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"Generation What?" Europas größte Jugendstudie - die Ergebnisse

Wie ticken die heute 18-34jährigen in Europa? Das multimediale Projekt "Generation What?" gibt mit knapp einer Million Teilnehmern europaweit erstmals ein umfassendes Bild einer ganzen Generation. Campus Magazin präsentiert die Ergebnisse.

Von: Barbara Weber

Stand: 15.11.2016

Generation Anpassung – Wie Europas Jugendliche die Zukunft sehen

Lange hat man sie als Generation Y bezeichnet, als Idealisten, die sich selbst verwirklichen wollen und viel zu lange in schlecht bezahlten Praktikantenjobs dümpeln. Doch nach der Studie „Generation What?“ verdienen sie ein neues Etikett: Generation Adaption. Es lebe die Anpassung! Sie sind pragmatische Realisten und blicken trotz aller Bedrohungen durch Terroranschläge optimistisch in die Zukunft:

Erstaunlicherweise haben Nizza, Würzburg und München kaum einen Einfluss auf die Haltung junger Menschen zum Thema Zukunft, denn 64% blicken hoffnungsfroh in die Zukunft. Nur bei einem Thema ist der Optimismus nicht weit verbreitet: Alle jungen Europäer sind sich einig, dass Bildung in ihrem Land nicht gerecht ist. Auffallend ist auch, dass eine Mehrheit die Institutionen ablehnt. Die Kirche ist unten durch bei den Jungen, Politikern vertraut man kaum, nur die Polizei ist im Ansehen gestiegen, was vermutlich am Krisenmanagement während der Anschläge liegt. Campus Magazin stellt die wichtigsten Ergebnisse der internationalen Studie vor - zu den Themen Bildungschancen, Bedeutung von Arbeit und Erwartungen an die Zukunft, private Ziele und Sehnsüchte.

Campus Magazin hat beim Studienleiter des SINUS-Instituts, Maximilian von Schwartz, nachgefragt:

Die junge Generation war schon immer ein Seismograph für gesellschaftliche Probleme. Neu ist, dass die Debatten derzeit weltweit hitziger und mitunter unsachlicher geführt werden. Sei es die Debatte zur Flüchtlingssituation in Deutschland, der Brexit in Großbritannien oder der Wahlkampf in den USA - hinter den diskutierten Themen liegen Spannungen und Gräben in der Gesellschaft, die von einem beachtlichen Anteil der jungen Menschen wahrgenommen werden.    

Dies spiegelt sich auch in den Ergebnissen der multimedialen Studie „Generation What?“ wider. Knapp eine Million junge Europäer aus fünfunddreißig Ländern haben an der Umfrage teilgenommen. Das Sinus Institut hat inzwischen die Daten ausgewertet, die Ergebnisse für Deutschland liegen vollständig vor. Und so denken und fühlen junge Deutsche zwischen 18 und 34 Jahren:

Geringe Bedeutung von Kirche und Religion

Religion und Kirche spielen nur für eine Minderheit eine Rolle: Gerade mal 20 Prozent geben an, ohne den Glauben an einen Gott nicht glücklich sein zu können. Von allen abgefragten Institutionen ist das Vertrauen in die religiösen Institutionen am geringsten. 83 Prozent haben in sie kein oder sehr wenig Vertrauen!

Aber selbst bei Gläubigen steht die Hälfte der Befragten den kirchlichen Institutionen misstrauisch gegenüber. Die Skandale und die aus Sicht vieler jungen Leute verkrusteten und intransparenten Strukturen dürften hierfür ausschlaggebend sein. Für viele geht von der Kirche offenbar ein Dogmatismus aus, der einem die Fähigkeit abspricht, selbst zu urteilen.    

Große Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen

Politik und Politiker werden äußerst skeptisch gesehen: Nur 1 Prozent vertraut ihnen völlig, 27 Prozent immerhin mehr oder weniger. 71 Prozent haben also überhaupt kein oder eher kein Vertrauen. Auch das Bildungssystem und Bildungschancen in Deutschland werden kritisch von der Jugendgeneration beurteilt. Gerade mal 1 Prozent ist fest davon überzeugt, dass das Bildungssystem sie gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.

26 Prozent stimmen dem im Großen und Ganzen zu. 22 Prozent sehen überhaupt keine Gerechtigkeit im Bildungssystem, 38 Prozent eher keine. Somit sind 60 Prozent im Großen und Ganzen der Ansicht, dass es Chancenungleichheit in unserem Bildungssystem gibt. (35 Prozent finden es eher gerecht, 5 total gerecht.)

Ungleichheit wird aber auch außerhalb des Bildungssystems wahrgenommen. 86 Prozent finden, dass die Ungleichheit in Deutschland immer mehr zunimmt. Und auch zwischen den Geschlechtern scheint es noch lange nicht fair zuzugehen, finden immerhin 52 Prozent!

Große Sorgen vor sozialen Unruhen

 Die größte Sorge junger Deutscher ist mit 35 Prozent die vor sozialen Unruhen. Das ist laut Sinus Institut ein erstaunlich hoher Wert. Persönliche Themen kommen erst danach, etwa die Angst davor „nicht genug Geld zu haben“, oder Nachteile bei der „Rente“ in Kauf nehmen zu müssen bzw. keinen „bezahlbarer Wohnraum“ zu finden.

Starke Unterschiede zwischen den Bildungsschichten

Wirklich besorgniserregend: Die Studie offenbart in nahezu in allen Lebensbereichen signifikante Unterschiede zwischen den Bildungsgruppen: Bildungsferne 18-34jährige blicken weniger optimistisch in die Zukunft, haben seltener das Gefühl, das eigene Schicksal in der Hand zu haben, haben Angst gesellschaftlich abzusteigen, fühlen sich daher öfter durch Zuwanderung bedroht und sind für einen Ausstieg aus der EU. Offensichtlich fühlen sich die bildungsfernen Schichten deutlich stärker von der Politik im Stich gelassen.

Klingt alles etwas düster, oder? Ist es aber nicht, denn die Generation der 18-34jährigen hat längst gelernt sich anzupassen und das Beste aus dem zu machen, was ist.

Zukunftsaussichten – vorsichtiger Optimismus:

Hoffnung durch Möven ausgedrückt | Bild: BR

Trotzdem all der Konflikte und Probleme in der Welt blickt die Mehrheit der 18- bis 34-Jährigen optimistisch in die Zukunft (58 Prozent sind eher oder sehr optimistisch); nur 8 Prozent sind sehr pessimistisch. Woher kommt dieser Optimismus, wenn die Rahmenbedingungen so schwierig sind? Drei von Vier (72 Prozent) sagen, dass man das eigene Schicksal selbst in der Hand hat, 82 Prozent sagen, „wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ und die Ergebnisse von anderen Jugendstudien, wie der Shell Jugendstudie oder der SINUS-Jugendstudie, kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass junge Menschen sich vor allem durch ihren Pragmatismus auszeichnen.

Interessanterweise glaubt die heutige Jugendgeneration, dass erst ihre Kinder die Folgen der derzeitigen Entwicklung tragen müssen. Gerade mal 1 Prozent glaubt, dass das Leben ihrer Kinder im Vergleich zum eigenen Leben besser sein wird. 45 Prozent glauben es wird schlechter, 33 Prozent glauben es bleibt gleich. Aus der Sicht dieser jungen Menschen scheint es also negative Entwicklungen zu geben, die sich erst für kommende Generationen zu spürbaren Problemen entwickeln könnten, z.B. die Folgen von Überbevölkerung, instabilen Wirtschaftssystemen oder eine aus dem Gleichgewicht geratene Umwelt.

Nähe zu den eigenen Eltern

Wirklich wohl fühlen sich junge Deutsche in der eigenen Familie, sie spielt eine extrem große Rolle: 84 Prozent sagen, die eigenen Eltern seien stolz auf das, was man bisher erreicht hat. 83 Prozent sagen, sie würden von ihren Eltern bei ihren Entscheidungen unterstützt. Knapp die Hälfte sagt, das Verhältnis zu den eigenen Eltern sei entspannt, für ein Viertel ist es sogar ideal.

78 Prozent aller Azubis, SchülerInnen und StudentInnen werden finanziell von den eigenen Eltern unterstützt. Selbst bei den jungen Leuten, die schon arbeiten, sind es noch 29 Prozent. Die Generationen rücken näher zusammen und haben mehr Verständnis füreinander als es zwischen früheren Generationen der Fall war. Man hört mitunter die gleiche Musik wie die Eltern, schaut die gleichen Serien oder kleidet sich sogar gleich. Zwischen den Generationen gibt es also keinen so großen Bruch mehr. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Rückzug ins Private „Cocooning“ die Antwort der 18-34jährigen auf eine sich rasant verändernde Welt ist. Der Wunsch nach Beständigkeit und Sicherheit prägt diese junge Generation. Sie sind zwar Skeptiker, aber auch pragmatische Realisten und passen sich eher an, als gegen bestehende Verhältnisse zu rebellieren – „Generation What?“ ist eine Generation der Adaption.

Abschlussbericht DEUTSCHLAND Format: PDF Größe: 1,07 MB

Generation What? - "Optimism report" Format: PDF Größe: 4,91 MB


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