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Integration Wie Flüchtlinge unterbringen?

„Wir müssen in Wahnsinnsgeschwindigkeit Sozialwohnungen bauen“ Der Kölner Stadtsoziologe Jürgen Friedrich fordert eine Integration in einzelnen Stadtvierteln.

Von: Christopher Gerards

Stand: 24.11.2015

Jürgen Friedrichs (77) Soziologe | Bild: BR

Jürgen Friedrichs (77) ist Soziologe und Professor Emeritus am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie an der Uni Köln. Er forscht seit langem im Bereich der Stadtsoziologie.

Herr Friedrichs, Flüchtlinge und Studenten wohnen zusammen unter einem Dach - so etwas hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Was sagen Sie dazu als Stadtsoziologe?

Friedrichs: Die Studenten wollen den Flüchtlingen helfen – und das erleichtert die Integration. Und es zeigt anderen Menschen, dass ein Zusammenleben funktioniert - das muss nicht in einem Gebäude sein, es kann auch in der gleichen Straße oder im gleichen Wohnblock sein. Die Menschen, die Ängste haben, müssen sehen: Diejenigen, die kommen, bedrohen sie nicht - weder ihre Arbeitsplätze noch ihre Kultur. Dazu muss es aber erstmal zu Kontakten kommen.

Sie haben von Wohnblocks gesprochen. Eignen sich bestimmte Viertel eher als andere, um Flüchtlinge aufzunehmen?

Sie sind besser in Gebieten aufgehoben, in denen die Menschen gebildeter sind, also in Vierteln des Mittelstandes. Mit steigender Bildung nimmt die Zahl derjenigen deutlich ab, die sich feindselig gegenüber Flüchtlingen äußern. Was wir nicht wissen: Wie wirkt es sich aus, wenn Flüchtlinge in Wohngebiete der oberen Mittelschicht, also in Villenviertel, gehen? Es gibt zumindest ein Beispiel aus Hamburg, wo sich die Anwohner dagegen gewehrt haben, dass in ein Gebäude 190 Flüchtlinge einziehen sollen. Inzwischen ist ein Kompromiss gefunden und es werden Migranten dort wohnen. Da wird man sehen müssen, wie die Bevölkerung tatsächlich reagiert.

In den größeren Städten ist der Wohnungsmarkt oft angespannt. Droht womöglich eine Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und anderen Bevölkerungsgruppen?

Das Problem ist, dass wir ein Riesendefizit haben im sozialem Wohnungsbau. Und dieses Defizit wird jetzt noch ganz erheblich vergrößert. Es gibt viele Fragen: Soll man freie Flächen für sozialen Wohnungsbau nutzen? Oder will die Stadt an einen Investor verkaufen, der dort Eigentumswohnungen errichtet? Brauchen wir nicht eigentlich ein Altersheim? Oder müssen wir da ein Flüchtlingsheim errichten? Es gibt also eine Konkurrenz um die Nutzung der Flächen. Und es gibt dann einen Wettbewerb um die neu entstehenden Wohnungen.

Wie kann man das lösen?

Wir müssen uns sehr anstrengen, damit mehr Sozialwohnungen entstehen. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel sind 2014 etwa 3500 Sozialwohnungen gebaut worden. Wenn sie hochrechnen, wie viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.

Zurzeit leben viele Flüchtlinge in Turnhallen oder Zelten.

Seit 2012 steigt die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Aber zuerst hat man gedacht: Das wird so nicht weitergehen. Erst im Frühjahr 2015 hat der Bund beschlossen, den Kommunen mehr Geld zu geben - eigentlich zwei Jahre zu spät. Außerdem haben wir kein Einwanderungsgesetz, obwohl schon vor Jahrzehnten Gastarbeiter nach Deutschland kommen. Das ist ein Skandal. Diese Ignoranz, die rächt sich jetzt.

Inwiefern?

Indem wir nicht darauf vorbereitet sind, mit klaren Gesetzen zu sagen, wer lange hier bleiben kann. Und indem wir mit vielen Ausnahmeregelungen arbeiten müssen.

Was muss dann das Ziel sein? Und in welchen Zeiträumen denken Sie dabei?

Wenn wir die Menschen integrieren wollen, brauchen wir für sie Arbeitsplätze und Wohnungen. Und zwar schnell, innerhalb der nächsten fünf Jahre. Man kann die Leute ja nicht ewig in Zelten, Turnhallen oder Containern wohnen lassen. Deshalb müssten wir eigentlich in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit Sozialwohnungen bauen – und dabei vielleicht auf die letzten Standards von Energieeffizienz verzichten und sagen: Wir bauen vernünftige Gebäude, die nicht übergangsmäßig sind. Und wir versuchen das möglichst breit über die jeweilige Stadt zu verteilen - und nicht zu bündeln an einzelnen Stellen.

Danke für das Gespräch


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