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Lehrer oder brotlose Bücherwürmer Mythos-Check Germanistikstudium

Über Germanisten wird gerne gelästert: "Brotlose Kunst", "Nur für Bücherwürmer", "Soll das eine Wissenschaft sein? Deutsch kann doch jeder!" Sind diese Klischees reine Mythen oder steckt doch ein Fünkchen Wahrheit drin? Das Campus Magazin hat für Euch den Mythen-Check gemacht.

Von: Annekathrin Wetzel

Stand: 20.06.2017

Trotz aller Vorurteile ist Germanistik mit 90.000 Studierenden eines der beliebtesten Studienfächer in Deutschland und wird an allen großen Universitäten angeboten. Eine Leidenschaft sollte der Student unbedingt mitbringen: Bücher lesen!

"Also Lesen ist mein allergrößtes Hobby. Ich habe mittlerweile über 500 Bücher. Den Mythos, dass Germanistik trocken und langweilig ist, kann ich nicht bestätigen. Ich find Germanistik ist einer der vielfältigsten und spannendsten Studiengänge."

(Stefanie Vögerl, Germanistiksudentin Uni Regensburg)

Lesen macht uns zu besseren Menschen

Stefanie verrät uns, warum gerade das Lesen zu den schönsten Beschäftigungen der Welt gehört und uns zu besseren Menschen machen kann.

Deutsche Sprache = Wissenschaft?

"Ich glaube, das typische Klischee ist, dass man im Studium nichts Neues lernt, weil jeder ja schon Deutsch kann und dass es nicht über den normalen Deutschunterricht hinausgeht. Das stimmt überhaupt nicht."

(Anna Saller, Germanistiksudentin Uni Regensburg)

Bei Germanistik denken viele zunächst an Literaturwissenschaft. Doch das ist nur eine der drei Hauptsäulen des Germanistikstudiums. Zu den Teilfächern gehören auch Mediävistik - das Studium der alten deutschen Sprache und die Deutsche Sprachwissenschaft. Letztere erscheint auf den ersten Blick vielleicht trocken, dabei birgt gerade dieses Fach eine Fülle an interessanten Möglichkeiten für Studium, Beruf und Forschung.

Einer der darauf so richtig Appetit machen kann, ist der Lehrstuhlleiter der Deutschen Sprachwissenschaft an der Uni Regensburg. Wie wär’s auf einen Kaffee mit Professor Rössler?

Klicktipp:

Womit sich die Deutsche Sprachwissenschaft im Detail beschäftigt, könnt Ihr hier nachlesen.

"Es war nicht die große Leseleidenschaft, die mich zum Germanistikstudium bewegt hat. Sondern eher die Faszination der Anwendung. Nämlich dass man Themen erforscht, die mit dem Sprachgebrauch im Alltag zu tun haben. Und das System des Sprachgebrauchs und dessen Problematik. Der Funktionsaspekt der Sprache hat mich immer fasziniert."

(Felix Potschatka, Germanistikstudent Uni Regensburg)

Lehrer oder Taxifahrer?

Es stimmt. Die Mehrzahl der Studierenden will später Lehrer oder Lehrerin werden. Es galt lange Zeit als ein sicherer, gut bezahlter Job. Doch die Zeiten haben sich geändert.

"Nach wie vor gibt es viele, die auf der Warteliste stehen oder die sich jetzt vielleicht einen anderen Bereich ausgesucht haben. Als 'sicher' würde ich die Situation für Lehrer auch in Zukunft nicht betrachten."

(Anna Saller, Germanistikstudentin Uni Regensburg)

"Ich weiß natürlich, dass die Lehrerbedarfs-Prognosen momentan nicht so wunderbar aussehen und dass man da auch etwas flexibel sein muss, aber ich werde es versuchen und hoffe, dass ich irgendwann als Lehrer arbeiten kann. Falls nicht, bin ich aber auch bereit, Abstriche zu machen oder in ein anderes Gebiet zu gehen."

(Felix Potschatka, Germanistikstudent Uni Regensburg)

Info

Im Wintersemester 2015/2016 studierten an der Universität Regensburg 75 Prozent der Germanistikstudenten auf Lehramt.

Die Uni Regensburg bietet Hilfe

"KlpKo" steht für Kommunizieren und Instruieren im professionellen Kontext. Es ist eine Zusatzqualifikation für Absolventen des Lehramts.

"Es geht darum, Studierende, die ein Studium im Lehramt absolviert haben, nochmal zu fördern und zu unterstützen und auf den außerschulischen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Wir schauen uns auch verschiedene Stellenbeschreibungen zusammen an. Das ist ganz wichtig, dass die Studierenden dafür ein Verständnis entwickeln und wissen, was sie können. Oft sind sie nicht selbst bewusst und zweifeln ganz stark daran, dass sie das können."

(Eva-Maria Meier, Doktorandin am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft, Uni Regensburg)

Karrieretipp: Professorenlaufbahn

Jeder Lehrstuhl hat auch die Aufgabe, die Forschung zu fördern.

"Eine kleine Gruppe von Studierenden wählen wir aus und ermutigen diese in die Forschung zu gehen."

(Prof. Dr. Paul Rössler, Deutsche Sprachwissenschaft, Uni Regensburg)

Kann das zum Sprungbrett für eine Professorenlaufbahn werden?

Bei Bachelor/Master zählt Wille und Kreativität

Allen Mythen zum Trotz ist das Germanistikstudium sehr breit aufgestellt und bietet jede Menge Jobchancen. Längst beschäftigen sich die Fächer nicht mehr nur mit Literatur, sondern zum Beispiel auch mit Computerlinguistik.

Es kommt außerdem darauf an, mit welchen Fächern es kombiniert wird, wie zum Beispiel Informatik, Anglistik oder Mathematik. Der Praxisbezug wird kontinuierlich verstärkt und letztendlich zählt hier Eigeninitiative und Engagement.

"Ich trete bereits als Schauspielerin in einem Theater auf, inszeniere an verschiedenen Schulen Theaterstücke, arbeite in einem Tonstudio und hab da viel mit Texten zu tun, auch mit Marketing und Ähnlichem. Ich bin keine pure Theoretikerin. Und ich liebe es zu lehren. Ich veranstalte die Tutorien in der älteren deutschen Literaturwissenschaft, also zur Einführung in die mittelhochdeutsche Sprache und Literatur. Das ist wunderschön und macht wahnsinnig viel Spaß."

(Steffi Rohrmeier, Germanistikstudentin, Uni Regensburg)

"Wir haben hier in Regensburg Deutsch als Fremdsprache, was ein total spannender Fachbereich ist, weil man jetzt durch die Flüchtlinge in die Situation kommt, dass viele Menschen Deutsch lernen möchten. Und das ist ein ganz spannendes Arbeitsfeld."

(Manuel Glondys, Germanistikstudent Uni Regensburg)

"Nach dem Germanistik Studium habe ich mich schon gefragt, wohin geht es jetzt eigentlich? Für mich war klar, es muss irgendwas mit Geschichten sein. Ich will Bild und Text verknüpfen. Und: Ich will nicht in die Printmedien. Da habe ich mich bei einer Produktionsfirma beworben und durfte dann auch feststellen: Das ist mein Weg."

(Sara Emering, Germanistik-Absolventin und Drehbuchautorin/Filmemacherin)

Das Germanistikstudium in Zahlen

14 Prozent der Germanisten sind eineinhalb Jahre nach ihrem Examen selbstständig. (Quelle: staatl. Forschungseinrichtung DZHW, aktuellste Statistik Befragung des Jahrgangs 2005)

30 Prozent der Absolventen eines Bachelor-Jahrgangs gelingt der direkte Berufseinstieg. Zwar gibt das Studium keinen konkreten Beruf vor, dafür können Germanisten in vielen Branchen arbeiten, zum Beispiel in der Werbung, bei TV und Film, in der Unternehmenskommunikation oder in der Sprachforschung. Sie müssen mitunter hartnäckig sein.

12 Prozent der Germanisten waren 2011, sechs Jahre nach dem Examen, unbefristet in Vollzeit beschäftigt. (Quelle: DZHW)

1600 Euro brutto im Monat verdienen, nach Angaben der Internetseite bachelor-studium.net, Germanisten als Berufsanfänger im Durchschnitt. Nach zehn Jahren Berufserfahrung können Geisteswissenschaftler ihr Gehalt dann auf knapp 4000 Euro brutto steigern.


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