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Die besten Tipps "Folgt Euren Neigungen bei der Wahl der Kultur und Sprache"

Dr. Kurt Gamerschlag ist Geschäftsführer der gemeinnützigen „CollegeCouncil GmbH.“ Er veranstaltet mit seinem Team den „International College Day“, eine der größten internationalen Bildungsmessen zum Thema Auslandsstudium.

Stand: 24.11.2015

Dr. Kurt Gamerschlag | Bild: CollegeCouncil GmbH, colourbox.com; Montage: BR

Campus Magazin: Warum ist es heutzutage so wichtig, während des Studiums ins Ausland zu gehen?

Karriereberater und Personaler in den Betrieben sind sich ziemlich einig: Für diejenigen, die eine richtige Berufskarriere als „Lebensaufgabe“ sehen, ist ein längerer Auslandsaufenthalt im Rahmen eines Praktikums, Studiums, Schüleraustauschs oder Au Pair, gleich wo auf der Welt, eigentlich ein Muss. Das war bis vor zehn bis zwanzig Jahren zwar auch schon so, aber beschränkt auf einige gehobene Berufe im Bank- und Finanzwesen mit Kontakt zum internationalen Handel, auf Fremdsprachenlehrer und auf Diplomaten. Inzwischen ist es allgemein geworden. Und die riesige Zahl der Programme und Möglichkeiten, gefördert oder nicht, macht es auch allgemein möglich und sogar "üblich".

CM: Was sind die aktuellen Trends bei Auslandsaufenthalten?

Studierende sind derzeit fast immer hinter Praktika her, brauchen aber oft wegen nicht ganz einwandfreier Sprachkenntnisse die Kombination von Sprachkurs und Praktikum - beziehungsweise erst einmal einen richtig intensiven Sprachkurs, ehe sie überhaupt an ein Praktikum denken können. Vielen muss man erst einmal klar machen, dass man im Praktikum die Fremdsprache nicht erlernen kann, es sei denn, man ist bereits auf einem hohen Niveau und nutzt das Praktikum, um den Sprachkenntnissen den letzten Schliff zu „near native“ zu geben. Dann gibt es da noch die Trends "Work&Travel", – das ist aber eher was für die Gap-Year Leute nach dem Abi. Und "Study&Work", was oft ein Wunschtraum ist und zumindest im angloamerikanischen Raum wegen der hohen Studiengebühren für die breite Studentenöffentlichkeit nicht erschwinglich ohne Förderung. Dennoch: Jedes Jahr zieht es zum Beispiel über 10.000 deutsche Studentinnen und Studenten in die USA zum Studium, - die meisten ohne Förderung und Uni- Partnerschaftsabkommen.

CM: Wenn wir die Situation kurz nach der Bologna-Reform vor 15 Jahren mit heute vergleichen – Was hat sich in den letzten Jahren Grundlegendes geändert?

In Deutschland ist die Bologna-Reform verkorkst. Mit dem Standard des sechssemestrigen Bachelorstudiums hat die Bologna-Reform völlig unnötigerweise versucht, die Studierenden in eine Einheitsform zu pressen. Der freischwebende Master danach führt unter den Studierenden oft zu Panik wegen der Platzsuche nach einem vernünftigen Aufbaustudium nach einem ungenügenden Grundstudium. Mit dem einfach aussehenden, doch in deutscher Manier hochkompliziert zu handelnden ECTS-Punkteverfahren hat die Reform zwar viele Bürokraten in Akademischen Auslandsämtern glücklich gemacht, aber sonst kaum etwas zum besseren geändert.

 
Und mal ganz grundsätzlich: Die Idee, dass ein Studium zuallererst eine hochqualifizierte und sich finanziell auszahlende Berufsausbildung ist, ist auf dem Boden der Betriebswirtschaft gewachsen, deren Consulting-Teams auch die Hochschulen inzwischen  durchziehen und beraten. „Humboldt? Oh Gott - ineffizientes Herumstudieren und Lehren. Freie Wissenschaft? Die sollen gefälligst für ihr Geld mit der Industrie zusammenarbeiten.“ Ich sehe den Trend, dass Studierende immer mehr von Unternehmen „abgeworben“ und so schnell wie möglich in die freie Wirtschaft gestoßen werden. Das gefährdet meiner Meinung nach eine gute Hochschulbildung, die sich nicht drängen lässt und nicht in Wertschöpfungsketten denkt.

CM: Welche Tipps haben Sie für Studierende, die ins Ausland wollen?

Früher hätte ich gesagt: Geht mal in euch und findet heraus, worauf ihr in der Fremde neugierig seid und warum. Dann lernt die jeweilige Sprache und taucht in die Kultur ein. Heute muss ich fast schon raten: Schaut euch auf dem deutschen Markt und auch im Ausland nach den besten, schnellsten, lohnendsten Karrierestufen um und klettert dort zielgerichtet herauf. Zynisch gesagt: Wenn China der Markt der Zukunft ist, dann seht zu, dass ihr rasch Mandarin lernt und in Shanghai ein Praktikum macht; vergesst Finnland. Das ist natürlich Ironie, und ich tue das nicht, sondern rate eher: Folgt erst einmal euren Neigungen bei der Wahl der Kultur und der Sprache, die ihr kennenlernen wollt. Lest so viel wie möglich darüber und löchert diejenigen, die schon da waren. Dann kümmert ihr euch um die Finanzierung - und wenn es für ein Jahr nicht reicht, dann geht lieber 3 Monate als gar nicht. Bringt eure Sprachkenntnisse mindestens auf B-2 Niveau, besser C-1. Vergesst nie die Visumsbürokratie, die Mühen der Praktikums- oder Studienplatzsuche und plant dafür sechs bis neun Monate Vorlauf.

"Die Finanzen müssen klar sein, ebenso wie die Logistik von Visum, Arbeitserlaubnis, Versicherung, Transport.  Die Anerkennung von Studienleistungen nach der Rückkehr unbedingt vorher schriftlich klären. Plant für alles sechs bis neun Monate ein"

Dr. Kurt Gamerschlag, CollegeCouncil


Und dann macht ihr euch auf mit offenem Kopf, und am besten ohne Karriereziel, aber mit dem Ehrgeiz, möglichst viel zu lernen - nicht nur akademisch.

CM: Welche sprachlichen Voraussetzungen müssen Studierende mitbringen?

Die bequemen studieren überall auf Deutsch oder Englisch. Die anderen lernen erst einmal eine dritte Sprache mindestens auf B2 Niveau.

CM: Wie kann man sich im Angebotsdschungel überhaupt zurechtfinden?

Ich fürchte, das ist nicht so einfach, denn es gibt da keinen, der vorfiltert, keine Vergleichsportale, – denn jeder macht irgendwie und irgendwo etwas anders als der Mitbewerber. Über den Preis zu laufen, ist auch nicht klug.

"Manchmal sind die teuersten und größten Anbieter alles andere als die Besten in der Durchführung"

- Dr. Kurt Gamerschlag, CollegeCouncil

Man muss sich schon die Mühe machen, die zehn bis zwanzig Anbieter, die es für jede Richtung, ob Studium oder Praktikum gibt, durchzuarbeiten. Auf die Punkte achten, die wirklich nützlich scheinen, und mit denjenigen Anbietern dann reden, die am wenigsten "Schnickschnack" um die Kernleistungen anbieten. Immer schauen, ob man nicht Blogger findet, die die Angebote schon mal wahrgenommen haben.
 


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