ARD-alpha - Campus Magazin


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Akademiker Karriere-Risiko Doktortitel

Wer eine Promotion geschafft hat, ist eigentlich topqualifiziert. Dennoch haben viele Doktoranden schlechte Berufschancen an der Universität – aber auch in der freien Wirtschaft.

Von: Fabian Mader

Stand: 24.11.2015

Sven Packmohr hatte genug von Deutschland. 150 Bewerbungen, nur Absagen. Und das trotz einer Promotion in BWL.

"Die Rückmeldungen waren im Prinzip: Dass man überqualifiziert ist, dass man zu alt ist. Also im Prinzip müsse man mit Berufsanfängern auf einer Stufe anfangen. Da war man in Unternehmen sehr kritisch."

Sven Packmohr

Die Sorge vieler Unternehmen: Wie soll einer, der 38 ist und schon Studenten betreut hat, jetzt wieder mit ihnen auf einer Stufe anfangen? Und müssen wir jemandem mit Doktorhut nicht mehr bezahlen?

Ein Karriereberater rät Packmohr schließlich, seinen Doktor einfach wegzulassen, um die Unternehmen nicht zu abzuschrecken. Aber wozu hat er sich dann die ganze Arbeit gemacht?

Die Alternative wäre eine Karriere in der Wissenschaft, doch die ist nur für wenige zu schaffen. Denn nur wer Professor wird, kann seine Zukunft mit einiger Sicherheit planen. Die vielen Jahre zuvor hangeln sich die meisten von Projekt zu Projekt, von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, oft mit wenigen Monaten Laufzeit, in der Regel mit eher schlechtem Gehalt. Auch deshalb entscheiden sich Professoren, was die Familienplanung betrifft, in der Regel sehr spät für Kinder.

"Ich hatte an der Uni befristete Verträge und immer wieder auch Lücken dazwischen. Eine Zeitlang kann man mit Arbeitslosengeld 1 ganz gut füllen, aber irgendwann wird es Hartz 4, und das fühlt sich nicht so toll an."

Sven Packmohr

Trotz jahrelanger Ausbildung mit Titel – keine sichere Perspektive. Für Andreas Keller von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft eine deutsche Besonderheit.

"Es gibt eigentlich kaum ein Land, wo es so schlimm ist wie in Deutschland. In Deutschland haben neun von zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern einen Zeitvertrag. In anderen Ländern, sei es Frankreich, Großbritannien oder die USA, haben wir mehr Dauerstellen neben Professur und sehr viel früher eine Sicherheit für den wissenschaftlichen Nachwuchs, im System bleiben zu können."

Andreas Keller

Oft laufen solche Verträge gerade mal einige Monate, was danach kommt, ist jedes Mal wieder eine Zitterpartie. Die Bundesregierung will solche Exzesse eindämmen und noch im Dezember das neue Wissenschaftszeitvertragsgesetz verabschieden. Zeitverträge sollen künftig zumindest länger laufen.

Für die 33-Jährige Franziska Leischner ist das eine Verbesserung, aber noch keine generelle Lösung. Sie beendet im Februar ihre Doktorarbeit in Psycholinguistik an der Humboldt Universität in Berlin. Ihr Problem: Sie will nicht die Jahre bis zur Professur an der Uni mit Zeitverträgen überbrücken, um dann am Ende mit 40 zu erfahren, dass es für eine Professur eben nicht gereicht hat.

"Ich meine, ich bin jetzt Anfang 30, und ich weiß nicht, ob ich möglicherweise auch irgendwann mal Familie will - und irgendwann ist es mir auch sozusagen von Mutter Natur nicht mehr anders gegeben."

Franziska Leischner

Sven Packmohr hat den Traum von der Karriere an einer deutschen Hochschule aufgegeben. Er lehrt inzwischen an der Universität Malmö, unbefristet, in Festanstellung. Seinen Job „Universitetslektor“ gibt es so in Deutschland gar nicht. Eine Art Assistenzprofessor, aber mit gutem Gehalt und sicherer Perspektive.

"Ich würde jedem, der in Deutschland keine sichere Stelle findet, raten ins Ausland zu wechseln. Der Schritt hört sich groß an, aber im Prinzip ist er nicht groß."

Sven Packmohr

Eine Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist in Arbeit. Seit September 2015 liegt ein erster Gesetzentwurf vor:


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