert, es ist sozusagen für jeden was dabei, also sehr abwechslungsreich, man kann sich heute z.B. mit den transatlantischen Beziehungen zwischen Deutschland und den USA beschäftigen und am nächsten Tag in einem Planspiel Schülern das Gesetzgebungsverfahren vermitteln. Es ist also ein sehr lebendiges Fach, das viel Diskussionsstoff bietet, es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern es werden immer verschiedene Argumentationen beleuchtet, das ist das Spannende."

Julian, Politik-Student an der LMU München

Mythos Laberfach

Die Politikwissenschaftler stehen im Ruf, ohne Punkt und Komma zu sprechen und zu allem seine Meinung haben  zu müssen. Gerne werden sie als geschwätzig  abgestempelt. Viel und gut Reden muss man können, aber nicht wirklich was anpacken. Die Sache hat einen wahren Kern. Denn natürlich geht es viel ums Reden. Schon bei der Analyse von Debatten und öffentlichen Diskursen oder der Sprache in Wahlkämpfen. Und auch das Studium selbst ist ein ständiger Austausch von Argumenten, ein ständiges Diskutieren in Pro und Contra. Interessant ist dabei auch die Diskussionskultur in den Seminaren.

"Ich beobachte kein Stammtischniveau, aber die Sozialen Medien haben einen immer größeren Einfluss auf die Studierenden, die einen Großteil ihrer Informationen aus den Sozialen Medien beziehen. Diesen sehr meinungszentrierten Blick auf Politik spürt man sehr stark in den Seminarräumen und das geht mitunter zu Lasten der Qualität der Diskussion."

Prof. Dr. Carlo Masala, Universität der Bundeswehr München

Einige Studierende glauben, die ganze Welt erklären zu können, indem sie den Politikteil der Zeitung gelesen haben. Dass das in der Wissenschaft nicht reicht, wird dann oft in den Seminaren deutlich. Deren Niveau steigert sich aber dann von Semester zu Semester.

"Am Anfang nervt es schon, dass viele einen sehr oberflächlichen Blick haben, aber bei dem Stammtisch-Niveau bleibt’s ja nicht. Das Studium macht etwas mit einem, man entwickelt sich weiter und steigt tiefer ein und so hat sich die Diskussionskultur von Semester zu Semester in den Seminaren angehoben."

Gabriella, Politik-Studentin an der LMU München

Ein immer größeres Problem ist allerdings – das betrifft nicht nur die Politologie – die wissenschaftliche Sprache. Sie wird immer spezifizierter, verklausulierter, durchsetzt von wissenschaftlichen Fachtermini, wie eine exklusive Geheimsprache, die nur einige wenige Auserwählte verstehen. Das macht es natürlich schwer, die Inhalte und relevanten Forschungsergebnisse des Fachs auch an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln.

"Wir haben uns bedauerlicherweise zurückentwickelt, die politikwissenschaftliche Sprache dient nicht selten eher der Verschleierung anstatt der Verdeutlichung von Inhalten. Viele Texte kommen mir wie elaborierte Nebelkerzen vor, um dann relativ banale Fakten zu transportieren."

Prof. Dr. Carlo Masala, Universität der Bundeswehr München

Was kann man beruflich mit Politikwissenschaft machen?

"Ah, Sie werden Taxifahrer". Das hören nicht nur Germanisten und Philosophen gern als Antwort, wenn sie über ihr Studienfach sprechen, sondern auch Politologen. Die Politikwissenschaft ist tatsächlich kein gezielt berufsvorbereitendes Studium wie etwa Medizin, Jura oder BWL. Fertige Politikwissenschaftler tauchen deshalb in den unterschiedlichsten Kontexten auf.

Typische Berufsbilder:

  • Journalismus
  • Ministerien und Parlamente
  • Referate von Parteien und Abgeordneten
  • NGOs
  • Öffentliche Verwaltung
  • Politische Bildung
  • Akademische Laufbahn
  • Politikberatung in der Wirtschaft

"Politik wird ja auch immer unübersichtlicher. Ich glaube, das Bedürfnis in der Gesellschaft ist größer denn je, dass da jemand ist, der mit dem Adlerblick von oben drauf blickt, warum bestimmte politische Vorhaben nicht weitergehen und ständig vertagt werden. Darum sollte es Anspruch von jeder Wissenschaft sein, sich allgemeinverständlich auszudrücken und in allgemeinen Diskussionen das übersetzen zu können, was der Kern, die Kompetenz des Fachs ist. Diese Übersetzungsleistung könnte auch in Zukunft ein neues Arbeitsfeld für Politikwissenschaftler werden." Margarete Bause, bis 2017 Fraktionsvorsitzende der Grünen Fraktion Bayern

Mythos Theorie-Keule und Elfenbeinturm

Kritisiert wird die zu theoretische Ausrichtung der Lehre, die dazu führt, dass Studenten, wenn sie sich nicht selber aktiv um Praktika bemühen, nicht das Handwerkszeug erlernen, das sie später in den unterschiedlichsten Berufskontexten brauchen. So zielt die Ausbildung der Studenten immer noch stark auf eine Tätigkeit in einer akademischen Laufbahn. Die stärkere Professionalisierung und Spezialisierung des Fachs hat auch noch einen weiteren Nachteil. Das Fach bestimmt die öffentliche Debatte nicht mehr, regt sie nicht mehr an, sondern zieht sich stark in den akademischen Elfenbeinturm zurück.

"Das liegt an unseren wissenschaftlichen Standards. Wir veröffentlichen unsere Forschungsergebnisse in der Regel in Fachzeitschriften. Und es gibt Studien, dass so ein Aufsatz maximal von fünf Leuten, Fachkollegen, gelesen wird. In Zeitungen, in politischen Blogs oder den sozialen Medien tauchen wir dagegen immer weniger auf. Wenn es um wissenschaftlichen Nachwuchs geht, fragen wir nicht, ob es einen Output in die Gesellschaft hinein gibt und ob diese Leistung belohnt wird. Im Gegenteil: die Leute, die konkret Stellung beziehen, werden dann innerhalb des Fachs schief angeschaut. Ich denke, da müssen wir dringend den Raum wieder etwas öffnen."

Prof. Dr. Carlo Masala, Universität der Bundeswehr München

Deshalb fordern führende deutsche Fachvertreter dazu auf, die Politikwissenschaft wieder stärker an die politische Realität, die aktuellen, relevanten politischen Fragestellungen heranzuführen und durch praktischere und praxisbezogenere Module zu ergänzen.


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