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Zweite Chance Stipendium für geflohene Wissenschaftler

Wissenschaftler sind weltweit auf der Flucht vor Krieg und politischer Verfolgung. Auch das Ehepaar Anan und Houssam musste Syrien verlassen. Er Philosoph und Regimekritiker. Sie Juristin. Im Gegensatz zu vielen anderen Wissenschaftlern hatten die Beiden großes Glück. Campus Magazin hat sie an der Uni Köln besucht. Durch ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung können sie vorerst weiterforschen.

Von: Monika Haas

Stand: 15.05.2017

Die Initiative baut gerade ein Netzwerk an deutschen Universitäten, Fachhochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf, um verfolgte und geflohene Wissenschaftler in den deutschen Unibetrieb einzugliedern.

Wissenschaftler fliehen aus ihrer Heimat.

Im Exil die eigene wissenschaftliche Karriere fortsetzen zu können, ist immer noch ein großes Privileg, das nur wenigen geflohenen Wissenschaftlern zuteil wird. Die Barrieren sind groß: Sprache, Wohnen und auch die Konkurrenz mit deutschen Wissenschaftlern.

"Ich bin glücklich, dass meine Familie und ich hier in Köln eine Zukunft haben."

Dr. Anan Al-Sheik Haidar

Dr. Houssamedden Darwish mit Student orientalistischen Seminar

Dabei können die gastgebenden Universitäten durchaus profitieren vom Wissen der Exilanten. Housam beispielsweise ist ein bekannter syrischer Philosoph und Regimekritiker, der Standardwerke der Orientalistik verfasst hat. Anan, seine Frau ist Expertin für internationales Strafrecht, Schwerpunkt Nahost und Syrien. Ihr Wissen ist besonders gefragt in Deutschland. Mal ganz abgesehen von der moralischen und politischen Verpflichtung des Helfen-Könnens und Wollens in einem reichen Land wie Deutschland.

"Ich halte das Stipendium und, dass Universitäten so etwas tun können, für ein sehr schönes und kraftvolles Zeichen der Solidarität mit unseren Kolleginnen und Kollegen, die dieselbe Leidenschaft mit uns teilen, aber nicht das Glück haben, dies in gesicherten und friedlichen Umgebung tun zu können. Und es ist auch ein Zeichen an diejenigen in ihren Heimatländern, die sie daran hindern."

Prof. Dr. Claus Kreß, Lehrstuhlinhaber Internationales Strafrecht und Friedenssicherungsrecht

Für die Aufnahme verfolgter Experten sollen dauerhaft Strukturen entstehen: Eine ganz neue Aufgabe für die etablierten „International Offices“, die internationale Gastwissenschaftler betreuen. Das "Welcome Center" der Universität Köln ist eines der ersten in Deutschland, das aktiv geworden ist. Leiter Johannes Müller versucht geflohene Forscher mit passenden Projekten zusammenzubringen. Wenn das „Matching“ passt, kümmert er sich um die Bürokratie rund um Flüchtlingsfragen - Asylantrag, Aufenthalts- und Arbeitsrecht.

"Wir haben hier sechs Gastwissenschaftler und sind damit meines Wissens nach Berlin die Universität mit der höchsten Zahl geflüchteter Forscher. Für uns ist das eine Frage der Solidarität, die wir als Universität gerne leisten. Aber das bedeutet auch einen größeren Betreuungsaufwand, als bei unseren anderen internationalen Gästen. Kulturangebote und Sprachkurse reichen nicht, geflohene Wissenschaftler brauchen Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung und einem Kindergartenplatz. Und: Jeder Fall ist anders und die Bürokratie rund um Asylrecht und Anerkennung ist enorm groß, etwa wenn der Pass abläuft."

Dr. Johannes Müller, Welcome Center Universität zu Köln

Wie sieht das Programm konkret aus?

Antrag für ein Philipp-Schwartz-Stipendium

Seit 2015 fördert die Philipp-Schwartz-Initiative die Aufnahme verfolgter Wissenschaftlern. 84.000 Euro (jährlich) befristet für zwei Jahre. Nicht die Stipendiaten bekommen das Geld, sondern die gastgebenden Forschungseinrichtungen. Sie müssen im Gegenzug darlegen, wie sie über den Einzelfall hinaus auch künftig andere geflohene Wissenschaftler einbinden und fördern können. Die Philipp-Schwartz-Initiative wurde von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt ins Leben gerufen. Finanziert wird sie durch das Auswärtige Amt, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die Fritz-Thyssen-Stiftung, die Gerda Henkel Stiftung, die Klaus-Tschira-Stiftung, die Robert-Bosch-Stiftung sowie die Stiftung Mercator.

Eine Chance – mit ungewissem Ausgang

Mit 68 Stipendien seit 2015 ist das Programm erfolgreich angelaufen – zusätzlich fördert auch die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) noch einmal knapp 30 Wissenschaftler mit Fluchthintergrund. Über den amerikanischen "Scholar Rescue Fund“ können sich gefährdete Wissenschaftler bereits vor ihrem Exil auf entsprechende Positionen bewerben.

Kurze Kaffeepause an der Uni Köln

Klingt vielversprechend und doch gibt es zahlreiche Hindernisse auf dem Weg in den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Viele Akademiker stecken unentdeckt in Asylheimen fest. Geflohene Forscher haben sich ihr Gastland nicht unbedingt ausgesucht. Die wenigsten bringen ausreichende Sprachkenntnisse mit. Deutsch müssen sie deshalb im Schnellverfahren lernen - parallel zur fachlichen Aufholjagd in ihrem Fachbereich. Trotz hoher Qualifikation können die Meisten während der Flucht und im laufenden Asylverfahren – also jahrelang - nicht forschen. Dazu kommt die Befristung des Programms. Im Wissenschaftsbereich zwar generell üblich, stellt sie eine besondere Härte dar. Ob die Stipendiaten nach 2 Jahren im Wettbewerb mit anderen Forschern überhaupt eine Chance haben, ist fraglich


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