ARD-alpha - Campus Magazin


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Flüchtlingshilfe "Mehr als ein Patenkind"

Seit einem Jahr ist Timm, 24, Pate eines afghanischen Flüchtlings. Seine Erfahrungen und welche Verantwortung er durch die Patenschaft übernommen hat, erzählt er im Interview mit dem Campus Magazin.

Von: Linda Zahlhaas

Stand: 09.10.2015

Timm Baumann, Flüchtlingspate, Münchner Mentoren | Bild: Linda Zahlhaas

Timm Baumann hat vor einem Jahr die Patenschaft für einen afghanischen Flüchtling übernommen. Uns erzählt er, welche Erfahrungen er macht. Seinen Paten-Flüchtling können wir nicht vorstellen. Es gehört zum Konzept des Projekts die Identität der betreuten Flüchtlinge zu schützen.

CM: Timm, was war deine Motivation, eine Flüchtlings-Patenschaft zu übernehmen? Warum hast du das gemacht?

"Vor einem Jahr, als die Bayernkaserne überquoll, wollte ich auch unbedingt helfen. Das Glück, in einem Land leben zu dürfen, in dem Frieden, Toleranz und Wohlstand herrscht, hat nicht jeder. Ich dachte mir, ich bin Student und habe Zeit, warum also nicht."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Wie hast du dann dein Patenkind gefunden?

"Ich bin über einen Kommilitonen mehr zufällig auf die Münchner Mentoren e.V. aufmerksam geworden. Die Münchner Mentoren arbeiten ehrenamtlich und vermitteln Patenschaften und Vormundschaften für unbegleitete, größtenteils minderjährige Flüchtlinge. Dort habe ich mich vorgestellt und dann relativ schnell einen Termin in einer der Flüchtlingsunterkünfte bekommen. Einer der Organisatoren der Münchner Mentoren hat mich dann beim ersten Treffen mit meinem Patenkind Jannik begleitet."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Wie war das erste Treffen mit Jannik? Was macht ihr, wenn ihr euch seht?

"Jannik war, als ich ihn vor einem Jahr kennengelernt habe, gerade 18 geworden und ist jetzt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Er ist total auf zack und ein sehr offener Typ. Wir haben uns sofort gut verstanden, da hatte ich wirklich Glück. Andere Flüchtlinge haben teilweise noch viel größere Probleme als Jannik, was die Patenschaft dann erschwert. Wir sind dann in den Englischen Garten spazieren gegangen und ich habe ihm München gezeigt. Die Innenstadt kannte er noch nicht so richtig. Wir waren Kaffee trinken, das war auch etwas komplett Neues für ihn. Er war davor noch nie in einem Café oder in einem Restaurant."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Wie erfahren die Flüchtlinge von dem Patenschafts-Projekt?

"Durch ihre jeweiligen Betreuer in den Flüchtlingseinrichtungen."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Was sind deine Aufgaben jetzt als Pate von Jannik?

"Die Hauptaufgabe ist, eine Brücke zu schlagen zwischen der deutschen Zivilgesellschaft und den Flüchtlingen, um ihnen einfach zu zeigen, da ist jemand der sich für dein Schicksal interessiert und möchte, dass du dich hier wohl fühlst. Gleichzeitig geht es natürlich darum, Deutsch zu sprechen. In seiner Unterkunft lebt er mit anderen Afghanen zusammen und hat dort wenig Möglichkeit, Deutsch zu sprechen. Wir unternehmen ein bis zwei Mal in der Woche etwas zusammen und ich versuche ihn in meine Familie und meinen Freundeskreis einzubinden. Wir gehen oft spazieren, ich nehme ihn auf WG-Partys mit oder wir kochen zusammen."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Was sind Janniks größte Probleme in Deutschland?

"Das eine ist die Flucht. Er hatte eine sehr anstrengende Flucht hinter sich, die über ein halbes Jahr gedauert hat. Wo er nicht wusste, wo es hingeht, nicht wusste, ob er überlebt, das Schiff kentert, er hat enorm unter Durst und Hunger gelitten. Darunter leidet er noch sehr. Das ist dann auch für mich schwer, sich das vorzustellen und nachzuvollziehen. Er ist ganz alleine in Deutschland und vermisst natürlich seine Familie und hat auch Angst um sie. Seine Verwandten leben in einem kleinen afghanischen Dorf, wo es keine Straßennamen, keine Postleitzahl und kein Internet gibt. Es ist schwierig für ihn, Kontakt zu halten zu seinen Angehörigen. Das Alltagsleben in Deutschland ist komplett neu für ihn. Er sagt immer, dieser ganze Stress, den kennt er aus Afghanistan nicht. Dort hat er Schafe gehütet und die Landschaft genossen. Zum Beispiel U-Bahn fahren war auch etwas ganz Neues, so viele Menschen, von denen ihn dann manche auch komisch anschauen, weil er eben nicht deutsch aussieht. Und er hat natürlich wenig finanzielle Mittel. Für mich ist das dann eine Selbstverständlichkeit, dass ich ihn überall einlade. Trotzdem weiß er es zu schätzen, in einer doch recht toleranten Stadt wie München gelandet zu sein."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Fühlst du dich dann nicht auch manchmal überfordert? Oder denkst dir, dass ein Älterer ihm vielleicht besser helfen könnte?

"Er hat auch seine Betreuer, die älter sind. Aber ich fühle mich reif genug, ihn zu unterstützen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich einiges über Afghanistan und den Islam weiß."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Profitierst du denn auch von der Patenschaft?

"Komplett, wobei das nicht der Grund ist, warum ich es mache. Es geht natürlich darum zu erkennen, dass es nicht um das eigene Wohlergehen im Leben geht, sondern um das der anderen, die nicht so viel Glück hatten. Für mich ist das eine ganz andere Welt, die ich kennengelernt habe, von der ich auf kultureller, menschlicher Ebene profitiere. Ich habe einfach auch einen Freund dazugewonnen. Jannik ist mehr als nur mein Patenkind."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Wie ist es in der Zukunft geplant?

"Ab November muss er aus dem Jugend-Wohnheim ausziehen und er weiß noch nicht, wo er danach wohnen kann. Jannik macht im nächsten Jahr seinen Hauptschulabschluss. Dann muss er einen Ausbildungsplatz finden.  Dabei werde ich ihn natürlich auch unterstützen."

Timm, Flüchtlingspate

CM: Timm, Danke für das Gespräch.


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