ARD-alpha - Campus Magazin


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Lehramtstudium - und dann? "Ich musste mich selbst erfinden"

Begeisterung vermitteln: Für Judith mit das Wichtigste an ihrem Job. Nach dem Lehramtsstudium hat sie endlich eine Arbeit gefunden, die sie motiviert - aber nicht als Lehrerin.

Von: Lisa Böttinger

Stand: 20.10.2015

Judith, Jugendbildungsreferentin | Bild: Judith N.

Campus Magazin: Was hast du auf Lehramt studiert und mit welchem Ziel oder Motivation?

Judith: Ich habe katholische Theologie und Politikwissenschaft auf Lehramt fürs Gymnasium studiert. Im Grunde standen für mich zuerst die Fächer fest, die ich studieren wollte - dann kam die Frage: Und was machst du dann später damit? Ich bin ein idealistischer Mensch und ich fand schon zu Schulzeiten die Lehrer toll, die Begeisterung für ihre Fächer vermitteln konnten. So einer wollte ich auch mal werden – denn religiöse und politische Bildung sind, wie ich finde, sehr wichtig, damit aus Schülern engagierte und selbstbewusste junge Menschen werden."

CM: Wo stehst du jetzt beruflich oder was sind deine (Alternativ)-Pläne?

Während des Referendariats habe ich den Lehrerberuf mit all seinen Seiten – vor allem den unschönen – kennengelernt. Kollegen, die ständig unmotiviert, mies gelaunt, gestresst und überfordert sind und die jedem ungefragt offen und direkt von der Berufswahl abraten. Trotzdem ließ ich mich zunächst nicht abwimmeln und habe mich gegen Ende des Referendariats auf die offenen Stellen beworben – so wie alle. Ich war einige Male auf Platz zwei, hatte aber erstmal Pech und habe keine Stelle bekommen.

Nach den Sommerferien startete ich dann zunächst völlig fachfremd mit der Betreuung von Grundschulkindern und nutzte die Zeit zur Neuorientierung. Wollte ich unter den gegeben Umständen und mit diesen Erfahrungen wirklich in den Schuldienst? Würde mich das glücklich machen? Ich stellte fest: nein, eigentlich nicht. Also bewarb ich mich in vielen anderen Bereichen: alles Mögliche im kirchlichen Bereich und im Bereich der politischen Bildung.

Ich brauchte einen Neustart und musste mich selbst erfinden. Nach drei Monaten und vielen Bewerbungen hatte ich Erfolg und bin jetzt Jugendbildungsreferentin für schulnahe Jugendarbeit - und gehe jeden Morgen sehr gerne zur Arbeit! Im Gegensatz zu Freunden, die den Weg in den Lehrerberuf weiter verfolgt haben und sich mit Krankheitsvertretungen und schlechter Bezahlung von Sommerferien zu Sommerferien hangeln, habe ich eine Perspektive, bei dieser Stelle zu bleiben. Mein Arbeitgeber ist daran interessiert, dass ich mich nach meinen Fähigkeiten weiterentwickeln kann."

CM: Was läuft deiner Meinung nach schief, dass so viele Lehrer auf der Straße stehen?

Viele fangen das Lehramtsstudium an, weil sie dieses Berufsbild aus der eigenen Schülerperspektive kennen. Ob sie dafür qualifiziert sind, hat damit zunächst mal gar nichts zu tun. Mittlerweile muss man einen Einstufungstest für den Lehrerberuf machen, aber die Praxis ist doch ein völlig anderes Feld. Mehr Praxisbezug von Anfang an mit Begleitung durch geschulte Experten würde einen großen Unterschied machen.

Wie schafft man es, gut durchs Referendariat zu kommen, gute Noten zu haben und somit dann an einen Job zu kommen? Neben einer Portion Können, die man mitbringen muss, müssen viele Zufälle mitspielen: ein Kollegium, das einen fördert, gute Mentoren, die selbst über eine gute und vor allem aktuelle fachdidaktische Kenntnis verfügen, Fachleiter, die einen Blick für die ganze Situation haben und letztlich auch eine Klasse, die den erforderten Leistungsstand mitbringt. Das sind alles Faktoren, auf die man keinerlei Einfluss hat. Ich habe jedoch während meines eigenen Referendariats fähige Lehramtsanwärter schlecht abschneiden sehen, weil ihnen diese guten Zufälle verwehrt blieben.

Aber zum Glück ist nicht alles schlecht - es gibt sehr viele engagierte Lehrer mit Herz, die sich durch das System nicht kleinkriegen lassen und begeistert ihrer Berufung folgen, ganze Schülergenerationen prägen und jeden Morgen gerne wieder zur Arbeit gehen.


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