ARD-alpha - Campus Magazin


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Studium in Norwegen "Das Land ist jeden Euro wert"

Julia Rauscher studiert Biologie und war mit ERASMUS an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technik in Trondheim. Die weltberühmten Fjorde haben es ihr angetan – aber auch die Kultur, die es hier zu entdecken gibt.

Von: Julia Rauscher

Stand: 09.02.2016

Studieren in Norwegen | Bild: Julia Rauscher

Der Entschluss, während meines Studiums ein Semester im Ausland zu verbringen, stand schon lange fest. Dass in Norwegen Englisch fast auf dem Niveau einer zweiten Landessprache gesprochen wird und die Technisch-Naturwissenschaftliche Universität Norwegens (NTNU) in Trondheim in meinem Fachgebiet einen hervorragenden Ruf hat, machte die Entscheidung perfekt. Ein Semester bevor es losging, habe ich Norwegisch gelernt. Das ist für Deutsche nicht so schwierig, weil es viele Ähnlichkeiten gibt, die Sprache aber insgesamt einfacher aufgebaut ist. Man muss zwar als Erasmus-Student in Norwegen nicht unbedingt die Sprache können, aber sie bringt einen näher an die Kultur und die Menschen heran, daher empfehle ich es sehr.

Ausländische Studenten sind meist im Wohnheim

In Trondheim eine Unterkunft zu finden, ist nicht ganz einfach. Mit der Bewerbung für die Uni bewirbt man sich automatisch für ein Zimmer im Studentenwohnheim. Es sei denn, man vergisst, das Häkchen dafür im Bewerbungsformular zu setzen. So wie ich. Es gibt in Trondheim mehrere Wohnheime. Dort leben aber vor allem ausländische Studenten, weshalb man wenig Kontakt zu Norwegern hat. Meistens bekommt man einen Platz im Wohnheim, allerdings wird dies recht kurzfristig mitgeteilt. Im Frühlingssemester ist die Wohnungslage entspannter als im Herbstsemester. Die Mieten sind vergleichsweise hoch, im Wohnheim bezahlt man 450 bis 500 Euro warm pro Monat, in privaten Unterkünften normalerweise mehr.

"In Norwegen sind die Semester anders eingeteilt als in Deutschland, das muss man sich bei der Planung vor Augen halten. Das Frühlingssemester geht von Anfang Januar bis Anfang Juni, das Herbstsemester von Anfang August bis Ende Dezember."

Julia Rauscher

Damit ist auch klar, dass im Herbst viel mehr Auslandsstudenten nach Trondheim drängen, denn das überschneidet sich nur mit einem Semester in Deutschland. Allerdings hat man im Herbst den Vorteil, dass man viel mehr Studenten treffen und kennenlernen kann. Meiner Meinung nach macht es mehr Sinn, die Semester so einzuteilen wie in Norwegen. Es ist wahnsinnig entspannt, vor Weihnachten mit den Prüfungen fertig zu sein und die Feiertage so richtig genießen zu können. Den recht kurzen Sommer kann man ab Mitte Juni genießen und die Uni fängt erst wieder im August an, wenn es sowieso schon wieder langsam Herbst wird. Auf die Prüfungsvorbereitungen im heißen Juli in Deutschland würde ich gerne verzichten.

Die Skripte sind besser als in Deutschland

Auch von den Kursen und der Organisation war ich sehr begeistert. Ich habe drei Kurse belegt mit insgesamt 22,5 ECTS-Punkten und habe die Prüfungen problemlos hinbekommen, sodass genug Zeit zum Reisen und anderen Aktivitäten blieb. Es gab eine relativ große Auswahl an englischen Modulen, ich habe einen Teil an der naturwissenschaftlichen und auch der medizinischen Fakultät belegt. Norwegisch war dafür nicht nötig. Mein "Learning Agreement" habe ich einmal geändert, da zwei Prüfungen zum selben Zeitpunkt stattgefunden haben, daher konnte ich nur ein Modul von den beiden belegen. Dies lief ohne Probleme ab. Auch in anderer Hinsicht war das "International Office" immer hilfsbereit und gut erreichbar. Alle Dozenten haben ihre Skripte rechtzeitig vor Vorlesungsbeginn auf einer einheitlichen Plattform, so ähnlich wie Moodle, hochgeladen und die Vorlesungen, sowie Skripte waren hervorragend. Das Niveau war in etwa gleich wie an der TU in München, meiner Heimatuniversität, aber ich brauchte wegen der guten Skripte weniger Nachbereitungszeit als gewohnt.

"Man merkte den Dozenten an, dass sie großes Interesse am Lernerfolg der Studierenden haben und sie waren immer bereit für Rückfragen. Antworten auf E-Mails kamen meist noch am selben Tag."

Julia Rauscher

Die NTNU hat mehrere Gelände. Die für Naturwissenschaften (Gløshaugen) und Medizin (St. Olavs Hospital) liegen sehr zentral und sind gut mit dem Bus sowie Fahrrad oder zu Fuß erreichbar. Der Medizin-Campus ist mit einem Universitätskrankenhaus zusammengeschlossen. In der Bibliothek war ich meist im Realfagbygget im Naturwissenschaftsgebäude in Gløshaugen.

Trondheim ist klein und teuer

Trondheim ist eine eher kleine Stadt mit ca. 200.000 Einwohnern. Das macht es leicht, in kurzer Zeit umher zu kommen. Ich bin meist mit dem Bus, meinem City-Roller aus einem Second-Hand-Store oder zu Fuß unterwegs gewesen. Viele haben sich ein Fahrrad gekauft, man muss aber bedenken, dass die Stadt ziemlich hügelig ist. Der Bus ist das einzige öffentliche Verkehrsmittel in der Stadt und das Netz ist, wie ich finde, sehr gut ausgebaut. Zusätzlich gibt es eine Tram in entlegenere Gebiete, die man mit dem Bus-Ticket benutzen kann. Für das Handy kann man an der Uni norwegische SIM-Karten für 50 Kronen kaufen. Das ist Prepaid und wenn man möchte, kann man sich mobiles Internet dazu kaufen.

Trondheim ist wie ganz Norwegen sehr teuer. Nicht nur die Miete, auch die Lebensmittel und vor allem alkoholische Getränke kosten im Vergleich zu Deutschland viel. Bezahlt wird mit Bank- oder Kreditkarte, selten mit Bargeld. Meist ist es aber kein Problem, bar zu zahlen. Ich empfehle auf jeden Fall, sich eine Kreditkarte zuzulegen und vorwiegend damit zu bezahlen.

"Am Anfang war ich direkt überrollt von dem großen Angebot an der NTNU. Da ist wirklich für jeden etwas dabei."

Julia Rauscher

Ich habe ein paar Ausflüge gemacht, zum Beispiel eine Kanu-Tour mit Zelten in einer wunderschönen Seelandschaft, komplett in der Wildnis. Das war ein sehr schönes Erlebnis und typisch norwegisch.

Das UKA-Festival war mein Highlight

Auch sonst kann man sportlich über die NTNU alles Mögliche machen, zum Beispiel in Fitnessstudios gehen oder Skifahren. Außerdem kann man Hütten in der Natur außerhalb von Trondheim mieten und dort ein paar Tage wandern oder einfach nur entspannen. Viele meiner Bekannten haben dieses Hütten-Angebot genutzt und waren begeistert. Mein persönliches Highlight war allerdings das UKA-Festival. Es findet alle zwei Jahre in Trondheim im Oktober statt. Es ist das größte Kulturfestival Norwegens und wird von 1500 freiwilligen Studenten organisiert, davon war ich eine. Man muss sich schon früh im September dafür bewerben und in ein persönliches Gespräch gehen. Man bekommt zwar kein Geld, dafür aber jede Menge Spaß. Ich habe in einem Restaurant bedient und hinter der Bar gestanden.

"Auf dem UKA-Festival hatte ich unheimlich viel Spaß und engen Kontakt zu den Norwegern, mit denen ich das Festival organisiert habe"

Julia Rauscher

Der Großteil des Festivals fand im Studentersamfundet statt, einem großen Gebäude, welches den Studenten zur Verfügung steht und Restaurants, Bars, Partyräume, Konzerthallen und sogar eine eigene Brauerei umfasst.

Zusammenfassend kann ich sagen: Für mich hat sich jeder Euro und jeder Tag in Norwegen gelohnt. Ich habe meinen Horizont unheimlich erweitert und meine Einstellung zu vielen Dingen zum Positiven geändert. Alleine schon diese Soft skills bringen mich sicher nicht nur im Privaten, sondern auch beruflich weiter und ich habe gesehen, welche Möglichkeiten es auch außerhalb Deutschlands gibt.

Länderinfo: Norwegen

  • Im Sommer kennen die Tage in Norwegenkaum Anfang und Ende. Dann bietet sich die Landschaft für lange Fahrradtouren und Wanderungen an. Im Winter wird der Himmel von Polarlichtern verzaubert und viele Orte laden zum Skifahren und Snowboarden ein.
  • Norwegen besteht aus 19 sogenannten „Fylkern“ (Provinzen) und grenzt an Schweden,  Finnland und Russland.
  • Um in Norwegen studieren zu können, sollte man die Landessprache zumindest soweit beherrschen, dass man dem Unterricht problemlos folgen kann. An den Universitäten und Hochschulen werden auch Sprachkurse in Norwegisch angeboten. Außerdem werden viele Kurse auf Englisch angeboten.
  • Norwegen hat sich dem auch in Deutschland eingeführten Bachelor-Master-System angeschlossen. Die Universitäten bieten demnach ein dreijähriges Bachelorstudium, ein darauf aufbauendes, zweijähriges Masterstudium und ein dreijähriges Promotionsstudium an.

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