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Latinum-Streit Brauchen Lehramtsstudenten Latein?

In vielen Bundesländern ist das Latinum Pflicht im Lehramtsstudium. Das packen viele Studenten nicht in der Regelstudienzeit und fliegen manchmal sogar aus dem BAföG raus. Studis aus Bochum fordern: Das Latinum gehört abgeschafft – und bekommen jetzt Rückendeckung von NRW's Schulministerin. Ganz zum Leidwesen von Studenten aus Köln, die Latein unbedingt beibehalten wollen.

Von: Moritz Pompl und Anna Kemmer

Stand: 19.05.2015

Daniel Greger ist 26 und studiert in Bochum Geschichte und Philosophie auf Lehramt. Sein Problem: Als Schüler war er zuerst auf der Realschule, später auf einer Gesamtschule, um sein Abi nachzuholen. Lateinunterricht wurde da nie angeboten. Doch genau diese Lateinkenntnisse bräuchte er jetzt – als Voraussetzung für sein Geschichtsstudium. Auch wenn Daniel an dem Nutzen für seinen späteren Beruf zweifelt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Latinum nachzuholen.

"Das habe ich hier in den Kursen an der Uni auch versucht. Da habe ich insgesamt fünf Semester dafür gebraucht. Die Kurse sind total überlaufen, weil total viele das machen müssen, und da war ich eben einer von den 60 Prozent, die alleine im ersten Kurs durchfallen. Man versucht den gesamten Lateinstoff in drei Semestern durchzuballern. Keine Chance."

Daniel Greger

Erst Regelstudienzeit futsch, dann das BAföG

Daniel Greger

Sein Studium in der Regelstudienzeit zu schaffen, das ist für Daniel längst gestorben. Und nicht nur das: Auch finanziell hat ihn die Latinumspflicht ziemlich in Bedrängnis gebracht. Zumal er von seinen Eltern keine Unterstützung erwarten kann.

"Bafög war dann auch irgendwann weg, schon nach dem 4. Semester, weil man aus dem Regelstudienverlauf raus ist. Dann darf man anfangen zu arbeiten. Und dann wird das noch schwieriger mit Latein, das zögert sich immer weiter raus! Mit 25 gibt´s dann kein Kindergeld mehr, du musst für die Krankenversicherung zahlen..."

Daniel Greger

Bochumer Studenten starten Petition gegen das Latinum

Moritz Fastabend

Inzwischen muss sich Daniel mit zwei Jobs über Wasser halten: an einer Tankstelle und als Hiwi beim Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA). Deren Referent Moritz Fastabend hat die Probleme der Lehramtsstudenten wie Daniel erkannt und vor zwei Jahren eine Online-Petition gestartet. Seine Forderung: Das Latinum als Voraussetzung für viele Studienfächer soll abgeschafft werden. Aus einer anfangs kleinen, Uni-internen Initiative ist innerhalb kurzer Zeit eine länderübergreifende Revolution geworden.

"Online haben unsere Petition knapp 10.000 Leute unterschrieben. Wir haben viele Mails aus NRW und aus ganz Deutschland bekommen, von Studenten, die die Hoffnung haben, dass es auch in anderen Bundesländern umgesetzt wird. Und dann hatten wir ein Gespräch mit der Schulministerin."

Moritz Fastabend

NRW´s Schulministerin beschließt: Das Latinum soll weg

Sylvia Löhrmann

Die Petition der Bochumer Studenten wird zur Initialzündung. Denn NRW´s Schulministerin Sylvia Löhrmann beschließt: Das Latinum für die Lehramtsfächer Englisch, Spanisch und Französisch soll tatsächlich komplett wegfallen.

"Klar ist, man muss zwei Fremdsprachen haben. So dass Kenntnisse in der vergleichenden Analyse von Sprache sich genauso herstellen, wenn ich Deutsch, Englisch, Französisch vergleiche, als wenn ich zwingend Latein als nun mal tote Sprache verpflichtend mache."

Sylvia Löhrmann

Für das Lehramtsstudium Geschichte und Philosophie sollen die Lateinkenntnisse nach den Plänen von Sylvia Löhrmann ebenfalls herabgestuft werden, allerdings "nur" auf das Niveau des kleinen Latinums. Noch steht der endgültige Beschluss des Landtags aus, die Änderungen sollen aber zum Sommersemester 2016 umgesetzt sein.

Jonas Berghaus

Kölner Studenten fordern Reform statt Abschaffung

Ganz zum Leidwesen einer Studentengruppe aus Köln. Hier hat Jonas Berghaus, Referendar für Latein und Geschichte, zusammen mit Kommilitonen noch im Studium eine Gegeninitiative zu den Bochumer Studenten gegründet. Sie heißt "Latein reformieren anstatt streichen".

"Es gibt viele Leute, die sagen, ich will ja nur Lehrer werden. Das ist finde ich das Schlimmste, was man sagen kann, denn damit entwertet man meines Erachtens diesen Beruf."

Jonas Berghaus

Latein sieht Jonas als universelle, humanistische Bildung, die unsere Kultur maßgeblich geprägt hat. Ginge es nach ihm, dann sollte jeder Sprachenlehrer zumindest Grundkenntnisse in Latein haben, die er dann – auch indirekt – seinen Schülern vermitteln kann. Doch auch er sieht Probleme mit dem Latinum an den Unis. Die Lateinkenntnisse müssten sich mehr an den jeweiligen Studienfächern orientieren, sagt er. So könnten sich etwa Französisch- oder Englisch-Studenten vorwiegend mit lateinischer Prosa beschäftigen, während Historiker Latein mehr mit dem Ziel lernen sollten, sich mit alten Quellen auseinanderzusetzen. Und für alle sollte gelten: Muss jemand an der Uni sein Latinum nachholen, dann sollte er auf keinen Fall einfach aus dem BAföG rausfliegen, wenn er sein Studium nicht in der Regelzeit packt.

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